Der Arbeitsalltag Bremer Rauschgifthändler Von Bunkerfahrzeugen und Nörgelbacken

Die gehackten Daten ermöglichen den Ermittlungsbehörden detailierte Einblicke in die Organisationsstrukturen der Rauschgifthändler. Bis hin zu deren „Alltagsproblemen“.
17.04.2021, 20:36
Lesedauer: 2 Min
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Von Bunkerfahrzeugen und Nörgelbacken
Von Ralf Michel

Vertriebswege, Preise, die Orte, an denen das Rauschgift in Bremen den Besitzer wechselte – die monatelang mitgelesene Kommunikation der Rauschgifthändler gewährte auch den Bremer Ermittlungsbehörden detaillierte Einblicke in das kriminelle Netzwerk. Ein Überblick:


Die Angeklagten: In den drei bislang eröffneten Prozessen in Bremen stehen insgesamt acht Angeklagte vor Gericht. Der jüngste ist 28, der älteste 43 Jahre alt. Sechs der Angeklagten sind Deutsche, einer ist Türke, einer hat beide Staatsbürgerschaften. Fast alle Angeklagten sind verheiratet, drei von ihnen haben Kinder. Als Berufe gaben sie unter anderem Kaufmännischer Angestellter, Elektriker, Industriemechaniker oder selbstständig in der Mobilfunkbranche an.


Preise: Das Kilo Kokain sollen die Angeklagten für zwischen 28.500 und 32.500 Euro verkauft haben, ein Kilo Marihuana war bei ihnen für 4500 bis 5150 Euro zu haben (bei Lieferungsservice nach Bremerhaven: 5300 Euro).


Orte: Schnellrestaurants scheinen ein beliebter Treffpunkt der Drogenhändler zu sein. Ende März 2020 wechselte ein Kilo Kokain gegen eine Anzahlung von 26.000 Euro bei Burger King in Huchting den Besitzer. Bei McDonald‘s in Oslebshausen waren es an einem anderen Tag fünf Kilo Kokain, 31.000 Euro das Kilo. Häufig zum Einsatz kommen auch „Bunkerfahrzeuge“ – auf Parkplätzen abgestellte Pkw aller Marken, vom Kia bis zum BMW-Cabrio, in denen die Drogen beziehungsweise das Geld deponiert werden.

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Waffen: Hauptsächlich geht es in den Verfahren um Drogenhandel. Aber auch Waffen spielen laut Anklage eine Rolle. Einer der Angeklagten soll bei einem der anderen eine 9-mm-Pistole sowie Patronen bestellt haben. Der Gefragte bot seinem Geschäftspartner daraufhin seine eigene Waffe an („Wenn du eine haben musst wegen Aktion, geb' ich dir meine“). Bei einem der Angeklagten wurden eine Pistole und 50 Patronen gefunden und im Schließfach eines weiteren Angeklagten bei der NordLB am Domshof eine Glock und 17 Schuss Munition. Auch als Geldersatz müssen Waffen herhalten: Im März 2020 soll einer der Angeklagten einen Kunden aufgefordert haben, endlich seine Drogenschulden zu begleichen. Er solle die Waffen zurücknehmen, die er für das Rauschgift in Zahlung gegeben hatte. Diese Fälle datieren alle aus dem vergangenen Jahr. Bei einer Razzia im März 2021 fand die Polizei erneut zahlreiche Waffen – Beweismaterial in den nächsten Encrochat-Prozessen.


Vertrieb: Die Drogen wurden zentnerweise per Lkw aus Spanien oder den Niederlanden nach Bremen geliefert. Eine zentrale Rolle spielte dabei eine Lagerhalle in der Straße „Zum Klümoor“ in Achim-Uphusen. In einem der Fälle brachte ein polnischer Tieflader vier Paletten mit Marihuana, das in schwarze Folien eingeschweißt war. Sie wurden mit dem Gabelstapler entladen und innerhalb einer halben Stunde auf zwei Pkw verteilt. In einem anderen Fall nahm einer der Angeklagten dort 60 Kilo Marihuana in Empfang. Laut Staatsanwaltschaft fotografierte er die Ware mit seinem Handy, schickte Bilder an potenzielle Käufer. So sei es ihm gelungen, die komplette Lieferung noch vor Ort zu verkaufen. Neben Uphusen tauchte auch eine Lagerhalle in Bad Zwischenahn in den Chatprotokollen der Drogenhändler auf. Verteilt wurde das Rauschgift größtenteils an Zwischenhändler in Bremen, geliefert wurde aber auch nach Bremerhaven, Hamburg oder Hannover. Organisatorische Fragen wurden offen via Encrochat diskutiert, zum Beispiel, wie ein sicherer Geldtransfer nach Spanien vonstattengehen könnte. Und selbst das eine oder andere Problem kam zur Sprache: Qualitätsmängel bei den Drogen etwa, die zu Reklamationen und ärgerlicher „Retourware“ führten. Oder auch einfach nur Klagen über „die Nörgelbacken“, die nicht wie verabredet Ware abgenommen hätten.

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