Der Findorffer Manfred Schlösser zeigt in der Lilie, was „Urban Sketching“ ist

Die Welt in kleinen Zeichenkladden

Findorff-Bürgerweide. Manfred Schlösser sucht sich keine Bildmotive. Sie landen ganz von selbst und meist ganz zufällig in seinem Blickfeld.
09.11.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten
Die Welt in kleinen Zeichenkladden

Zwei Männer mit Sonnenbrillen in einer italienischen Bar, deren Blick in die Ferne schweift. Weil sie für Manfred Schlösser aussehen wie „zwei Mafiosi“, hat der Findorffer diese Momentaufnahme mit seinem Zeichenstift festgehalten. Eine Auswahl seiner Zeichenkladden ist in der „Lilie“ zu sehen.

Roland Scheitz

Manfred Schlösser sucht sich keine Bildmotive. Sie landen ganz von selbst und meist ganz zufällig in seinem Blickfeld. Seine bevorzugten Schnappschüsse zeigen unbekannte Menschen an öffentlichen Orten, in unterschiedlichsten Umgebungen und Situationen.

Das Besondere an diesen Momentaufnahmen: Der Findorffer hält solche Augenblicke nicht mit der Kamera, sondern mit Stift und Papier fest. Manfred Schlösser ist ein „Urban Sketcher“: Er malt, was ihm zuhause oder andernorts begegnet.

Eine Auswahl seiner künstlerischen Alltags-Impressionen, auf imposantes Großformat gezogen und gerahmt, sind bis Ende dieses Monats im Findorffer Restaurant Lilie zu sehen. Zum Beispiel die beiden Signore mit Sonnenbrillen, deren unergründlicher Blick in die Ferne schweift – entdeckt am Nachbartisch einer italienischen Bar und festgehalten, „weil sie aussehen wie zwei Mafiosi“, sagt der Künstler. Mitunter bleiben dem Findorffer nur Sekunden, um das Objekt seines Interesses auf Papier zu bringen. So auch im Falle der modisch gekleideten Passantin, die lässig durch eine mallorquinische Seitenstraße flanierte.

In dieser Form sieht auch der Künstler seine Werke zum ersten Mal. Denn die Originale befinden sich in einfachen Din-A-5-Heften, Zeichenkladden und auch gerne auf Fundstücken wie Hotel- oder Abrechnungsblöcken. Rund 100 dieser kleinen Bilderalben haben sich im Laufe der Jahre angesammelt, bis auf das letzte Blatt bemalt und beschrieben, schätzt Schlösser. Sie dokumentieren zum Beispiel die Schiffstour in der Karibik oder die Dienstfahrt nach Sewastopol, erinnern an Sommerurlaube, Städtereisen, Hotels und Strände.

Doch auch zu Hause ist der Findorffer nie ohne seine Zeichenutensilien unterwegs: im Bürgerpark, am Hafen oder in den Cafés und Restaurants der Stadt. Vor der Haustür unterwegs ist auch die Szene aus dem sommerlichen Biergarten am Torfhafen entstanden, die zum Türoffner für die aktuelle Ausstellung wurde: Gastronom Georg Meyer, Inhaber des Lokale Lilie und Port Piet, war so angetan von dem Bild und der Idee der „Urban Sketcher“, dass er den Künstler und seine Arbeiten auch seinen Gästen vorstellen wollte.

„Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung!“ lautet das Motto der „Urban Sketcher“. Den Anstoß für diese inzwischen internationale Community hat der spanisch-amerikanische Journalist Gabriel Campanario gegeben, der seit vielen Jahren Zeitungen mit Kolumnen und Illustrationen beliefert. Im Jahr 2007 begann Campanario, seine Zeichnungen in einem Internet-Blog zu zeigen – und erfuhr, dass er Gleichgesinnte auf der ganzen Welt hatte. Mittlerweile besteht das „Urban Sketchers“-Netzwerk aus mehr als 1000 Profis und talentierten Amateuren auf der ganzen Welt, die sich im Internet treffen, um ihre Werke großzügig und ohne finanzielles Interesse mit der Welt zu teilen.

Die deutsche Dependance wurde vor drei Jahren gegründet und zählt 30 „Blog-Korrespondenten“. Unter der Online-Adresse germany.urbansketchers.org sind zurzeit zum Beispiel der Herbst auf Rügen, das Gewusel auf der Frankfurter Buchmesse und Impressionen aus Rom und Stettin zu sehen. Bremen ist in der Gemeinschaft zwei Mal vertreten. Die zweite „Stadtzeichnerin“ kennen viele bereits sehr gut: die Grafikerin und Illustratorin Isa Fischer, die ebenfalls in Findorff zuhause ist, und sich vor allem mit ihren Zeichnungen Bremer Häuser, Straßen- und Hafenszenen einen Namen gemacht hat. Hauptberuflich macht Manfred Schlösser etwas ganz anderes. Als promovierter Biochemiker arbeitete er lange Jahre in Wissenschaft und Forschung, seit 18 Jahren ist er für die Öffentlichkeitsarbeit des Bremer Max-Planck-Instituts für die marine Mikrobiologie zuständig.

Gemalt und gezeichnet habe er aber sein ganzes Leben, erzählt er. Die Technik hat sich Schlösser selbst beigebracht, mit Hilfe von Betty Edwards’ klassischem Lehrbuch „Garantiert zeichnen lernen“ – ein Tipp, den er allen, die Lust zum Zeichnen und Malen haben, gerne ans Herz legt.

Dass sie ungefragt zum Modell wurde, wird die junge Frau aus Mallorca möglicherweise nie erfahren. Doch hin und wieder sei es vorgekommen, dass der aufmerksame Beobachter bemerkt wurde. „Aber wenn die Leute dann sehen, dass ich nur male, reagieren sie mit Überraschung und Wohlwollen“, erzählt Manfred Schlösser: Dass in der Smartphone-Ära jemand da sitze, und sich die Zeit nehme, die Welt ganz in Ruhe und auf ganz althergebrachte Weise zu betrachten.

„Mit dem Zeichenstift lernt man auf der ganzem Welt ganz leicht Menschen kennen“, sagt er. Und mitunter ergeben sich dabei ungewöhnliche und nachhaltige Kontakte, wie die Verbindung zum Kulturhaus Walle, das im Januar Manfred Schlössers „Urban Sketching“ zeigen wird. Brodelpott-Kuratorin Jana Schenk hatte den Bremer beim Zeichnen auf der Kanaren-Insel La Gomera entdeckt und angesprochen.

Die Ausstellung „Urban Sketchers“ ist bis zum 30. November im Lokal Lilie, Hemmstraße 159, zu sehen. Mehr über Manfred Schlösser und Links zu seinen Bilderalben finden sich im Internet unter www.manfredschloesser.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+