Interview mit Bremer Pharmakologen

"Winziges Lichtlein am Ende eines sehr langen Tunnels"

Bernd Mühlbauer, Leiter des Institut für Pharmakologie der Gesundheit Nord Bremen, über die Chancen der jetzt anlaufenden klinischen Prüfungen eines Impfstoffes gegen das Coronavirus.
23.04.2020, 05:14
Lesedauer: 2 Min
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Von Timo Thalmann
"Winziges Lichtlein am Ende eines sehr langen Tunnels"

Leiter des Institut für Pharmakologie Bernd Mühlbauer über die kommenden Prüfungen des möglichen Impfstoffes gegen Corona.

Friso Gentsch

In diesen Tagen sollen erste klinische Prüfungen von Impfstoffkandidaten gegen Corona starten. Ist das eine gute Nachricht?

Bernd Mühlbauer: Grundsätzlich schon, aber es ist ein winziges Lichtlein am Ende eines sehr langen Tunnels. Man muss sich zur Einordnung klar machen, wie Impfstoffe gegen Grippeviren gewöhnlich entwickelt werden. Dafür haben wir mittlerweile eine Art Baukasten, denn die in jeder Grippesaison aktiven Viren ändern sich von Jahr zu Jahr, sodass die Impfstoffe immer anzupassen sind. Der jeweils aktuelle Impfstoff basiert auf Beobachtungen vor allem in Asien. Dort hat fast jede saisonale Grippe ihren Anfang. Daraus resultieren Prognosen, welche Viren uns in sechs bis neun Monaten erreichen. Auf diese Varianten zielen die jährlichen Grippe-Impfungen. Jetzt aber befinden wir uns bereits inmitten einer Pandemie, und wir können die übliche Methode mit den fertigen Baukästen wegen der wenig bekannten Virus-Variante Sars-CoV-2 nicht riskieren. Mit den nun begonnenen klinischen Prüfungen ist zudem frühestens im nächsten Jahr mit einem einsatzbereiten und zulassungsfähigen Impfstoff zu rechnen. Es könnte sein, dass die Corona-Pandemie bis dahin mit entsprechend vielen Infektionsfällen vorbei ist und der Impfstoff zu spät kommt.

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Nun haben wir gerade erst gelernt, dass es sich bei Sars-CoV-2 eben nicht um ein gewöhnliches Grippevirus handelt.

Was Übertragungswege und Infektionsketten betrifft, verhält es sich kaum anders als Grippeviren. Hinsichtlich des Krankheitsbildes und der Schädigung des Patienten sind nach aktuellem Wissensstand tatsächlich zahlreiche Auffälligkeiten und Abweichungen zu dokumentieren. Es könnte also sein, dass es auch zu Abweichungen bei der Pandemie kommt, etwa in Richtung eines länger andauernden Verlaufs mit mehreren Wellen bis weit ins kommende Jahr hinein. Ob es so kommt, wissen wir nicht, aber in dem Fall wäre ein Impfstoff natürlich gut.

Sie selber sind mit dem Bremer Institut für Pharmakologie federführend für den deutschen Teil einer Studie der Weltgesundheitsorganisation tätig, um Medikamente gegen Covid-19 zu testen. Erwarten sie an dieser Front schnellere Ergebnisse?

Ich hoffe es. Seit Dienstag haben wir Genehmigungen für Tests mit Patienten. Die Behörden haben engagiert gearbeitet, um in nur zwei Wochen die Prüfungen der Anträge und Verfahren abzuschließen. Normalerweise dauert das Monate. Auch die Medikamente sind auf dem Weg. In den nächsten Tagen werden wir hoffentlich erste Patienten in die Studie aufnehmen. Da dies weltweit koordiniert geschieht, erwarte ich, dass wir in einigen Wochen die notwendigen Fallzahlen von Hunderten, besser Tausenden Patienten erreichen. Wir werden dann systematisch dokumentieren können, ob Medikamente, die im Laborversuch gegen die Corona-Viren wirksam sind, auch Menschen helfen.

Info

Zur Person

Bernd Mühlbauer (62) leitet seit 2001 das Institut für Pharmakologie der Gesundheit Nord Bremen. Sein Schwerpunkt liegt auf klinischen Studien, die unabhängig von pharmazeutischen Herstellern durchgeführt werden.

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