Mahnmal zur Erinnerung an Raubzug an Juden

"Arisierungsdenkmal": Bremer Kulturressort will Zeitplan aufstellen

Noch immer ist nicht klar, wo genau und wann das im vergangenen November beschlossene „Arisierungsdenkmal“ entstehen soll. Die Bremer Kulturdeputation will einen Zeitplan von der Verwaltung.
17.09.2017, 15:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Elke Hoesmann
"Arisierungsdenkmal": Bremer Kulturressort will Zeitplan aufstellen

Steht hier an der Schlachte bald das "Arisierungsdenkmal"? Noch sind sowohl Standort als auch Baubeginn ungewiss; die Bremer Kulturdeputation hat nun einen Zeitplan gefordert.

Frank Thomas Koch

So heftig und so ausgiebig ist schon lange nicht mehr um ein Denkmal und dessen Standort in Bremen gerungen worden. Obwohl im November 2016 von der Bürgerschaft beschlossen, lässt sich noch nicht absehen, wann es an der Schlachte realisiert wird: das Mahnmal zur Erinnerung an den Raub jüdischen Eigentums im Nationalsozialismus. Die Kulturbehörde zeigt sich nun zuversichtlich, dass bis Jahresende ein Zeit- und Maßnahmenplan zum Denkmalbau steht. Als Ort favorisiert die Behörde das Stufenbauwerk an der Schlachte, dort also, wo im Sommer viele Menschen auf den Treppen sitzen.

Die historische Schlachtemauer etwas weiter weseraufwärts gilt zwar auch als möglicher Standort für das Mahnmal. Dies wäre aber die „unglücklichere Lösung“, sagt Andreas Mackeben vom Kulturressort. Die Denkmalpflege habe Vorbehalte, auch sei die Statik der Jahrhunderte alten Mauer unbekannt. Werde dort ein Loch hineingeschnittten, könne es zu Problemen kommen.

Kulturressort will Plan bis Jahresende präsentieren

Der Beirat Mitte hatte im Frühjahr beschlossen, beide Standorte prüfen zu lassen – mit der Bedingung, dass der Mahnmal-Entwurf von Angie Oettingshausen realisiert werden kann. Dieser zeigt eine von vorn und oben einsehbare Kammer, ein ausgeräumtes Zimmer, das auf das geraubte Eigentum verweisen soll. Vier Quadratmeter Fläche, der Schacht etwa fünf Meter tief. „Leerstellen und Geschichtslücken“ nennt die Künstlerin ihren Entwurf; er überzeugte die Jury eines von der Zeitung „taz“ initiierten Gestaltungswettbewerbs. Auch das Kulturressort legte sich darauf fest.

Lesen Sie auch

Kritiker werfen der Behörde vor, sie komme nicht voran mit der Planung. „Da hakt nichts“, widerspricht Mackeben. Es seien die Baufachleute, die derzeit Grundlagen dafür erarbeiteten, wie das Mahnmal in das Stufenbauwerk integriert werden kann. „Wir haben das als Ressort nicht in der Hand.“ Die Stufenanlage sei Teil eines Hochwasserschutz-Bauwerks, dessen Deichlinie erhöht werden müsse. Diese Schutzmaßnahme am oberen Rand der Anlage in Einklang zu bringen mit dem Bau des Mahnmals – damit beschäftige sich gegenwärtig ein Architektenbüro im Auftrag des Deichverbandes. Wenn das Okay vom Verband komme, folge die Abstimmung mit der Künstlerin Oettingshausen. Bis Jahresende könne man voraussichtlich einen Plan präsentieren.

Senat soll ein Drittel der Kosten übernehmen

Auch die Kulturdeputation hat sich dieser Tage erneut mit dem Thema beschäftigt. Wie die Vorsitzende Miriam Strunge (Linke) auf Anfrage berichtet, wurde die Verwaltung aufgefordert, baldmöglichst einen Zeitplan und einen „groben Kostenrahmen“ vorzulegen. Nur wenn die voraussichtlichen Kosten bekannt seien, sagt Strunge, könne bei den Haushaltsverhandlungen der entsprechende Betrag berücksichtigt werden. Derzeit hänge vieles in der Luft, so ihr Eindruck.

Eine Kostenaussage sei nicht möglich, solange ein konkreter Entwurf fehle, argumentierte die Kulturbehörde noch im August. Bislang steht eigentlich nur fest, dass die Kosten für das Mahnmal in der historischen Kaimauer deutlich höher ausfallen dürften als für den Stufen-Standort. Zur Finanzierung allgemein hatte sich schon die Bürgerschaft geäußert: In ihrem November-Beschluss forderte sie vom Senat, ein Drittel der Ausgaben bereitzustellen. Mindestens ein weiteres Drittel solle von der Wirtschaft übernommen werden – von den „noch heute als Unternehmen in Bremen bestehenden und damals an der ,Aktion M' beteiligten Firmen“. Den Restbetrag solle die Zivilgesellschaft (Spender) tragen.

Streit um die Nähe zu Kühne+Nagel

„Aktion M“ – so hieß die vom NS-Staat organisierte Beraubung der Juden in den besetzten Gebieten in Holland, in Belgien und Frankreich. M steht für Möbel, und bei deren Abtransport nach Deutschland waren auch Bremer Unternehmen tätig; dem Logistik-Konzern Kühne + Nagel wird dabei eine Art Monopolstellung zugeschrieben. Deshalb sollte das sogenannte Arisierungsdenkmal am Fuß des Neubaus von Kühne+Nagel entstehen – so wollte es zumindest eine von der „taz“ angeregte Initiative. Auch die Künstlerin hat ihren Entwurf auf die Kaimauer bei Kühne + Nagel zugeschnitten. Dem Unternehmen gefiel das ganz und gar nicht.

Das lange Tauziehen um den Standort begann. Während die Bürgerschaft im November angeregt hatte, einen Platz „im Umfeld“ des Neubaus zu erwägen, kam im Februar der Vorschlag aus Politik und Wirtschaft, mit dem Denkmal in den Bremer Westen zu gehen, zum Schulzentrum Grenzstraße. Die Grünen reagierten empört, es gab Zoff mit dem SPD-Koalitionspartner. Auch ein vom Staatsarchiv-Leiter vorgeschlagener Kompromiss-Standort in Höhe der Jugendherberge stieß auf Widerspruch. Zu weit weg von Kühne + Nagel, befanden die Grünen. Das strittige Thema beschäftigte sogar den Koalitionsausschuss: In einer langen Sitzung einigten sich SPD und Grüne mehrheitlich auf einen Standort nahe Teerhofbrücke. Der Beirat Mitte legte schließlich die beiden Alternativen fest.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+