Sanierung der „Seute Deern“ Der Wahnsinn hat Methode

Geld stinkt nicht, heißt es. Hier aber doch. 46 Millionen Euro für den Nachbau der „Seute Deern“ sind ein Wahnsinn. Wahre Größe wäre, das Geld nicht anzunehmen, findet Jürgen Hinrichs.
25.11.2019, 21:10
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Der Wahnsinn hat Methode
Von Jürgen Hinrichs

In Deutschland grassiert eine Krankheit. Sie ist nicht schlimm, nicht wirklich gefährlich, kann aber trotzdem zur Plage werden. Die Fachleute haben einen Begriff dafür: Dezemberfieber. Das ist zwar etwas unpräzise, weil es oft im November passiert, dass die Krankheit ausbricht, aber so ist das nun mal, wenn sich eine Ausdrucksweise eingebürgert hat.

Jedes Mal zum Jahresende kommt in Berlin der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages zusammen, um zu schauen, was geht, wofür noch Geld da ist. Da wird gekehrt und gesammelt, jeder Cent aufgelesen. Die Reste von dem, was mit rund 350 Milliarden Euro als Ausgaben angesetzt war. Unmöglich, so zu planen, dass nichts übrig bleibt. Punktgenau kann die Landung deswegen nie sein. Also geht man noch mal ran an den Etat, bis auch in der letzten Ecke kein Geld mehr liegt. Das Wort dafür sagt schon alles: Bereinigungssitzung.

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Unter den Mitgliedern des Haushaltsausschusses sind zwar auch ein paar Hochkaräter, im Wesentlichen sitzen dort aber Abgeordnete von der Hinterbank. Es ist der Klub der kleinen Könige, wie der „Tagesspiegel“ mal schrieb. Einer von ihnen nimmt gerne das Zepter in die Hand, er gehört zu den Strippenziehern, nicht erste Reihe, aber mächtig genug. Der Mann ist gebürtiger Bremer, er heißt Johannes Kahrs und sitzt für den Wahlkreis Hamburg-Mitte im Bundestag. Ihm gelang im Ausschuss jetzt ein Coup, der seine alte Heimat bedient. Ein großer Erfolg, eine Sensation, freute sich Kahrs zusammen mit seinem Kollegen Uwe Schmidt aus Bremerhaven. Schmidt zählt nicht zu den Haushältern, hat als Abgeordneter aber mitgewirkt, dass das Husarenstück gelang.

Man rieb sich die Augen, konnte es kaum glauben: 46 Millionen Euro für Bremerhaven! Das ist doch was, sehr viel sogar. Ein Riesenbatzen Geld für die klamme Kommune mit ihren Langzeitarbeitslosen und der hohen Armutsquote. Kahrs und Schmidt, diese Teufelskerle! Beides Sozialdemokraten vom alten Schlag, konservativ und erdverbunden. Kumpel von der Küste, die Seit' an Seit' im Seeheimer Kreis sitzen, dem Kungeltreff der SPD. Sie sind die Helden in dieser Geschichte. So wird das jedenfalls in Bremerhaven gesehen, im Rathaus und bei den Parteioberen.

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Auf der Straße hört man andere Stimmen. Ganz andere. Den Verstand haben die Menschen schon, dass sie erkennen, was für ein Wahnsinn das ist. Die Mittel gibt es ja nicht für Schulen und Kindergarten. Auch nicht für Digitales und die Infrastruktur. Sie werden in den Nachbau der „Seute Deern“ gesteckt. Das Schiff ist hinüber und nach einem Feuer und dem Wassereinbruch dafür bestimmt, vollends zu verschwinden. Und nun dieser Plan. Auferstehung einer Toten. Der Kahn kommt als Kopie zurück.

Man muss schon sehr hohes Fieber haben, um so eine Entscheidung zu treffen. Sie ist hanebüchen und wird noch verrückter, wenn zur Begründung mit dem Haushaltsrecht argumentiert wird. Auch Kahrs und Schmidt werden nicht bestreiten, dass die Millionen woanders besser eingesetzt wären. Doch so sei das eben, sagen die Abgeordneten: Was im Etat des Bundes für die Kultur bestimmt ist, muss für die Kultur ausgegeben werden. Die Regeln der Kameralistik. Und weil in diesem Bereich für das kommende Haushaltsjahr noch ordentlich Geld rumlag, hat man es genommen, so einfach.

Ein Gebaren, das jeder kennt, der sich mit öffentlichen Finanzen beschäftigt: Mittel, die eingeplant sind, sollten tunlichst ausgegeben werden, denn sonst kann es passieren, dass das Budget beim nächsten Mal deutlich kleiner ausfällt. Sparen wird bestraft, statt belohnt zu werden. Dezemberfieber – ein Medikament dagegen gibt es offenbar nicht. Die „Seute Deern“ ist vor 100 Jahren in den USA gebaut worden. Sie ist kein deutsches Schiff und stammt schon gar nicht aus Bremerhaven. Festgemacht hat die Bark dort vor gut 50 Jahren, seitdem schmückt sie den Museumshafen.

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Dumm nur, dass der Dreimaster nicht gepflegt wurde. Er lag im Wasser und rottete vor sich hin. Ein Fehler, räumt das Deutsche Schifffahrtsmuseum heute ein. Fehler passieren, und es war richtig, als die Museumsleute beschlossen, das Schiff abzuwracken. Sie sahen es anders als der Abgeordnete Schmidt. „Man würde ja auch nie auf die Idee kommen, das Kolosseum in Rom abzureißen“, sagte er. Ein irrwitziger Vergleich. Mittlerweile ist aber auch das Museum umgeschwenkt. Vorher war ihm die Sanierung zu teuer. Einen nicht minder kostspieligen Nachbau will man sich aber leisten. Geld stinkt nicht, heißt es. Hier aber doch. Wahre Größe wäre, es nicht anzunehmen.

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