Saarland: Genuss, Geschichte und Aktivitäten

Schleifen lassen

Gar nicht so schlecht: Umschlossen von Luxemburg und Lothringen schlängelt sich die Saar durch eine grüne Genussregion
03.04.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Schleifen lassen
Von Martin Wein

Hans-Josef Schneider kann einen schon ein wenig aus der Fassung bringen. „Wissen Sie, was der Saarländer zu Ostern isst?“, fragt der Küchenchef des Luxushotels Schloss Berg, einer weißen, ehemaligen Wasserburg aus dem 12. Jahrhundert mitten in den Weinbergen der Gemeinde Perl an der Mosel. Erwartungsvoll räkelt sich Schneider auf dem Sofa in der chromglänzenden Hotellobby. Gesucht werde das inoffizielle Nationalgericht des kleinen Saarlandes. Und des Rätsels Lösung? „Gekochtes Ei mit Maggi“, freut sich der 60-Jährige.

Zu dieser Aussage eines Chefkochs muss man wissen, dass Saarländer wie Norddeutsche als ausgesprochen maulfaul gelten. Es ist fast ein Ereignis, wenn jemand überhaupt so viel sagt. Die Worte ihres Dialektes haben angeblich selten mehr als drei Buchstaben. „Unn?“ muss als Grußformel in nahezu allen Lebenslagen ausreichen. Als Antwort folgt meist ein langgezogenes „Ei, jo“. Da ist es wieder das Ei, aber wie gesagt, bitte mit Maggi. Selbstironie gehört bei den Saarländern mithin zum Understatement.

Die „Taz“ hat mal ausgerechnet, dass die Größe des Saarlandes der Anbaufläche für Schlafmohn in Afghanistan entspricht. Das kann man nun groß oder klein finden. Jedenfalls segelt das Ländchen beständig unter dem Radar der restlichen Republik und stellte trotzdem den DDR-Chef Erich Honecker und aktuell drei Bundesminister.

Im Saarland hat man mehr Autos und Häuser als anderswo in Deutschland, und nachts wird signifikant öfter geschnarcht. Man sollte sich nicht von der gemütlichen Zurückhaltung der Saarländer täuschen lassen. Nur weil das Saarland so gut wie keiner kennt – kaum irgendwohin sonst in Deutschland kommen im Vergleich zu den Einwohnern weniger Touristen – kann es trotzdem ziemlich sehenswert sein. In Wahrheit ist gerade der äußerste Westen, wo es nur einen Katzensprung nach Luxemburg oder Frankreich ist, eine lebenswerte Genussregion. Und eine grüne, ganz anders als das Image verfallener Industriebrachen vom Saarland erwarten lässt. Überall kann man im Herbst Äpfel von Bäumen pflücken. Auf Feldern am Straßenrand stehen Sonnenblumen, Dahlien oder Gladiolen zum Selbstschneiden in voller Blüte. Und den Wein, vor allem den weißen Elbling, brachten wohl schon die Römer mit an Saar und Mosel.

„Hier macht man es sich tatsächlich schon seit 2000 Jahren gemütlich“, sagt Bettina
Birkenhagen. Die Archäologin hat ihren Arbeitsplatz nur ein paar Kilometer weiter auf einer großen Lichtung im Wald bei Borg. Dort ist an der alten Römerstraße von Trier nach Metz in den vergangenen Jahren die größte Rekonstruktion einer römischen villa rustica entstanden – weltweit. Rustikal ist dort allerdings wenig: In der zentralen Küche stehen vier Ofentypen – für Brot, Suppenkessel oder zum Braten und Grillen sowie zum Schwenken, wie der Saarländer sagt. Die Fenster im Haupthaus sind zweifach verglast, der Boden ist beheizt. Steinrinnen führen das Wasser von den Ziegeldächern ab. Im Badehaus gibt es Becken für heiß und kalt und bunte Malereien an den gewölbten Decken. Die 250 Beschäftigten des Großbetriebes schmiedeten, töpferten und bliesen Glaswaren.

Im Garten tummeln sich Schweine, Schafe, Hühner und Wachteln. Außerdem wachsen Kohl, Möhren, Rote Beete und Hülsenfrüchte, dazu Mispeln, Birnen und Äpfel. Vietz nennt man in der Gegend noch immer den Apfelmost als Ergänzung zum Wein, Küchenlatein von vice vinum. „Der Lebensstandard war phasenweise wirklich enorm“, sagt Birkenhagen. Und erst ein Drittel der Anlage sei ausgegraben. Deshalb ist auch über die Besitzer des Latifundiums noch nichts bekannt. Fern von Rom waren sie offenbar jedenfalls reicher als viele Römer. Wer der Rekonstruktion nicht glaubt, den schickt Birkenhagen nach Nennig. Dort ist unter einem Schutzbau ein großes Mosaik am originalen Fundort erhalten. Es zierte im 2. und 3. Jahrhundert den Hauptsaal einer Prachtvilla. Zu sehen sind Musikanten beim Spiel, Jagdszenen und wilde Tiere – antiker Luxus im Saarland.

