Bremen in der Nazizeit Die Nationalsozialisten in Bremen

Eine Führung durch das Focke-Museum zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialimus macht deutlich, wie sich die Naziherrschaft ab 1933 auch hier vor Ort etablieren konnte.
02.02.2018, 12:35
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Von Gerald Weßel

Es steht in einem gläsernen Kasten unter der Decke. Würde Jens Buttgereit vom Focke Museum bei seiner Führung nicht stehenbleiben und hinaufdeuten, würde es an dieser Stelle wohl niemand bemerken. Allzu schnell kann das unbeleuchtete Schiffsmodell im Schaumagazin des Focke-Museums den Blicken entgehen. Das sollte jeder Besucher vermeiden. Denn mit dem dort als Miniatur ausgestellten Atlantik Schnelldampfer Bremen ist eine umwälzende Epoche der Bremer Geschichte untrennbar verknüpft: Das Ende der 20er Jahre, der Anfang vom Ende der Weimarer Republik, der Beginn des Nationalsozialismus in Bremen.

1928 lief das bei der Deschimag Werft AG-Weser gebaute Schiff vom Stapel und der Norddeutsche Lloyd konnte seinem neuen Prunkstück entgegenblicken. Es war bereits das vierte Schiff, das den Namen Bremen trug. Nach der Taufe durch Staatspräsident Paul von Hindenburg wurde die Innenausstattung des Schiffes am Kai noch bis Mitte 1929 beendet, ehe die Testfahrten klarstellten: Die AG Weser hatte ein Spitzenschiff gebaut. Bereits bei ihrer Jungfernfahrt nach Amerika errang die Bremen das Blaue Band des Nordatlantiks, dass für die schnellste Überfahrt von Europa nach New York verliehen wurde. Dies stellte eine der raren Erfolgsmeldungen der Weimarer Republik dar. Später im gleichen Jahr 1929 wurde Deutschland zusammen mit dem Rest der Welt, von der hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise schwer getroffen. Bei der AG Weser hatten über 9000 Arbeiter die Bremen gebaut, doch bereits kurz nach Fertigstellung verloren aufgrund der Krise über 5000 Menschen ihre Anstellung.

Doch war dies nur eines der zahlreichen Ereignisse, die Bremen in der Wirtschaftskrise erschütterte. In der Summe beförderten die aus der Krise resultierenden Abstiegsängste vieler Bürger die „Machtergreifung“ der NSDAP im Jahre 1933. Weite Teile der Bremer Kaufmannschaft begrüßten das im März 1933. Sie sprachen ihren aufrechten Dank für die „nationale Erhebung“ aus. Dabei kam die NSDAP in Bremen, wie auch in Berlin nur über mehrere Umwege an die Macht, denn in freien Wahlen hatten sie in Bremen nie eine Mehrheit erreicht. Ein Massenauflauf brachte in Bremen die bestehende demokratisch gewählte Regierung ins Wanken und lieferte den Nazis einen Vorwand, die Kontrolle über die Polizeidirektion zu übernehmen. Sie verwiesen auf eine Gefährdung des öffentlichen Rechts und der Ordnung – dabei waren die Nazis selbst in vielen Fällen die Urheber dieser Unordnung.

Gleichschaltung

Zum 31. März 1933 beschloss der Reichstag das "Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich." Danach hatten sich die Mehrheitsverhältnisse in den Landesparlamenten nach denen auf Reichsebene zu richten. Die Bremer Bürgerschaft tagte noch einmal am 10. März, im Oktober 1933 wurde sie formal aufgelöst. In der letzten freien Sitzung hielt Hermann Prüser von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) eine anklagende Rede wider den „faschistischen Staatsstreich“ und den „Weißen Terror". Neben der Machterschleichung der NSDAP geht es im Laufe der Museumsführung auch um die zahlreichen Bremerinnen und Bremer, die Opfer des Nationalsozialismus in der Hansestadt wurden. Während der NS-Zeit wurden Tausende verfolgt, diskriminiert, eingesperrt und viele auch ermordet. Die Opfer fanden sich überall: Widerstandskämpfer, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderung und Homosexuelle. Oft reichte es bereits, ausländische Sender zu hören oder bei regimekritische Bemerkungen denunziert zu werden, um in Haft zu kommen.

Von Faust und Prüser

Unter den 15 Teilnehmern der Führung findet sich auch eine fachkundige Zuhörerin: Julia Siepe aus Hamburg. Sie interessiere sich schon seit ihrem 13. Lebensjahr für das Thema. Angefangen hatte für sie alles mit den Geschwistern Scholl und ihrem Widerstand gegen das NS-Regime. Heute ist sie zum ersten Mal im Focke-Museum. Aktuell arbeitet sie an ihrem Master-Abschluss über die zahlreichen Zwangssterilisationen in der Nazizeit. Eines der frühesten politischen Opfer der Nazizeit war Emil Theil, Fraktionsvorsitzender der SPD-Bürgerschaftsfraktion bis zum Verbot der Partei durch die NSDAP. Er wurde inhaftiert und ins Konzentrationslager Mißler eingeliefert. Dieses früh eingerichtete Lager befand sich in Findorff auf dem Gelände der 1986 abgerissenen Auswandererhallen an der Walsroder Straße. Seine Lage inmitten des Wohnviertels ließ die komplette Nachbarschaft Zeuge der dort stattfindenden Misshandlungen der in „Schutzhaft" genommenen Häftlinge werden. Zu bekannten Bremer Lokalgrößen in diesem Lager zählte ab Juni 1933 auch der Kommunist Herman Prüser sowie der Redakteur und sozialdemokratische Politiker Alfred Faust.

Das KZ Mißler wurde bereits im Herbst 1933 aufgelöst und alle Gefangenen verlegt. Emil Theil wurde 1935 nach einem Prozess ins Gefängnis und im Anschluss noch für zwei Jahre in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau gebracht. Nach der deutschen Niederlage und während der Besetzung durch die Alliierten wurde er Bausenator in der ersten, neuen bremischen Regierung. Alfred Faust wurde 1934 nach seiner Entlassung aus Bremen ausgewiesen und kehrte erst 1949 zurück. Von 1950 bis zu seinem Tod 1961 war er Pressesprecher des Bremer Senats. Hermann Prüser diente seinen Idealen nach dem Krieg in verschiedenen öffentlichen Funktionen, für kurze Zeit zum Beispiel als Betriebsratsvorsitzender der AG Weser. Ein pikantes Detail sticht für Jens Buttgereit noch heraus. Emil Theil bekam noch im KZ einen Brief des Justizministeriums, in dem er höflich aufgefordert wurde, doch bitte aus dem Gedächtnis die Vermögenswerte der Bremer SPD aufzulisten, damit diese Besitztümer im Zuge der Auflösung der Partei beschlagnahmt werden können.

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