Schon mehr Brände als im gesamten Vorjahr Bremerhaven rätselt weiter über Brandserie

Seit Monaten brennt es nahezu wöchentlich in Bremerhaven. Obwohl ein 15-Jähriger bereits in U-Haft sitzt, reißt die Brandserie nicht ab. Was die Polizei dagegen tut und wie sich die Anwohner fühlen.
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Bremerhaven rätselt weiter über Brandserie
Von Kristin Hermann

Es ist Montagmorgen, der 25. September. Sirenen der Feuerwehr sind in den Straßen zu hören, und die Bewohner Bremerhavens sind angespannt. Schon wieder ein Feuer? Ja, es brennt schon wieder. Gleich zweimal müssen die Feuerwehrkräfte an diesem Morgen ausrücken. Zu einem Hausdurchgang in Lehe, in dem Gegenstände Feuer gefangen haben, und ins Kleingartengebiet Eckernfeld, in dem eine 35 Quadratmeter große Parzelle bereits in vollem Ausmaß brennt.

Zwei Tage später steht dort Kriminalhauptkommissar und Brandermittler Axel Riek. Es gibt Hinweise, die auch dieses Mal darauf hindeuten, dass es sich bei der Parzelle um die Tat eines Brandstifters handeln könnte, sagt er. Eine natürliche Ursache kann es nicht gewesen sein, ein Gewitter mit Blitzen gab es an diesem Morgen nicht. Und auch ein technischer Kurzschluss ist unwahrscheinlich, da es in der Parzelle keinen Stromanschluss gibt. Wem die Laube gehört, ist unbekannt. Axel Riek kontrolliert mit einem speziellen Messgerät, ob er Brandbeschleuniger an einigen Stellen feststellen kann. „Das Schwierige bei solchen Fällen ist, dass die meisten Hinweise mitverbrennen“, sagt er.

Schon 52 Brände mehr als im gesamten Vorjahr

Einige Zeit später ist klar – auch diese zerstörte Parzelle fließt bei der Polizei in die Sonderkommission (Soko) „Feuer“ ein. Bremerhaven hat seit Anfang des Jahres mit einer beispiellosen Brandserie zu kämpfen. 176 Mal hat es in diesem Jahr bereits in der Stadt gebrannt – bei einem Feuer in der Frenssenstraße Anfang September starb dabei sogar ein dreijähriges Kind. Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr musste die Feuerwehr zu 124 Bränden ausrücken. Bei der Polizei hat sich deshalb die Sonderkommission gegründet. Knapp 100 Brände sind dort bisher aufgenommen worden und werden durch die Brandermittler nach möglichen Mustern untersucht und Hinweise auf die Täter überprüft.

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Wie viele Kräfte das mittlerweile bündelt, wird auch an den Zahlen der eingesetzten Polizeibeamten deutlich. 50 von ihnen kümmern sich aktuell nur darum, die Verursacher der Feuer zu finden. Hinzu kommen Profiler vom Landeskriminalamt aus Bremen, die die Soko bei der Erstellung möglicher Täterprofile unterstützen. „Das ist etwas, das die ganze Stadt beschäftigt“, sagt Kriminaloberrätin Nadine Laue, die die Soko leitet. Anfang August atmeten viele Bremerhavener auf, als die Staatsanwaltschaft verkündete, einen 15-jährigen Verdächtigen gefasst zu haben. Der Jugendliche sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Doch er soll nur für fünf der Brände verantwortlich sein. Die Polizei geht mittlerweile von mehreren Brandstiftern aus.

Ausländerfeindlichkeit als Motiv?

„Eine Vielzahl der Brände ereignet sich im Norden der Stadt“, sagt Nadine Laue. Dort liegt auch der Stadtteil Lehe, in dem viele Menschen von Armut betroffen sind. Auffällig ist, dass es immer wieder in Häusern brennt, in denen viele Rumänen und Bulgaren leben. Hier geht es zum Teil um Immobilien, die schon im Zusammenhang mit dem Sozialbetrugsverdacht rund um die „Agentur für Beschäftigung und Integration“ aufgefallen sind. Für einige der Brände machen die Experten ein Müllproblem in den sogenannten Schrottimmobilien verantwortlich.

