Vorstoß aus der Bremer Uni Neue Wege beim E-Learning

In Zeiten von Corona sollen Schüler zu Hause lernen - doch in Familien gibt es dafür höchst unterschiedliche Bedingungen. Forscher fordern Investitionen in neue Lernmaterialien, die mehr Schüler mitnehmen.
01.04.2020, 09:00
Lesedauer: 2 Min
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Neue Wege beim E-Learning
Von Sara Sundermann

In Zeiten, in denen Schülerinnen und Schüler zu Hause lernen sollen, warnen Elternvertreter und Gewerkschaft davor, dass die Kluft bei den Bildungschancen noch größer wird. Denn nicht alle Eltern können ihre Kinder gleich gut unterstützen – mit Zeit, Wissen und Geräten. Ein Bremer Wissenschaftler fordert nun mit einer bundesweiten Forschergruppe, neue Wege beim E-Learning zu gehen. Diese Wege sollen auch dazu führen, mehr Schüler digital mitzunehmen.

Frank J. Müller von der Uni Bremen setzt sich für ein Lernportal mit lizenzfreien Inhalten ein. Müller ist Juniorprofessor für inklusive Pädagogik, ihm ist daran gelegen, beim Lernen auf Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen einzugehen. Vorbild ist für Müller Norwegen: Eine norwegische Lernplattform für die Sekundarstufe II stelle Inhalte ohne Login und Download frei zur Verfügung. Die Inhalte seien auf Handys, Tablets und Laptops nutzbar. Darüber hinaus könnten sie von Lehrern problemlos verändert und an ihre Schüler angepasst werden – anders als klassische Schulbuchinhalte, bei denen Müller zufolge Urheberrechte die Bearbeitung erschweren. „Derzeit darf ein Lehrer Lehrbuchinhalte nicht einfach stark verändert ins Netz stellen“, beschreibt er das Problem.

Überlastete kommerzielle und zentralisierte staatliche Plattformen könnten oft der Zahl der neuen Nutzer nicht gerecht werden, warnt Müller. Und viele Lehrkräfte verschickten PDFs an Schüler, die zum Teil keinen Drucker und nur ein Handy zur Verfügung hätten. „Die Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern aus Haushalten mit geringem kulturellen und ökonomischen Kapital wird damit weiter verstärkt.“

Eine Lernplattform mit lizenzfreien Materialien mache möglich, dass Lehrer individuell unterschiedliche Aufgaben erstellen: Eine Schülergruppe könne zum Beispiel anhand eines Videos Fragen beantworten, eine andere Gruppe anhand eines Textes zum selben Thema. „So eine Plattform könnte man mit dem Lernportal ,Its learning‘ verknüpfen und hätte quasi eine gut sortierte Vorratskammer mit Inhalten wie Hörbücher, Filme und Texte“, so Müller. Es müsse in Deutschland nicht nur in Endgeräte investiert werden, sondern auch in geeigneten digitalen Lernstoff. „Sonst stellt man in fünf Jahren fest, dass man beim digitalen Lernen die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf vergessen hat.“ Wenn jedes Bundesland pro Schüler einen Euro pro Unterrichtsfach investieren würde, hätte man pro Jahr sieben Millionen Euro pro Fach für das Projekt, sagt Müller. Ein Konsenspapier, das diese Forderungen zusammenfasst, wurde von Teilnehmern einer Tagung im Hanse-Wissenschaftskolleg unterzeichnet.

Die Bildungsgewerkschaft GEW warnt davor, dass die Schere zwischen Schülern aus Bildungsfamilien und benachteiligten Familien schon jetzt durch das Lernen zu Hause mehr auseinander gehe. Ein großes Problem ergebe sich für die Jugendlichen, die zu Hause keine Unterstützung bekämen, die keinen Schreibtisch und keinen W-Lan-Zugang hätten. Schwierig sei die Lage auch für Schüler, die noch in Deutschkursen seien oder deren Eltern nur wenig Deutsch könnten.

Auch der Zentralelternbeirat (ZEB) warnt vor ungleichen Chancen beim Lernen zu Hause: „Die Bandbreite ist riesig: Es gibt Eltern, die sind selbst Lehrer, und Haushalte, die weder Laptop noch Internet haben“, sagt Michael Skibbe vom ZEB. „Das ist derzeit das absolute Gegenteil von Inklusion.“ Beim Elternbeirat seien schon Hilferufe eingegangen. „Viele Eltern sind überfordert.“

Info

Zur Person

Sophie Wagner (14)

ist die Tochter unseres
Redakteurs Joerg Helge Wagner. Sie besucht
die 8. Klasse des St.-Johannis-Gymnasiums
in Bremen-Mitte.

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