Tätowiererin Tale Graf Wenn der Körper zur Leinwand wird

Die Bremer Tätowiererin Tale Carlotta Graf sieht sich gleichermaßen als Künstlerin und Handwerkerin. Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und nutzt bei ihrer Arbeit eine ungewöhnliche Tätowier-Technik.
30.04.2022, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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Wenn der Körper zur Leinwand wird
Von Judith Kögler

Auf der Internetplattform "Instagram" findet man Tale Carlotta Graf unter "Tcg.Tattoo" - die Initialen stehen dabei für ihren Namen, das "Tattoo" für die Branche, in der sie tätig ist. Die 24-Jährige hat sich im November 2021 als Tätowiererin selbstständig gemacht. Im Tattoo-Studio ihrer Kollegin Nadine Ramez, dem "Only Lovers", verziert sie am Osterdeich ihre Kundschaft mit der Körperkunst. Für Graf ein "absoluter Traumjob".

Eine klassische Ausbildung in dem Beruf hat sie jedoch nicht absolviert: "Ich habe mir alles selbst beigebracht", berichtet sie. Anfangs hat sie sich dabei noch auf die eigene Haut beschränkt. Sich selbst zu tätowieren, habe ihr nicht nur dabei geholfen, handwerklich besser zu werden. Rückblickend schätze sie dadurch auch ihren eigenen Körper viel mehr. Trotzdem sind ihre Arme überraschend untätowiert, nur vereinzelt sind kleine Illustrationen erkennbar. "An meinen Beinen findet man schon mehr Motive, auch von anderen Künstlerinnen und Künstlern", erklärt sie. Ihre Beine stecken allerdings gerade in dunklen Jeans, ein schwarzes T-Shirt komplettiert das Outfit.

Auch Grafs Designs sind minimalistisch. Und floral. Außerdem liebe sie es, feine Linien zu kreieren - solche, die sich dem menschlichen Körper anschmiegen. Schaut man sich Fotos von fertigen Tattoos der jungen Frau an, fällt auf: Die Optik ist einzigartig. Die Motive wirken natürlich, organisch und filigran.

Das liegt vor allem an der unkonventionellen Technik, die Graf anwendet. Bei ihrer Arbeit verzichtet sie nämlich auf eine surrende Tätowiermaschine: Sie ist Handpoke-Artistin. Beim Handpoking entstehen die Tätowierungen per Hand, das Werkzeug beschränkt sich nur auf eine Nadel. Diese wird in Farbe getaucht und punktiert in die Haut gestochen, sodass aus den Punkten Linien entstehen."Einige Tätowiererinnen und Tätowierer nutzen noch einen Griff, meistens ein längeres Holzstück. Ich persönlich verwende lieber nur die Nadel", erläutert sie.

Die heute so genannten Hand Poked Tattoos sind die älteste Form der Tätowierkunst. Bereits die Pharaonen haben auf diese Weise ihre Körper verziert. Da die Nadel wesentlich langsamer in die Haut gestochen werde als beim Tätowieren mit einer Maschine, sei der Zeitaufwand wesentlich höher, sagt Graf. Auch kleine Motive könnten schon mal einige Stunden dauern. "Ich plane mindestens eineinhalb Stunden ein, meistens brauche ich dann aber doch länger", erzählt sie lachend.

Die erste "Kundin" war ihre beste Freundin: "An ihr durfte ich üben." Irgendwann wollten sich immer mehr Bekannte und dann auch Fremde ein Motiv von ihr stechen lassen. "Ein irres Gefühl, die eigene Kunst auf der Haut anderer zu sehen", sagt Graf. Die Freude darüber, dass ihre Illustrationen so gut ankommen, ist ihr anzumerken. In verschiedenen Studios konnte sie immer wieder Praxiserfahrung sammeln, ihren Zeichenstil weiterentwickeln. Trotzdem lerne sie immer noch dazu, vor allem von ihrer Kollegin Ramez: "Nadine hat einen guten Blick für den menschlichen Körper, für Symmetrien und dafür, an welchen Stellen die Tattoos am besten zur Geltung kommen. Sie bei ihrer Arbeit zu beobachten, gibt mir sehr viel.".

Vor der Selbstständigkeit hatte Graf ein Lehramtsstudium in Bremen absolviert. Von der Arbeit mit Kindern kann sie auch in ihrem jetzigen Beruf zehren, vor allem "auf der kommunikativen und zwischenmenschlichen Ebene". Am meisten begeistert sie, dass sie bei jedem Termin auf einen "neuen Menschen" treffe. Umso wichtiger ist es ihr, dass sich ihre Kunden zu jedem Zeitpunkt wohlfühlen. Einfühlsamkeit und Aufmerksamkeit sind also wichtige Fähigkeiten. Auch, weil sie ihren Kunden als Tätowiererin körperlich sehr nahe kommt. Ob ihr diese Nähe jemals unangenehm war? "Nie", sagt sie.

Als Selbstständige spüre sie schon ab und zu finanziellen Druck . Trotzdem will sie "keine Aufträge annehmen, nur um Aufträge anzunehmen". Wenn sie das Gefühl hat, die Wünsche der Kunden nicht optimal umsetzen zu können, dann lehnt sie ab. Graf ist sich ihrer Verantwortung bewusst: Einmal gestochen, sind die Kunstwerke nicht einfach wieder abwaschbar.

An ihrer Freiberuflichkeit habe sie bisher nicht gezweifelt und auch Überwindung habe es sie nicht gekostet: "Ich hatte einfach Lust darauf, es auszuprobieren." Konkrete Zukunftspläne schmiede sie bisher noch nicht. "Das ist aktuell für mich schwierig, denn ich kann überhaupt noch nicht wissen, wie ich mich in meiner Persönlichkeit und in meinen Interessen weiterentwickeln werde." Für sie ist das Hier und Jetzt entscheidend. Sie liebt das Tätowieren und ist momentan "sehr glücklich und zufrieden" mit ihrem Hobby, das zum Beruf wurde.

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