Kommentar über Tourismus

Oh, wie schön ist das Sauerland

Wir haben die Chance, im Urlaub eigene Nachhaltigkeitsansprüche mit dem Wunsch nach Entspannung zu vereinen. Wie schön viele Teile Deutschlands sind, bleibt hoffentlich haften, schreibt Carolin Henkenberens.
27.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Oh, wie schön ist das Sauerland
Von Carolin Henkenberens

Eine deutsche Influencerin schrieb vor einigen Tagen unter ein Urlaubsfoto auf Instagram: „Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, da kann man nicht meckern.“ Was hatte sie bewertet? Ein Hotel an der Algarve? Nein. Sie war wandern gegangen, in der Sächsischen Schweiz. Sie wollte, weil Fernreisen aktuell ja schwer möglich sind, „ein paar schöne Ecken Deutschlands anschauen“. Das Foto von ihr auf einer Klippe gefällt mehr als 11 000 Menschen.

Sie ist kein Einzelfall. In sozialen Netzwerken finden sich in diesen Wochen immer öfter Bilder aus Regionen, die auf den Urlaubslandkarten gar nicht zu existieren schienen. Zumindest nicht in jener Generation, in der eine Rucksacktour durch Südamerika oder Selfies vor Wasserfällen in Thailand der Maßstab eines vollkommenen Lebens sind.

Heimische Wälder, Berge und Seen unterschätzt

Das Sauerland, die Ostsee, die Mecklenburgische Seenplatte. In dem plötzlichen Erstaunen über die Schönheit vor der eigenen Haustür schwingt mit, dass mancher die heimischen Wälder, Berge, Seen, Moore, Meere und Sonnenuntergänge unterschätzt hat. Macht uns Corona etwa nicht nur zu Balkongemüsebauern und Hobbybäckerinnen, sondern auch bewusst, wie idyllisch Deutschland ist? Das wäre sehr erfreulich.

Deutschland ist nicht erst in der Krise als Urlaubsland beliebt. Nein, das ist es seit jeher. 2019 machte gut jeder dritte Deutsche Ferien im eigenen Land, knapp die Hälfte in Europa. Das fand die repräsentative Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen heraus. Aber: Der Trend geht eindeutig zur Fernreise. Während vor zehn Jahren nur zehn Prozent der Deutschen weiter weg fuhren oder flogen, waren es vergangenes Jahr schon 17 Prozent. Auch die Passierrekorde auf Flughäfen belegen die Entwicklung.

Als Mitte März die Corona-Krise ausbrach, schockierte auch eine andere Zahl: 30.000 deutsche Urlauberinnen und Urlauber saßen in Ägypten fest. 30.000 Menschen! Das ist fast so, als würde ganz Osterholz-Scharmbeck auf einmal die Pyramiden ansehen oder mit dem Quad durch die Wüste brettern. Und das zu einer Zeit, in der noch nicht einmal Ferien waren. Alles in allem musste das Auswärtige Amt fast 200.000 Deutsche nach Hause holen. Und etliche dürften ohne Hilfe des Staates abgereist sein.

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Nur, um das klar zu stellen: Auch Fernreisen haben ihre Berechtigung. Jede und jeder sollte die Gelegenheit haben, mal aus Europa heraus zu kommen. Aber muss das wirklich jedes Jahr sein? Oder sogar mehrmals im Jahr? Der Massentourismus überhitzt den Planeten und uns. Höher, schneller, weiter. Manch einer möchte schon lange etwas ändern, ausbrechen. Nun haben wir die Chance – und sollten sie nutzen.

Die Krise als Chance – klar, das ist absolut makaber für alle, die ihre Existenz verlieren oder hart darum kämpfen. So mancher dürfte wenig in Urlaubslaune sein. Und vielen Beschäftigten in Hotels und Restaurants dürften Kraft, Nerven und Ressourcen fehlen für Veränderungen. Im Kern ist der Versuch, diese Zeit als Gelegenheit für langfristige Verbesserungen zu sehen, aber dennoch richtig. Der Sommer 2020 kann und, ja, sollte ein Wendepunkt für den Tourismus sein.

Balkonien geht dieses Jahr in Ordnung

Die Krise zwingt uns, anders Urlaub zu machen. Mehr draußen, mehr in der Region und weniger in großen Anlagen mit All-you-can-eat-Buffet rund um die Uhr. In diesem Jahr ist außerdem der möglicherweise verspürte soziale Druck, an einen spektakulären, exotischen Ort zu fahren, gering. Es ist völlig okay, auf Balkonien zu gammeln. Es ist völlig okay, „nur“ an die Nordsee zu fahren. Ist ja Corona. Da stellt keiner Fragen.

Wir haben aktuell die Chance, eigene Nachhaltigkeitsansprüche mit dem Wunsch nach Entspannung zu vereinen. Umweltbewusstsein ist in der Breite ja längst vorhanden. Doch obwohl einer Studie des Bundesumweltministeriums von 2019 zufolge mehr als die Hälfte der Bevölkerung nachhaltiges Reisen befürwortet, richten die wenigsten ihre Buchung danach aus: nicht einmal zehn Prozent. Es liegt jetzt an uns, dass sich dies langfristig ändert. Wie schön viele Teile der Republik sind, bleibt hoffentlich länger haften.

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