Und dann muss man sich von der „Maria Croon“ schleifen lassen. Zwar erinnert das kantige Fahrgastschiff mit seinem Namen heute die meisten wohl eher an einen angestaubten Weinbrand als an die moselfränkische Schriftstellerin und ihre moralinsauren Gedichte und Erzählungen. Doch eine Fahrt von der Keramikstadt Mettlach – der Heimat von Villeroy & Boch – in die grüne Welt der Saarschleife muss einfach sein. Gemächlich schlängelt, und windet sich der Fluss durch das ganze Ländchen. Doch dort ist ihm die Schleife rund um die im Wald versteckte Burg Montclair so perfekt gelungen, dass der Mäander neidisch werden könnte. Wie im Karussell tuckert die „Maria Croon“ in einer 270-Grad-Kurve den Fluss entlang durch tiefgrünen Wald, der allerdings auch dort im
Hitzestresse früh braun geworden ist.

Hoch über dem Fluss liegt die Cloef, der fraglos bekannteste Aussichtspunkt des Saarlandes. Fast den ganzen Tag liegt der Fluss von dieser Quarzitnase aus im Gegenlicht. Doch von König Friedrich Wilhelm IV. bis zu Angela Merkel und Tante Trude aus Buxtehude haben schon Millionen gekrönter und ungekrönter Häupter den Ausblick genossen. Wer noch weiter nach oben strebt, der kann seit 2016 wie 200.000 andere im Jahr auch auf dem Baumwipfelpfad bei nur sechs Prozent Steigung in sechs Runden 40 Meter auf den Aussichtsturm aus Stahl und Holz hinauf spazieren, ganz ohne ins Schwitzen zu kommen. Sportlicheren bieten sich dagegen in der Umgebung ausgedehnte Wanderrouten und für Radler die beliebte Saarschleifenrunde an.

„Genuss hat eben viele Gesichter“, sagt zurück im Schloss Berg der Chefkoch und schwärmt von Gefilde und Geheirate, von Lyonerpfanne oder Dibbelabbes. Es wäre jetzt von einem Saarländer zu viel verlangt, das alles zu erklären. Jedenfalls ist es deftig, denn die Bergleute und Stahlkocher an der Saar hatten früher viel Hunger. Kartoffeln, Fleisch und Sahne spielen deshalb eine zentrale Rolle. „Und es muss immer eine Flasche Maggi zur Hand sein, nicht nur im Advent, wenn vier Flaschen und eine Lyoner Fleischwurst als Adventskranz herhalten“, scherzt Hans Josef Schneider, der 2017 aus dem Ruhrgebiet in seine alte Heimat zurückgekehrt ist.

Jeder Saarländer verbraucht rund einen Liter der Würzsoße mit Liebstöckel im Jahr – das Doppelte des Bundesdurchschnitts. Für einen Koch ist die Gegend trotzdem ein gutes Pflaster. Schließlich lautet das saarländische Glaubensbekenntnis: „Hauptsach gudd gess.“ Ei jo.

Die Reise wurde unterstützt von der Tourismus-Zentrale Saarland und den Victor’s Residenz-Hotels.

Info

Zur Sache

Rund um die Saarschleife

Anreise: mit dem Auto über die A 1, A 602 und B 51 auf schöner Saarstrecke nach Mettlach. Mit der Bahn über Koblenz und Trier nach Nennig.

Unterkunft: Wohnen statt nur besichtigen: Victor’s Residenz Hotel Schloss Berg, Fünfsternehotel mit Spa und Restaurant Bacchus sowie Fine Dining by Christian Bau im benachbarten Casino mitten in den Weinbergen von Perl, Infos unter www.victors.de.

Wandern: Die beschilderte „Tafeltour“ führt in gut fünf Stunden über 15,8 Kilometer und mit 563 Höhenmetern rauf und runter von der Kirche St. Lutwinus in Mettlach durch das Steinbachtal zur Burgruine Montclair, hinunter zur Fähre Welles über die Saarschleife, hinauf zum Aussichtspunkt Cloef und zurück nach Mettlach.

Aktivitäten: Baumwipfelpfad oberhalb der Saarschleife, Cloef-Atrium, 66693 Mettlach, bis Ende September täglich von 9.30 bis 19 Uhr, elf Euro, Kinder neun Euro, unter sechs Jahren frei, Infos unter www.baumwipfelpfade.de/saarschleife; Römische Villa Borg, Im Meeswald 1, 66706 Perl-Nennig, bis Ende Oktober, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr; sechs Euro, ermäßigt vier Euro. Die Villa Borg ist momentan geschlossen. Weitere Infos auch zur Wiedereröffnung unter www.villa-borg.de. Römisches Mosaik, Römerstraße 11, 66707 Perl-Nennig, Eintritt 1,50, ermäßigt 0,75 Euro, Infos unter www.vorgeschichte.de; Saarschleifen-Rundfahrt per Boot, mehrere Abfahrten ab Mettlach täglich, Dauer 90 Minuten, Kosten zwölf Euro, Kinder sechs Euro, Infos unter www.saarflotte.de; www.maria-croon.de. Die Rundfahrten werden wegen der Pandemie momentan nicht angeboten.

Saarland-Card: Kostenloser Eintritt in 90 Museen und Attraktionen sowie freie Fahrt mit Bus und Bahn. Wird von vielen Hotels, Pensionen und Jugendherbergen – darunter das Schloss Berg – ab zwei Nächten Aufenthalt ohne Mehrkosten zur Verfügung gestellt.

Weitere Infos: www.urlaub.saarland.

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