Interview zur sozialen Spaltung in Bremen "Beim Wohnungsbau hätte man früher reagieren können"

In manchen Bremer Stadtteilen leben immer mehr Menschen von staatlichen Leistungen. Sozialwissenschaftler Thomas Schwarzer von der Arbeitnehmerkammer spricht über die Ballung von Armut.
19.01.2018, 14:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Sara Sundermann

Herr Schwarzer, es gibt viele Studien zu Armut in Bremen. Was ist neu und interessant an den Daten, mit denen Sie sich beschäftigt haben?

Thomas Schwarzer: Es ist jetzt deutlich erkennbar, wo zuletzt Zuzug stattgefunden hat, und in welchen Gebieten sich besonders viele Empfänger staatlicher Leistungen ballen. Man hat in Bremen 2015 und 2016 versucht, die Unterkünfte für Geflüchtete auf verschiedene Stadtteile zu verteilen. Aber inzwischen sind viele von ihnen in eigene Wohnungen gezogen, und vor allem in die Stadtteile, in denen es überhaupt freie und bezahlbare Wohnungen gab. Solche Wohnungen, die preisgünstig und zum Teil auch in keinem guten Zustand sind, hatten wir in Bremen vor allem in Blumenthal, Gröpelingen und Huchting. Und in diese Stadtteile sind dann eben viele Geflüchtete und Zuwanderer aus Süd- und Osteuropa gezogen.

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Was bedeutet das konkret für diese Stadtteile?

Die Situation ist dort doppelt schwierig, denn in diesen Stadtteilen gab es schon vor dem Zuzug Nachholbedarf bei der Versorgung mit Kita-Plätzen, bei Angeboten zur Sprachförderung und bei der Qualifizierung für den Arbeitsmarkt. Nun kommt die rasante Einwohnerentwicklung hinzu. Das ist eine unglaubliche Herausforderung und für diese Stadtteile allein gar nicht zu bewältigen. Besonders für die Kitas und Schulen vor Ort ist es schwer, denn diese Gebiete waren schon vorher sehr kinderreiche Stadtteile, in denen es nicht genug Kita-Plätze gab und in deren Schulen besonders oft ausgebildete Lehrkräfte fehlen.

Hätte Bremen etwas dagegen tun können, dass sich Armut so stark in einigen Stadtteilen ballt?

In Bremen hat man lange vorrangig in den Stadtteilen die Kinderbetreuung ausgebaut, in denen viele Eltern berufstätig sind, und in denen sie auch für ihr Recht auf Betreuung vor Gericht ziehen würden. Die Diskussion, dass Kitas auch dort wichtig sind, wo viele arbeitslose Eltern wohnen, haben wir ja erst seit zwei Jahren. Diese beiden Interessen dürfen aber nicht gegeneinander ausgespielt werden. Andere Erkenntnisse gibt es schon noch länger – man hat auch schon vor 20 Jahren gesagt: ,In den schwierigsten Stadtteilen brauchen wir die besten Schulen.' Aber das ist offenbar nicht leicht umzusetzen, weil es immer andere Gruppen in der Stadt gibt, die erfolgreich Druck machen und sagen: „In unserem Stadtteil müssen die Schulen ganz dringend verbessert und mehr Lehrer eingesetzt werden.“

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Kann Politik auch noch an anderer Stelle ansetzen?

Auch beim Wohnungsbau hätte man früher reagieren können: Wir als Arbeitnehmerkammer sagen schon seit Jahren, dass mehr Wohnungen für Geringverdiener gebraucht werden. Wir stehen hinter der Linie des Senats, dass inzwischen 25 Prozent der Wohnungen in Neubaugebieten Sozialwohnungen sein müssen. Aber damit hätte man schon früher anfangen müssen, denn Bauen dauert. Es wird eben oft erst dann gehandelt, wenn der Druck wirklich groß ist.

Was könnte man in Bremen jetzt tun?

Insbesondere werden neue Schulen und Kitas gebraucht, daran arbeitet die Bildungsbehörde ja auch. Das Problem ist erkannt, aber es dauert oft lange, bis neue Gebäude da sind. Hier muss es schneller vorangehen. Vor allem werden mehr ganztägige Bildungsangebote für die vielen zusätzlichen Kinder, mehr Sprachförderangebote für Erwachsene und auch eine bessere Ausstattung in diesen Stadtteilen gebraucht: von der Kita über die Grundschule, über weiterführende Schulen bis zur Berufsschule. Denn die Integrationsanforderungen sind erheblich gewachsen.

Zur Person:

Thomas Schwarzer ist Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Der ausgebildete Sozial- und Politikwissenschaftler forscht seit 20 Jahren zu Armutsquartieren in Bremen.

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