Die Kapitäne / Heute: Manfred Haarhaus war an Bord, als die „Esso Deutschland“ havarierte Der Traum von den großen Segelschiffen

Bremen-Nord. Schiffbau, Walfang, Fischerei, Kahnschifferei, Lotswesen und das Haus Seefahrt haben zu allen Zeiten dafür gesorgt, dass Kapitäne im Bremer Norden ihr Zuhause fanden. DIE NORDDEUTSCHE stellt in einer Serie Nautiker vor.
26.09.2015, 00:00
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Von Volker Kölling

Schiffbau, Walfang, Fischerei, Kahnschifferei, Lotswesen und das Haus Seefahrt haben zu allen Zeiten dafür gesorgt, dass Kapitäne im Bremer Norden ihr Zuhause fanden. DIE NORDDEUTSCHE stellt in einer Serie Nautiker vor. Heute: Manfred Haarhaus.

Als Manfred Haarhaus acht Jahre alt war, stand er im Hafen vor dem Segelschulschiff „Seute Deern“ und war schlicht begeistert von dem majestätischen Schiff und den jungen Männern in ihren Uniformen. Damals fasste er den Entschluss, Kapitän zu werden. Er fuhr viele Jahre auf den größten Tankern, um dann vor der Pensionierung doch wieder auf Segelschiffen anzuheuern. Heute pflegt der 80-Jährige beim MTV Nautilus und im Projekt Flussführer die maritime Tradition.

Die Begegnung mit der Bark „Seute Deern“ hatte in Peenemünde stattgefunden, wo der Vater von Manfred Haarhaus in der Verwaltung des V-Raketenprojektes arbeitete. Zum Kriegsende hatte sich die Familie zu Verwandten in die Lüneburger Heide gerettet. Die Ankündigung des 16-Jährigen, nach seiner mittleren Reife zur See fahren zu wollen, war dann doch eine Überraschung für die Familie.

Haarhaus: „Die Reederei Schlieben hatte damals als Viermaster die Pamir und die Passat als Schulschiffe in Fahrt. Da wollten alle Jungs in der Priwallschule hin – auf ein großes Segelschiff.“ Tatsächlich sei sein erstes Schiff dann ein „Klütenewer“ von 25 Metern Länge gewesen. Zwei Segel, ein Mast, ein 150 PS-Motor, 150 Tonnen Tragfähigkeit und ganz wenige Zentimeter Freibord zwischen Deck und Wasseroberfläche.

Drei Monate ging es zur Seefahrtsschule Priwall, die Reederei Schlieben ging pleite, die stolzen Viermaster waren außer Reichweite. Dafür gab es als nächstes mit der 125 Meter langen „Elisabeth Bornhofen“ ein richtig großes Schiff, auf dem er anheuerte. Der prächtige Frachter hatte einen hohen weißen Mittelaufbau, aber die Decksleute lebten achtern im „Hotel zur Schraube“. Haarhaus: „Wir Neuen hatten die Mittelkammer mit einem Bullauge Richtung Deck, das sich wegen der Gitter davor nicht öffnen ließ. So ging es zunächst nach Venezuela und Kolumbien.“

Der junge Mann erlebte als sogenannter Jungmann mit kleiner Heuer von 70 Mark ein Kuba noch vor Fidel Castro. Wochenlang: „Da wurde ein Schiff direkt neben uns zerlegt, und der Schrott wanderte in unsere Frachträume – das dauerte.“ Als er zurück war, erkannten ihn seine Leute kaum wieder: „Die fragten nur ungläubig: Wo kommst du her? Wo ich gewesen war, das kannte damals doch noch keiner.“

Schiffsjunge, Jungmann, Leichtmatrose und Matrose waren die Stationen seiner Deckslaufbahn. Manfred Haarhaus kam auf den 180-Meter-Tanker „Ernst G. Russ“, wo er Matrose wurde. Es folgte die „Seatramper“ und dann der erste Job für Esso auf dem Tanker „Esso Bolivar“, Baujahr 1938. „Das Schiff war bei den Germania Werken in Kiel gebaut worden und ging mit Kriegsausbruch unter US-Flagge,“ erinnert sich Haarhaus. Das Schiff musste rein in so manch engen Fluss und steckte seine Nase beim Drehen auch schon einmal in den Mangrovenbusch.

Gemeinsam mit einem Kumpel ging es danach zur Seefahrtsschule Hamburg. Haarhaus hatte in dem Moment schon fünf Fahrtjahre in seinem Seefahrtsbuch. Er bekam danach das Angebot, wieder auf der „Esso Bolivar“ anzuheuern, diesmal als dritter Offizier: „Das war die beste Crew, die ich je hatte: Wir haben in der Freizeit alles zusammen gemacht und umgekehrt drückte sich keiner vor der Arbeit. Wir wollten schließlich noch zur Schule gehen und voran kommen, Geld verdienen und Kapitän werden. Und von den Jungs haben das auch alle geschafft.“

Wieder Schule, nach zehn Jahren Fahrtzeit. In dieser Zeit des Studiums war er schon verheiratet, bald kamen eine Tochter und ein Sohn zur Welt. Esso zahlte 150 Mark monatlich, damit der junge Mann der Tankerflotte treu blieb. Der nächste Job, der nächste Tanker.

