Szenen einer Krimi-Ehe Udo Wachtveitl / Miroslav Nemec Die Münchner "Tatort"-Kommissare feiern ihr 20-jähriges Dienstjubiläum (So., 21.11., ARD, 20.15 Uhr)

Die beliebten "Tatort"-Kommissare aus München berichten über die Männerwirtschaft am Set, den Kampf um gute Drehbücher und erklären, warum sie mit ihrer Krimireihe entspannt älter werden können.
22.10.2010, 00:00
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Von Rupert Sommer

Die beliebten "Tatort"-Kommissare aus München berichten über die Männerwirtschaft am Set, den Kampf um gute Drehbücher und erklären, warum sie mit ihrer Krimireihe entspannt älter werden können.

Der in diesem Herbst von der ARD gejubelte 40-Jahre-Geburtstag der "Tatort"-Reihe bringt für die Münchner Kommissare Udo Wachtveitl (52) und Miroslav Nemec (56) ein ganz persönliches Jubiläum mit sich: Seit fast 20 Jahren - offiziell gefeiert wird Anfang 2011 - sind die beiden kauzigen Typen ein unzertrennliches Ermittler-Paar. Ihre Freundschaft geht so weit, dass sie sich im Interview ihre Sätze gegenseitig ergänzen und leidenschaftlich durcheinanderreden. Ihren 56. Fall, den "Tatort: Unsterblich schön", lösen sie am Sonntag, 21.11., 20.15 Uhr, im Ersten. Und schon am 19. Dezember folgt der sehr sehenswerte "Tatort: Nie wieder frei sein".

teleschau: 25 Jahre nach der Heirat spricht man von der "Silberhochzeit", zum 20-Jahre-Jubiläum klingt es mit "Porzellanhochzeit" noch ein wenig prosaischer. Sie agieren jetzt schon zwei Jahrzehnte Seite an Seite - wie steht es um Ihre "Porzellan-Ehe"?

Udo Wachtveitl: (lacht) Eine gute Ehe hat Höhen und Tiefen.

Miroslav Nemec: Und sie hat keinen Ring oder irgendwelche vertraglichen Verpflichtungen ...

Wachtveitl: ... und in unserem Fall keine Kinder.

teleschau: Auch wenn das Ehe-Bild etwas bemüht wirkt, verbindet sie trotzdem ja schon ein längerer gemeinsamer Weg. Wachen Sie manchmal nachts überrascht auf und fragen sich, was der Miro oder der Udo jetzt gerade denken könnte?

Wachtveitl: So weit geht unsere Beziehung ja noch nicht. Aber im Ernst: Wenn man sich so gar nicht vertragen würde, dann könnten wir nicht so lange miteinander drehen.

teleschau: Wie intensiv ist Ihr Kontakt abseits der Kameras?

Nemec: Das Verbindende ist erst einmal die gemeinsame Arbeit. Aber das Private und der Beruf sind manchmal schwer zu trennen. Doch wenn die Arbeit einmal wegfallen würde, blieben vermutlich bei jedem von uns andere Interessen übrig. Ich merke das, wenn ich etwa an meine Rockband denke.

teleschau: Viele andere Paarungen von "Tatort"-Kommissaren haben klar festgelegte Rollen-Klischees - bis hin zu Beziehungsmätzchen vor der Kamera. Ihre beiden Ermittler konzentrieren sich meist stärker auf die jeweiligen Fälle.

Wachtveitl: Dies ist einer, wie ich meine, sehr zu begrüßenden gedanklichen Freiheit und Wachheit der Redaktion geschuldet. Dass unsere Rollen nicht so starr typisiert sind, liegt auch daran, dass es am Anfang eine rückblickend betrachtet sehr nutzenbringende Unbekümmertheit bei der Figurenfindung gab, die noch nicht am Marketing orientiert war.

teleschau: Das müssen Sie genauer erklären.

Wachtveitl: Normalerweise würde man heute viel strategischer an unsere Rollen rangehen. Zu jeder Eigenschaft des einen braucht man dann zum Beispiel eine genau festgelegte spiegelbildliche Qualität des anderen. Dadurch wäre dann das Korsett, in das man als Schauspieler schlüpfen muss, viel enger zusammengezurrt. Eine Paarung, wie wir sie 57 "Tatorte" lang hatten, käme heute gar nicht mehr zustande. Wir waren lange Zeit drei Männer - da würde heute sofort die Frauenbeauftragte dazwischenhauen. Das geht doch nicht, da muss unbedingt eine Frau ins Team - und zwar nicht nur als Kaffeekocherin.

teleschau: Und Sie müssen sich auf dem Revier um alles selbst kümmern ...

