Ranking zu Künstlicher Intelligenz (KI) Bremer Roboter-Experten an der Weltspitze

Die Forschung zu Künstlicher Intelligenz (KI) gehört zu den Paradedisziplinen der Universität Bremen. In einem neuen internationalen Ranking schneiden einige ihrer Wissenschaftler hervorragend ab.
13.02.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Joerg Helge Wagner

Künstliche Intelligenz (KI) gilt als die zukunftsträchtige Disziplin schlechthin, und die Universität Bremen spielt auf diesem Feld an der Weltspitze mit. Drei Professoren und drei Nachwuchswissenschaftler zählen nun zu den 2000 einflussreichsten KI-Experten des Planeten. Das kann idealerweise positive Folgen für die gesamte Universität haben: Mit einem neuen Wissenschaftscluster Mind-Media-Machine (MMM) will man wieder in die Riege der deutschen Exzellenz-Unis vorstoßen.

Herausragend ist der Leiter des Instituts für Künstliche Intelligenz, Professor Michael Beetz, mit Rang 4 in der Kategorie Robotik. Sehr weit vorne liegen auch seine Kollegen Carsten Lutz und Rolf Drechsler vom Fachbereich Mathematik und Informatik. Lutz rangiert auf Platz 30 im Bereich Wissensverarbeitung und auf Platz 94 in einer fachübergreifenden Rubrik. Dekan Rolf Drechsler ist in der Kategorie Chip-Technologie vertreten. Drei Nachwuchskräfte sind im Bereich Robotik globale Elite: Beetz' ehemalige Doktoranden Radu Rusu (Platz 2), Nico Blodow (22) und Moritz Tenorth (87).

Für das Ranking der chinesischen Universität Tsinghua wurden Beiträge in den wichtigsten Fachpublikationen und auf den bedeutendsten Konferenzen der vergangenen zehn Jahre analysiert. Was die Erhebung so bedeutend macht, ist die ungeheure Datenmenge, die im Rahmen eines Forschungsprojekts ausgewertet wurde: Mit einem Data-Mining-System sind mittlerweile 130 Millionen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, 270 Millionen Veröffentlichungen und 750 Millionen Zitierungen weltweit erfasst. Mit entsprechenden Fragestellungen wurden aus diesem Pool schließlich die Top-2000 der internationalen KI-Forscher ermittelt.

Entsprechend stolz ist Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling (SPD) auf die vorderen Plätze: „Ich freue mich über das sehr gute Abschneiden der Bremer Wissenschaftler. Das zeigt wieder mal, dass Bremen ein führender Standort in der KI-Forschung und mit Blick in die Zukunft auf dem richtigen Weg ist.“ Die Bedeutung dieser Schlüsseltechnologie werde für die gesamte Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft in den kommenden Jahren exponentiell wachsen, ist sich die promovierte Juristin sicher.

Mathematik-Dekan Rolf Drechsler unterstützt diese Prognose. „Das Interesse an KI wächst stetig“, betont er gegenüber dem WESER-KURIER. Rund 3000 Studierende gebe es derzeit im Fachbereich Mathematik, weitere 1000 in der Informatik. Nicht alle würden sich ausdrücklich mit dem Sonderforschungsbereich KI befassen, aber beide Bereiche seien „seit Jahren darauf ausgelegt, bei KI den Schwerpunkt zu bilden“.

Und in naher Zukunft wolle man mit diesem Schwerpunkt auch wieder in die Riege der deutschen Exzellenz-Unis vorstoßen, zu der Bremen von 2012 bis zum vorigen Jahr gehörte. „Voraussetzung sind zwei wissenschaftliche Exzellenz-Cluster“, erklärt Drechsler. „Momentan haben wir mit dem meereswissenschaftlichen Marum aber nur einen.“ Der zweite könne nun MMM werden: Mind-Media-Machine, sinngemäß Geist-Übertragung-Maschine in gemeinsamer Forschungsarbeit an den Fachbereichen Mathematik, Informatik, Robotik.

Lernende Helfer im Alltag

Roboter sollen also nicht nur je nach Programmierung ganz bestimmte Tätigkeiten ausführen, sondern Erfahrungen verarbeiten und sich selbstständig Informationen beschaffen – kurz: lernende Systeme werden. Dabei geht es keineswegs nur um „Raketenwissenschaften“, sondern um ganz alltägliche Aufgaben. Der Sonderforschungsbereich EASE (Everyday Activity Science and Engineering) erschafft Roboter, die menschliche Bewegungen messen und kopieren, um dann etwa selbst einen Tisch decken oder kochen zu können, und die sprachliche Aufforderungen korrekt ausführen. Das ist mehr als eine akademische Spielerei, sondern bei Serienreife womöglich eine echte Lebenserleichterung für behinderte oder ältere Menschen. „Zu den Besonderheiten bei uns zählt der ganzheitliche Ansatz, mit dem wir Robotik und Künstliche Intelligenz betrachten“, erläutert Institutsleiter Beetz. Ein Ziel sind demnach menschenfreundliche KI-Systeme, deren Vorgehen jederzeit verständlich und erklärbar ist.

Neben dieser Grundlagenforschung gibt es in Bremen die anwendungsorientierten Projekte des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Hier geht es um Weltraum- und Unterwasserrobotik, aber auch um sogenannte Cobots, die etwa bei Airbus den Monteuren quasi zur Hand gehen, indem sie Werkstücke aus dem Lager durch die Halle transportieren.

Das DFKI ist eine öffentlich-private Partnerschaft. Gesellschafter sind Unternehmen sowie die Bundesländer Bremen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Informatiker Drechsler leitet am zweitgrößten Standort Bremen seit 2011 den Forschungsbereich Cyber-Physical Systems. Die Grenzen zwischen staatlicher Universität und freier Wirtschaft sind für ihn längst durchlässig geworden: „Wir haben natürlich auch Projektkooperation, die direkt durch die Industrie angeschoben wird.“ Doch die Grundfinanzierung der KI-Forschung in Bremen erfolge durch das Land, zusätzlich werde einiges „wettbewerblich eingeworben“, etwa bei der Deutschen Forschungsgesellschaft oder Bundesinstituten. Der Exzellenzstatus würde da durch langfristige Förderung einige Sicherheit bringen.

Wächst die finanzielle und personelle Ausstattung denn generell mit dem wachsenden Interesse und Bedarf mit? Drechsler sieht da „noch viel Luft nach oben“ und hofft darauf, dass der Wissenschaftsplan 2025 des Landes auch für einen entsprechenden „wissenschaftlichen Aufwuchs“ sorgt.

Auf Stiftungsprofessuren aus der Wirtschaft allein könne man nicht setzen: „Die sind zumeist nur auf fünf Jahre begrenzt und dann muss doch die Uni ran. Da müssen wir vorsichtig sein.“ Entsprechend gespannt ist der Professor, was bei den aktuellen Haushaltsberatungen herauskommt.

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