Foodsharing in Bremen Die Lebensmittelretter

Foodsharer retten Lebensmittel, die weggeworfen würden. Auch in Bremen sind 500 Menschen registriert. Jan Leifheit ist der Botschafter der Stadt.
16.08.2017, 16:44
Lesedauer: 3 Min
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Die Lebensmittelretter
Von Jan-Felix Jasch

Die Zahlen sind alarmierend: Statistisch gesehen werden in Deutschland jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Das entspricht pro Kopf rund 82 Kilogramm oder 235 Euro, die jedes Jahr in der Tonne landen. Diese Angaben stammen aus einer Studie der Universität Stuttgart von 2012 – und sie waren mit eine Ursache für die Gründung des Foodsharing e.V.. Der Verein aus Köln hat es sich zum Ziel gesetzt, Lebensmittel zu retten, die sonst in den Müll wandern würden. Auch in Bremen ist der Verein aktiv.

Jan Leifheit studiert Politikwissenschaften, ist Vegetarier und einer der Botschafter für die Stadt Bremen. Wobei Bremen-Nord aufgrund der Entfernung ein eigener Bereich ist. „Dabei spielt auch der ökologische Gedanke eine Rolle“, sagt er. Denn die Foodsaver, also Essensretter, sollen die Abgabestellen idealerweise mit dem Fahrrad erreichen können, um die Umwelt nicht zusätzlich zu belasten.

120 regelmäßig aktive Foodsaver in Bremen

Bei Foodsharing sind für den Bereich Bremen-Stadt 500 der sogenannten Foodsaver registriert. „Aber da sind auch Kartei-Leichen dabei“, sagt Leifheit. Er schätzt, dass mindestens 120 regelmäßig aktiv sind, weitere holen gelegentlich Lebensmittel ab. Das System funktioniert folgendermaßen: Die Foodsaver gehen zu Läden, mit denen der Verein kooperiert und holen die Nahrungsmittel, die sonst weggeworfen würden, ab. Was damit dann geschieht, ist Sache der Foodsaver. Die meisten verteilen das Essen an Freunde und Verwandte, häufig auch an Mitbewohner und Nachbarn. Wichtig ist, dass es nicht weggeworfen wird. „Daher garantieren wir den Betrieben auch die Abholung“, sagt Leifheit. Sie finde regelmäßig und fast immer zur gleichen Zeit statt. Es sei wichtig, dass der abgebende Betrieb sich verlassen könne.

Botschafter wie Jan Leifheit haben die meisten dieser Betriebe angesprochen und eine Kooperation mit ihnen geschlossen. „Das sind ganz unterschiedliche Betriebe“, sagt Leifheit. Darunter seien größere Supermärkte, aber auch kleine Käse- oder Bioläden. Foodsaver können sich vor einer Abholung in eine Liste für einen bestimmten Laden eintragen. Nicht immer holen deshalb die gleichen Menschen im gleichen Betrieb ab und es wird eine gewisse Bandbreite in den Lebensmitteln für die einzelnen Mitglieder gewährleistet. Trotzdem gibt es einen speziellen Ansprechpartner für jeden Laden, der bei Problemen helfen soll und die Zusammenarbeit im Auge behält.

„Wenn wir merken, dass unsere vorhandenen Partner nicht mehr ausreichen, um unser Netzwerk zu versorgen, sprechen wir weitere an“, sagt Leifheit. Dabei habe er festgestellt, dass immer mehr Betreiber etwas mit dem Begriff „Foodsharing“ anzufangen wüsste. „Trotzdem machen nicht alle mit.“ Das liege meist daran, dass sie schon mit anderen Organisationen wie der Bremer Tafel zusammenarbeiten oder das Essen privat weitergeben. Überhaupt steht Foodsharing nicht mit der Bremer Tafel in Konkurrenz, sagt Leifheit. Wenn ein Betrieb mit der Tafel zusammenarbeite, ziehe man sich zurück, um die Lebensmittel Bedürftigen zu überlassen. „Wir wollen niemandem was wegnehmen, sondern Lebensmittel retten, die ohnehin weggeworfen würden“, erklärt der Student.

Unterschiede zwischen den Organisationen

Der Unterschied zwischen den beiden Organisationen ist, dass die Lebensmittel bei Foodsharing nur für den eigenen oder privaten Verbrauch genutzt werden. Die Tafel verteilt die Lebensmittel und muss daher strengere Auflagen einhalten. Sie darf kein Essen verteilen, das das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. Beim Foodsharing finden auch solche Nahrungsmittel noch einen Abnehmer. Ähnlich verhält es sich mit der Kühlkette.

Die Tafel muss die Einhaltung dieser Kette streng gewährleisten. Foodsharing muss nicht so genau drauf achten, wenngleich es sich aus gesundheitlichen Gründen empfiehlt. „Lebensmittel mit einem Verbrauchsdatum wie Fleisch oder Eier werden von uns nicht mehr verwendet“, sagt Leifheit. Das Risiko einer Erkrankung ist zu hoch. Die Mitglieder von Foodsharing haben alle eine Erklärung unterschrieben, dass sie die abgebenden Betriebe bei gesundheitlichen Problemen, die von den Nahrungsmitteln herrühren, nicht verklagen.

Leifheit ist seit gut einem Jahr bei der Initiative. Er hofft, dass die Mitgliederzahlen weiter steigen und mehr Menschen anfangen, bewusster mit Lebensmitteln umzugehen. „Unser Ziel ist, dass wir irgendwann nicht mehr existieren“, sagt er. Der Grund: „Weil wir dann einfach nicht mehr gebraucht werden.“ Der Weg bis dahin sei noch lang. „Wir wünschen uns, dass die Politik das Thema aufgreift.“ Und entsprechende Gesetze erlässt. Bis dahin werden Leiftheit und seine Mitstreiter weiter Lebensmittel retten.

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