Nemec: Männer allein im Büro - das ist vielleicht schon ein wenig aus der Mode geraten.

Wachtveitl: Außerdem wurden wir ja auch nicht in ein so gängiges und leichtverständliches Konzept gepresst. Genau das wirkt sich auf längere Sicht positiv aus. Wir sind eben nicht der kleine, aber blitzgescheite Dicke und der große schlanke Supersportler. So etwas wäre schnell auserzählt.

teleschau: Ist die Offenheit Ihrer Rollen die Hit-Formel des Münchner "Tatorts"?

Nemec: Jeder Hit hat bestimmt Zutaten - ganz klar. Nur wenn man die noch einmal verwendet, muss noch lange kein Hit daraus entstehen. Erfolg ist genau das Quäntchen, das die Sache nicht nachahmbar macht. Was uns ausmacht, sind die Unberechbarkeiten.

Wachtveitl: (lacht) Wobei wir allerdings auch wirklich schlechte "Tatorte" gemacht haben. Wenn das Buch nichts taugt, hilft alles nichts. Manchmal sind sogar wir suboptimal drauf - das soll vorkommen. Für einige Filme geniere ich mich regelrecht.

teleschau: Für welchen "Tatort" konkret?

Wachtveitl: "Gesang der toten Dinge" war miserabel - in jeder Hinsicht. Das ärgert mich.

Nemec: Der arme Thomas (Roth, d. Red.). Ein guter Regisseur. Und ich fand das Thema auch zeitgemäß.

Wachtveitl: Ja, aber das hilft nichts.

teleschau: Wie muss man sich den Moment vorstellen, wenn Ihnen wieder neue Drehbücher zugetragen werden. Die werden doch mittlerweile auf dem roten Samtkissen hereingetragen?

Wachtveitl: Das wäre schön. Sie kommen per Post.

Nemec: Zum Glück sind Bücher noch gedruckt, andernfalls würde der Printer zu Hause heiß laufen.

Wachtveitl: Zunächst liest man das Buch mit Neugierde - und die weitet sich manchmal in Vorfreude aus. Und manchmal in Rüstung für den Kampf.

Nemec: Oder in leichte Panik.

teleschau: "Rüstung für den Kampf" heißt, dass sie sich auf Nachverhandeln vor den Dreharbeiten einstellen?

Wachtveitl: Wenn uns etwas auffällt. Ja sicher. Wir bekommen die Drehbücher etwa sechs Wochen, bevor es losgeht. Da kann man noch einiges machen.

Nemec: Aber vielleicht stimmt das Bild vom Sich-Rüsten nicht ganz: Wir ziehen ja nicht in den Kampf mit der Redaktion, sondern versuchen, sie auf noch vorhandene Fehler hinzuweisen oder Wünsche anzumelden, auch wenn man sich mal persönlich benachteiligt fühlt.

Wachtveitl: Manchmal kommt die eigene Figur zwar vor, hat aber keine eigenen Ideen und ist nur Stichwortgeber für den anderen. So etwas nervt. Dann muss man da und dort kleinere Änderungen vornehmen. An der grundsätzlichen Themenausrichtung möchte ich gar nicht mitmischen - das ist nicht unsere Sache. Nur ab und zu treffen wir uns für strategische Gespräche und reden darüber, was man eines Tages mal machen könnte.

teleschau: Schielen Sie beim Lesen der Bücher nach links und rechts, um sicherzustellen, dass der jeweils andere Kommissar nicht besser wegkommt?

Wachtveitl: (lacht) Miro möchte eigentlich immer meine Passagen haben.

Nemec: Ja, deine dazu! Man versucht natürlich, seine Figur immer gut zu bedienen. Andererseits kann es ja natürlich nicht nur um die Rolle allein gehen, sondern um die Inhalte, die Dramaturgie, die Dialoge - und die Witze. Deswegen bin ich natürlich interessiert, dass das gesamte Ding funktioniert - und nicht nur ich in einer bestimmten Szene.

teleschau: Auf der Palette Ihrer vielen Einsätze sticht der "Tatort: Unglaublich schön" ein wenig heraus. Der Film ist ja wie ein Kammerspiel.