Was das bedeutet, wird bei einem Besuch in der Rickmersstraße in Lehe deutlich. Die meisten Häuser, in denen größtenteils Bulgaren und Rumänen leben, sind für jedermann frei zugänglich. Dort, wo es gebrannt hat, wurde notdürftig mit weißer Farbe übergestrichen, aus der Wand im Erdgeschoss hängen dicke verkohlte Kabel. In den Hausfluren und den Hinterhöfen stapeln sich Unrat und Müll. „Hier werden natürlich auch Tatgelegenheiten geboten“, sagt Nadine Laue.

In der Stadt kursieren mittlerweile mehrere Theorien zu den zahlreichen Bränden. Eine davon: Die Brände in Lehe werden aus ausländerfeindlichen Motiven gelegt. Daniel Soares, Vorsitzender vom Rat ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger und SPD-Mitglied, sieht bei den vielen Feuern eine Gemeinsamkeit. „Da will jemand die bulgarische und rumänische Community aus den Häusern verdrängen“, sagt er. Er glaubt nicht, dass der Müll und die Gegenstände in den Hausfluren einfach so Feuer fangen. „Da verübt jemand gezielt Attentate“, ist er überzeugt. Der Vorsitzende des Vereins kritisiert dabei auch die Polizei: „Die Menschen haben Angst und fühlen sich alleine gelassen. Ich würde mir dort eine stärkere Polizeipräsenz wünschen.“

"Man hat Angst, dass irgendwann das eigene Haus dran ist"

Die Polizei will diesen Vorwurf nicht so stehen lassen. „Wir fahren jeden Tag vermehrt Streife in den betroffenen Bereichen. Auch in zivil. Denn: Wenn die Anwohner uns sehen, kann das auch der Täter“, sagt Nadine Laue. Sie und ihre Kollegen halten nichts von den vielen Theorien, die in der Stadt kursieren. „Natürlich gehen wir allen Hinweisen nach, aber am Ende zählen Fakten“, sagt Axel Riek. Die Polizei würde sich von den Anwohnern und Initiativen wünschen, dass man mit Hinweisen in erster Linie sie aufsucht. „Diese Feuer gehen die ganze Stadt an“, sagt Nadine Laue.

Wie sehr die Situation gerade die Menschen in Lehe belastet, bestätigen auch die Anwohner. „Wenn es hier fast jede Woche brennt, macht das etwas mit dem persönlichen Sicherheitsgefühl. Und man hat Angst, dass irgendwann das eigene Haus dran ist“, sagt Anwohnerin Nadine Janßen. Helmut Harms hat bei den Rettungsarbeiten in der Wülbernstraße geholfen. Bei dem Brand im April waren 13 Menschen zum Teil schwer verletzt worden, darunter auch sieben Kinder. „Bevor die Rettungskräfte eintrafen, standen wir dort zum Teil mit Decken und haben damit die Kinder aufgefangen, die aus den Fenstern gesprungen sind“, erzählt er. Seiner Meinung nach, tut die Stadt zu wenig gegen die zum Teil angespannte Lage in den Schrottimmobilien der Stadt. Auch die Polizei ist daran interessiert. „Ich wünsche mir für diese Problemimmobilien eine stärkere Sozialkontrolle und dass die Bewohner darauf achten, ihre Häuser zu verschließen – das gilt nicht nur für die Branddelikte“, sagt Nadine Laue.

In Bremerhaven arbeitet zu den betroffenen Schrottimmobilien in Lehe eine Expertenkommission. Sie verkündete vor etwa zwei Monaten, dass nach und nach mehr als 100 Problemimmobilien in den kommenden Monaten von den Behörden überprüft werden sollen. Dass nicht alle Angaben der Kommission jedoch auf dem aktuellsten Stand sind, zeigte sich zuletzt Anfang September. Damals brannte ein Haus in der Werkstraße, das vom Magistrat zuvor als „unbewohnbar“ und mit „Leerstand“ vermerkt wurde. Allerdings war das Haus regulär bewohnt. Daran übte zuletzt auch die Linksfraktion Kritik. "Die fehlerhafte Liste des Magistrats über mögliche Problemimmobilien muss dringend auf eine korrekte Grundlage gestellt werden. Fehlinformationen wie bei dem Haus in der Werkstraße dürfen nicht wieder vorkommen“, kommentiert der Bürgerschaftsabgeordnete Nelson Janßen.

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