Hochhaus-Planer im Interview „Bremen ist keine Hochhaus-Stadt“

Magnus Kaminiarz, in Bremen geboren und als Architekt ausgebildet, hat in Frankfurt das mit 172 Metern höchste Wohnhochhaus in Deutschland entworfen. Bremen, sagt er, sei keine Stadt für Hochhäuser.
04.02.2018, 17:02
Lesedauer: 3 Min
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„Bremen ist keine Hochhaus-Stadt“
Von Jürgen Hinrichs

Herr Kaminiarz, mit Ihrem Grand Tower wollen Sie hoch hinaus. 172 Meter ist für ein Wohnhaus Rekord in Deutschland. Wo geht die Entwicklung noch hin?

Magnus Kaminiarz: Das Hochhaus ist kein Selbstzweck. Höhe macht nur dort Sinn, wo man sie braucht, und das ist zum Beispiel in Frankfurt am Main der Fall. Wir bauen dort gerade acht Hochhäuser und verändern ein stückweit die Skyline der Stadt. Da spürt man schon auch Verantwortung. Wenn Sie nach der Entwicklung fragen: Wir bekommen es mit extrem schlanken und hohen Gebäuden zu tun, die zum Beispiel mit seillosen Aufzüge technisch und wirtschaftlich ganz neue Lösungen bieten.

Teuer im Bau bleiben die Hochhäuser trotzdem, oder?

Ja, keine Frage. Deshalb wäre es ein Irrweg zu glauben, man könnte mit Hochhäusern die Wohnungsknappheit lösen. Günstigen Wohnraum muss man anders schaffen.

Ihr Grand Tower ist mit seinen Durchschnittspreisen von 8000 Euro für den Quadratmeter etwas für die betuchte Klientel. Geht es tatsächlich nicht anders? Nehmen Sie das Aalto-Hochhaus in Ihrer Heimatstadt Bremen.

Ein tolles Gebäude, faszinierend. Es folgt seiner Funktion, und genau so bauen wir auch. Mein Büro entwickelt keine Formen und Fassaden und quetscht dann die Nutzung hinein. Wir machen es umgekehrt: zuerst der Kern, die Wohnungen oder Büros, je nachdem, und dann die Hülle.

Im Aalto-Hochhaus wohnen die Menschen sehr günstig.

Das ist bei Neubauten heute aber nicht mehr möglich. Dafür sind die Grundstücke zu teuer geworden. Billig bauen geht bei Hochhäusern wegen der gestiegenen Anforderungen zum Beispiel beim Brandschutz auch nicht mehr.

In Bremen gibt es eine gewisse Scheu vor Hochhäusern. Die Grundregel lautet: Nicht höher als der Dom!

Ich kann das eine verstehen, das andere nicht. Für mich ist Bremen keine Hochhaus-Stadt. Es ist vielmehr ein Ort, ganz anders als Frankfurt, der sich baulich seine historischen Bezüge einigermaßen erhalten konnte. Es gibt eine große Tradition, die Hanse, die darin ihren Ausdruck findet.

Am Dom orientieren soll man sich aber nicht?

Nein, ein Kirchenbau sollte kein Maßstab für die Stadtentwicklung sein. Städte müssen ihre Aufgaben lösen, darauf kommt es an. Sollte Bremen irgendwann zu dem Schluss kommen, dass für diese Aufgaben Hochhäuser notwendig sind, darf der Dom nichts vorgeben. Diese Rolle kommt einem Kirchenbau in heutiger Zeit nicht mehr zu.

Haben Sie noch Kontakt nach Bremen?

Aber ja. Meine Eltern wohnen in St. Mag­nus. Mein Vater war übrigens auch Architekt. Ich bin also immer mal wieder in Bremen. Die Zeit im Architekturbüro von Gert Schulze war extrem wichtig für mich. Von ihm habe ich gelernt, vom Kleinen zum Großen zu denken. Gleich nach der Universität weiß man darüber nichts, da weiß man im Grunde noch gar nichts über Architektur. Deswegen bin ich Gert Schulze so dankbar.

Zurück zum Grand Tower. Für die Bankenstadt Frankfurt ist das eine ungewöhnliche Form, die sie gewählt haben.

Stimmt, keine glatten Fassaden wie sonst, sondern tiefe Loggien, die dem Gebäude ein starkes Gepräge geben. Es ist ein Exot in seinem Umfeld. Da hatten die richtigen Leute den Mut, so etwas planen zu lassen. Der Grand Tower hat bereits einige Preise gewonnen, unter anderen den German Design Award und den International Property Award als bestes Wohnhochhaus in Europa.

Ein Hochhaus für die Reichen, sagen die Kritiker. Eingekauft haben sich auch viele Anleger aus dem Ausland.

Wie gesagt, sozialen Wohnungsbau, den man meiner Meinung nach unbedingt auch in den Innenstädten verwirklichen sollte, bekommt man mit diesen Hochhäusern nicht hin. Ich finde es schade, wenn solche negativen Attribute verwendet werden. Der Grand Tower ist nur ein Segment von vielen im Wohnungsbau und deckt einen bestimmten Markt ab.

Sie bauen in Frankfurt auch den Tower 90. Ein interessantes Projekt, allein schon wegen des vertikalen Gartens.

Er wird sich über alle Etagen erstrecken, ein paar Tausend Quadratmeter Grün auf einer Grundfläche von 700 Quadratmetern. Sehr gut fürs Mikroklima.

Sie entwickeln das Projekt gemeinsam mit Helmut Jahn, dem deutschen Star-Architekten aus Chicago. Er hat in Bremen den Weser-Tower entworfen. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Sagen wir so: unsere Architekturen sind sehr verschieden, beide pflegen aber eine sehr konsequente Sprache, darin sind sie sich ähnlich. Kurioserweise war es beim Tower 90 so, dass wir bei den Entwürfen nicht weit auseinander lagen, sie aber unterschiedlich meinten.

Und der Weser-Tower?

Ich wäre vermutlich zu einer anderen Lösung der Bauaufgabe gekommen.

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