Nemec: Ich war sehr überrascht über das Drehbuch und hatte zunächst meine Zweifel, ob so etwas funktioniert. Und ich war positiv überrascht, als ich den fertigen Film zu sehen bekam. Als Zuschauer muss man sich durchaus auf eine ungewohnte Sichtweise und ein anderes Tempo einstellen - aber der Film hat Charme. Vor allem die Verhörszenen sind ziseliert herausgearbeitet.

Wachtveitl: Wir waren schon einmal in einem "Tatort" nur von Frauen umgeben - im Film "Wenn Frauen Austern essen". Das war bei "Unglaublich schön" ähnlich spannend am Set.

teleschau: Aktuell gibt es aber keine Ermüdungserscheinungen bei Ihnen, oder?

Wachtveitl: Wir drehen ja keine Serie. Jedes neue Buch, jeder neue Film ist ein in sich abgeschlossenes Projekt. Und wenn das reizt, dann nimmt man auch Miro Nemec in Kauf.

Nemec: (lacht) Das sehe ich bei dir genauso. Manchmal muss man eben die Zähne zusammenbeißen und durch.

teleschau: Gibt es denn entsprechende Schmerzensgeld-Klauseln im Vertrag?

Wachtveitl: Sie bringen mich da auf eine Idee ...

Nemec: Allerdings haben wir ja gar keinen festen Vertrag ...

teleschau: Sie frotzeln gerne übereinander. Muss man sich gelegentlich doch Sorgen um Ihre Beziehung machen?

Nemec: Nein. Dass man Loyalität aufbaut, ist selbstverständlich.

teleschau: Diese Loyalität gilt aber sicher doch auch für Ihr Verhältnis zum Sender?

Nemec: Der Sender muss sich ja auch auf uns verlassen können. Die Redaktion weiß, wo es uns drückt, aber sie weiß auch, dass wir sie nicht im Stich lassen. Wenn man keine Verträge hat, muss man sich ja an irgendetwas halten können - auf den Handschlag oder das fest gegebene Wort.

teleschau: Fühlt man sich als Münchner Kommissar eigentlich als Mitglied einer imaginären Schulklasse aller bundesdeutschen "Tatort"-Kollegen?

Wachtveitl: Eigentlich nicht. Das sind einfach nur Schauspieler-Kollegen, mehr nicht.

Nemec: Am Theater war das anders, da hatte man sich nach zwei bis drei Jahren zugehörig gefühlt. Mein Haus war früher das Münchner Residenztheater. "In dubio pro Resi" nannten wir einen Theaterabend dort - und das war auch unser Motto.

teleschau: Wenn man das Schulklassenbild aber beibehält, dann gab es ja zuletzt beim "Tatort" einige Abgänge und mehrere Neuzugänge. Der Verjüngungstrend macht Ihnen vermutlich keine Sorge?

Wachtveitl: (lacht) Ich habe schon ein wenig den Überblick verloren, so viele Veränderungen gab es beim "Tatort". Aber die Logik ist doch naheliegend - wie in allen Lebensbereichen. Verjüngung? Na klar, irgendwann wird man auch uns ersetzen. Und durch wen? Vermutlich durch Jüngere.

Nemec: Ich erinnere mich an eine Begebenheit vom Residenztheater: Erwin Faber hat mit 95 Jahren einmal eine Rolle abgesagt. Als wir ihn fragten, wer die jetzt spielt, da sagte er nur leicht entrüstet: Irgendein Jüngerer! Einen Älteren gab's am Haus einfach nicht.

teleschau: Klingt so, als ob sich mit dem Münchner "Tatort" entspannt älter werden lässt.

Wachtveitl: Wenn sie jetzt fragen, ob wir Angst davor haben, ersetzt zu werden - wie es der 50-jährige Siemens-Ingenieur fürchtet, dem ein Informatik-Absolvent im Nacken sitzt: Nein, diese Sorge haben wir nicht. Ich würde die Möglichkeit, drei gute Filme im Jahr zu machen, vermissen. Vielleicht ist es aber auch eines Tages so wie beim Michi Fitz. Der macht jetzt auch ohne "Tatort" gute Sachen.

Nemec: Man fragt doch ein Ehepaar, das seit 20 Jahren verheiratet ist, auch nicht, ob es ein Drama ist, einfach so weiterzumachen. Das Leben findet statt. Gedanken darüber, was die Zukunft bringt, macht man sich doch immer nur, wenn die Presse kommt und wieder ihre Fragen stellt.

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