15 Jahre nach dem Bunkermord

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Bremen. Vor 15 Jahren wurden Ayse Dizim und Serif Alpsozman am Bunker Valentin auf bestialische Weise ermordet. Nach einem der Drahtzieher wird immer noch gesucht
24.08.2014, 13:47
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Landwehr
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Der Bunker Valentin in Bremen-Nord

Janina Rahn

Bremen. Wo ist Servet? Der Mann, damals Regionsverantwortlicher der kurdischen Arbeiterpartei PKK für Bremen, soll vor 15 Jahren einer der Drahtzieher für den Befehl gewesen sein, Serif Alpsozman (23) und Ayse Dizim (18) zu töten.

Servet ist der Deckname von Abidin Karadoc, der seit dem Jahr 2000 mit internationalem Haftbefehl gesucht wird. „Er ist untergetaucht“, sagt Frank Passade, Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, „wir wissen nicht, wo er ist.“

Aus PKK-Sicht bestand das Verbrechen von Serif und Ayse darin, sich ineinander zu verlieben. Es war ungeschriebenes Gesetz der Partei, dass ihre Aktivisten keine intimen Beziehungen untereinander eingehen durften – das hätte ihren Kampf für ein freies Kurdistan behindern können. Serif hatte gekämpft. Bis ihn eine Granate traf. Seitdem saß er gelähmt im Rollstuhl, erst 18 Jahre alt. Die Partei brachte ihn 1994 nach Deutschland, wo er als Kriegsheld herumgereicht wurde. So lernte er Ende 1998 die fünf Jahre jüngere Ayse kennen, die mit 15 nach Bremen gekommen war.

Serif ist oft zu Gast bei Ayses Familie in der Westerstraße. „Er war für mich wie ein Sohn“, wird ein Nachrichtenmagazin später ihren Vater zitieren. Als Schwiegersohn aber will er ihn nicht haben. Wie soll ein Krüppel seine Pflichten als Ehemann wahrnehmen? Auch ist er der Ansicht, dass Serif als PKK-Mitglied nicht heiraten darf. Nachdem der ihn um die Hand seiner Tochter gebeten hat und das Paar von einer Heirat nicht abzubringen ist, wendet sich der Vater Hilfe suchend an die Partei.

Unter Kurden und PKK-Anhängern existiere das Individuum nur für die Gemeinschaft, sagt im Januar 2001 Ilhan Kizilhan im Mordprozess. Der Psychologe von der Uni Konstanz, selbst Kurde, wird vom Gericht als Gutachter gehört. Er berichtet, wie sich Menschen „mit Leib und Seele der PKK“ verschreiben. Und er erläutert, was es mit der Familienehre auf sich hat. Werde sie durch Ungehorsam oder einen Regelverstoß eines Familienmitglieds verletzt, sei es die Pflicht der Angehörigen, sie wieder herzustellen. „Manchmal muss das Gegenüber dann auch getötet werden“, erklärt Kizilhan. Nach Feststellungen des Gerichts verlangt Ayses Vater von der PKK die Wiederherstellung seiner Ehre, weil diese für das Verhalten ihres „Kaders“ Alpsozman verantwortlich sei.

Das Paar widersteht allen Versuchen, es zu trennen. Anfang Juni 1999, so geht es aus den Gerichtsakten hervor, heiraten Serif und Ayse heimlich in einer Moschee. Sie ziehen in eine kleine Wohnung am Niedersachsendamm, schotten sich ab. Nach späteren Erkenntnissen der Ermittler werden sie von der PKK massiv bedrängt, ihre Beziehung zu beenden.

Servet und der PKK-Funktionär Mehmet E., Deckname Xerbat, sollen schließlich drei Männern den Auftrag erteilt haben, das Paar umzubringen: Sehmut M. (33), Iskender T. (29) und Ahmet T. (26). Was dann geschieht, steht im Protokoll des Bundesgerichtshofs, der das erste Urteil des Landgerichts Bremen beanstandet hatte: „Die Angeklagten fuhren unter einem Vorwand mit den beiden Opfern zu einer einsam gelegenen Stelle am Außendeich der Weser. … begannen die Angeklagten mit der Tötung der beiden Opfer, ohne auf deren Flehen zu reagieren.“

Der einsame Ort befand sich hinter dem Bunker Valentin in Farge. Zuerst schleifen Iskender T. und Ahmet T. Ayse über die Deichkrone zur Weser. Ihr Kopf wird in den Schlick gedrückt, bis sie kein Lebenszeichen mehr von sich gibt. Um ganz sicher zu gehen, häufen die Täter noch Schlick auf ihren Kopf. Anschließend nehmen sie sich Serif vor. Einer von ihnen habe mit einem Radmutterschlüssel „elfmal mit Wucht“ auf dessen Kopf eingeschlagen, stellt das Gericht später fest. Sehmut M. habe das Opfer zusätzlich zweimal mit dem Auto überrollt und mitgeschleift.

Serifs Todeskampf dauert vermutlich mehrere Stunden.

Ein Kripobeamter spricht von einer bestialischen Tat. Schnell führt die Spur zur PKK, die mit abstrusen Behauptungen von sich abzulenken versucht. Ende August werden die Täter verhaftet, im Januar 2000 auch Mehmet E, genannt Xerbat. Er wird wegen Beihilfe zu neuneinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt, Iskender T. zu 15 Jahren, Ahmet T. und Sehmut M. zu 13 Jahren. Ahmet T. hatte als erster sein Schweigen gebrochen und den Ermittlungen damit zum Durchbruch verholfen.

Das Landgericht erkannte sowohl im ersten Prozess als auch in der Revisionsverhandlung auf Totschlag, indem es das Mordmerkmal „niedrige Beweggründe“ mit Hinweis auf die „archaischen Wertvorstellungen“ der Angeklagten ausschloss. Dieses Urteil erregte bundesweit Aufsehen wie vor Kurzem auch der Umstand, dass am Landgericht Bremen eine Klage der Staatsanwaltschaft zum selben Fall 14 Jahre nicht bearbeitet worden ist: Zwei Brüderpaare werden der Beihilfe zur Tötung von Serif und Ayse verdächtigt.

Und Servet? Bleibt verschwunden.

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