Manfred Haarhaus’ Wunsch nach großen Schiffen erfüllte sich, als er die Beförderung zum ersten Offizier auf Deutschlands größtem Handelsschiff, der 260 Meter langen und 38 Meter breiten „Esso Deutschland“ bekam. „Sensationell war 1964 schon das Anlaufen von Deutschlands neuem Ölhafen Wilhelmshaven mit viel Presse dabei,“ so der Kapitän. Die nächsten Pressemeldungen zur „Esso Deutschland“ waren dramatischer und kamen von der libyschen Küste. „Esso Deutschland auf ein Riff geworfen“, schrieb die Hamburger Morgenpost vom 27. November 1965 in Großbuchstaben auf ihrer Titelseite.

„Gottseidank hatte die Reederei noch in der Nacht unsere Familien informiert, so dass die nicht durch die Zeitung geschockt wurden,“ erinnert sich Manfred Haarhaus an die schwierigsten Tage seiner Nautikerkarriere: „Wir hatten vor dem Ölhafen von Port Brega in Libyen schon über 60 000 Tonnen Öl über die Schläuche vom Meeresgrund geladen, als vorne im Schlechtwetter beide Anker wegbrachen.“ Das Schiff habe wie wild gerollt als die Ketten brachen. Hafenschlepper guckten hilflos zu. Ein Draht verhedderte sich außerdem auch noch im Schiffspropeller und machte die „Esso Deutschland“ komplett manövrierunfähig. Manfred Haarhaus erinnert sich an bange Stunden, als der Riesentanker vor der Küste voller Riffe auf Drift ging: „Unten lagen Sand und Steine, die wir sehen konnten. Wir standen oben und hörten dieses unheimliche Brummen, mit dem unser Schiff immer wieder über den Grund schrammte. Schließlich lagen wir direkt am Ufer fest.“

Das Schiff blieb dicht, was Kapitän Haarhaus heute noch erstaunt. Mit einem kleinen Motortanker und einer selbst verlegten Schlauchpipeline wurde tags darauf erst einmal Ladung aus dem Esso-Schiff gepumpt, um ein Aufschwimmen möglich zu machen. Mit Schlepperhilfe ging es zunächst bis zum französischen Marseille und dann nach Neapel in die italienische Werft. Manfred Haarhaus erinnert sich, wie es im Trockendock aussah: „Der Unterboden war nur noch Wellblech.“ Am Neujahrsmorgen stand Manfred Haarhaus oben auf dem Vesuv und hakte ein schlimmes Jahr ab.

1967 begann seine Zeit als Kapitän in der Bauaufsicht für das Esso-Flottenprogramm. Schon sein erster 170 000-Tonnen-Tanker „Esso Mercia“ bei der AG Weser war ein 307-Meter-Koloss. Als Inspektor Esso war er zum ersten Mal länger an Land – aber auch nur unterwegs: Werften in Genua, St. Nazaire und eben Bremen warteten auf seinen Besuch. Auf der AG Weser lernte er den Seniorchef der Firma Ober-Bloibaum kennen, der ihm einen Job als Betriebsleiter anbot.

„Mit Handschlag auf ein Fünf-Mark-Stück haben wir meine nächsten 25 Arbeitsjahre besiegelt. Und ich kam aus einem Konzern in ein mittelständisches Familienunternehmen mit 120 Mann und habe von dem Tag an nur noch gearbeitet“, sagt Manfred Haarhaus und lacht. Plötzlich war er nicht mehr der Inspektor, der die Arbeiten aus Sicht der Auftraggeber kontrollierte. Er hatte die Seiten gewechselt. „Aber der Job gefiel mir, weil ich auch draußen sein konnte.“ Für die AG Weser fuhr er praktisch als freier Mitarbeiter und Werftkapitän die Schiffe aus dem Dock – so auch beim letzten Werftbau „Ubena“.

Doch da war noch der unerfüllte Traum von einem großen Segelschiff – und den gönnte er sich ausgiebig. Auf der „Alexander von Humboldt“ und auf den Clipper-Schiffen des Jugendwerks heuerte er an. Auf dem Vollschiff „Khersones“ fuhr er zweimal mit, einmal auf dem polnischen Segelschulschiff „Frederyk Chopin“. Aus der Atlantiküberquerung mit der niederländischen Brigantine „Swan van Makkum“ wurde eine ernste Bindung an Schiff, Reeder und Besatzung.

„Ich habe Hand für Koje gearbeitet, richtig mit den Händen und auch die Drecksarbeit gemacht.“ Den Kontakt zu den jungen Mitseglern habe er einfach nur genossen: „Ich fühlte mich wieder richtig jung und habe tolle Menschen kennengelernt.“ Ein eigenes Schiff habe ihm seine Frau aber auch erlaubt: Eine Jolle am Wochenendhaus der Familie am Flögelner See.

Aber auch diese Zeit ist für den Kapitän mit 80 Jahren vorbei: Seinen Anker hat er nun an der Lesum nahe Knoops Park ausgebracht. Seit fünfeinhalb Jahren macht er mit beim MTV Nautilus. Beim Flussführerprojekt von Gerd Meyer ist Manfred Haarhaus ebenfalls dabei. Die Signalstation ist heute einer der Lieblingsorte von Manfred Haarhaus: Oben aus der Station blickt man über das Wasser – wie auf der Brücke von einem großen Segelschiff.

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