Geiselnahme und Morddrohungen Ein Thriller aus Kirchhuchting

Das Opfer muss sich mit verbundenen Augen hinknien und bekommt eine Pistole an den Kopf... Hört sich an wie ein amerikanischer Thriller. Spielt aber in Kirchhuchting. Und jetzt auch am Landgericht Bremen.
12.04.2018, 08:04
Lesedauer: 3 Min
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Ein Thriller aus Kirchhuchting
Von Ralf Michel

„Lasst mich ihn umbringen“, sagt einer der Täter. Sie sind zu fünft und stehen vor einem Mann, der auf einem Stuhl gefesselt ist. Der Mann blutet. Einer der Täter hat einen Glasaschenbecher an seinem Kopf zertrümmert. Immer wieder wird das Opfer geschlagen. Und mit einer Pistole bedroht. „Wir machen dich fertig. Das ist dein Ende.“

Die Bilder, die die Staatsanwältin am Donnerstag zum Prozessauftakt im Landgericht mit dem Verlesen der Anklageschrift heraufbeschwört, kennt man aus amerikanischen Thrillern. Doch dieser hier beginnt in einer Teestube in Kirchhuchting. Dort soll es in der Nacht zum 21. April 2016 um vier Uhr nachts einen bewaffneten Raubüberfall gegeben haben. Maskierte Männer mit Schusswaffen stürmten dabei die Teestube.

Doch um diese Tat geht es nicht in dem Prozess, sondern um eine Geiselnahme, die sich fünf Tage später zugetragen haben sollen. Das Opfer ist ein Mann, aus dem die Angeklagten Informationen über die Hintermänner des Überfalles herausprügeln wollten. Dafür entführten und misshandelten sie ihn mehrere Tage lang, lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Immer wieder wurde der Mann geschlagen, mit dem Tod bedroht und außerdem auf sehr spezielle Art und Weise gedemütigt. Zwei Tage lang dauerte dies, dann ließen die Täter ihr Opfer laufen. Verbunden mit einer weiteren Drohung: Gehst du zur Polizei, bringen wir dich um und vergewaltigen deine Tochter.

Teestube in Kirchhuchting

Der Mann wandte sich trotzdem an die Polizei und brachte mit seinen Aussagen fünf Bremer im Alter zwischen 30 und 42 Jahren auf die Anklagebank. Demnach spielte sich die eingangs geschilderte Szene in der Teestube in Kirchhuchting ab, die ein paar Tage zuvor überfallen worden war. Laut Anklageschrift locken die Täter den Mann gegen 17 Uhr unter einem Vorwand in die Teestube und prügeln dann eine Stunde lang auf ihn ein. Anschließend lassen sie ihn an einen Stuhl gefesselt mehrere Stunden lang sitzen.

Gegen 22 Uhr erhält er eine „letzte Chance, sein Leben doch noch zu retten“. Voller Angst erzählt er daraufhin, was er über den nächtlichen Überfall weiß. Doch helfen tut ihm dies nichts. Dem Mann werden die Augen verbunden, und er wird in einen Wagen gesetzt. Auf der Fahrt zu einem ihm unbekannten Ort sprechen seine Entführer mehrfach darüber, dass sie ihn am Ende der Fahrt töten werden. Als der Wagen hält, wird der Mann aufgefordert, sich auf den Boden zu knien. Dann wird ihm eine Pistole an den Kopf gehalten.

Doch statt ihn zu erschießen, bringen die Täter ihr Opfer in eine Gartenparzelle. Hier wird er erneut an einen Stuhl gefesselt und wieder geschlagen. Zwei Tage lang muss der Mann mit verbundenen Augen auf dem Stuhl ausharren, zu essen und trinken bekommt er in dieser Zeit nichts.

Demütigung in Frauenkleidern

Am Abend des 28. April folgt laut Staatsanwaltschaft ein besonders skurriles Intermezzo: Die Täter zwingen ihr Opfer, Frauenkleider anzuziehen. Dann bringen sie den Mann in eine Teestube, diesmal in der Waller Heerstraße, wo er dem anwesenden Publikum als Verräter vorgeführt wird. Noch einmal muss er die Hintergründe des Raubüberfalles auf die Teestube in Kirchhuchting erzählen.

Aus Walle geht es am frühen Morgen des 29. April zurück in die Teestube in der Kirchhuchtiger Landstraße, wo er nach weiteren Details zu dem Überfall gefragt wird. Um ihn in seiner Ehre herabzusetzen, wird er als „Isis“ und „Hurensohn“ beschimpft. Obwohl er die Fragen seiner Entführer beantwortet, wird er so hart mit einer Holzplatte geschlagen, dass er leblos zusammensackt. Erst danach lassen die Täter ihr Opfer laufen. Der Mann schleppt sich nach Hause. Die nächsten Tage verbringt er in stationärer Behandlung im Krankenhaus Bremen-Mitte.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten unter anderem Geiselnahme, gefährliche Körperverletzung und Nötigung vor. Bei einem der Männer wurde zudem eine Pistole nebst Munition gefunden sowie – in einer Teekanne versteckt – ein Magazin mit Munition für eine andere Waffe.

Am ersten Verhandlungstag werden nur die Personalien der Angeklagten geklärt und die Anklageschrift verlesen. Das Gericht rechnet mit einem langen Verfahren. 40 Verhandlungstage wurden angesetzt. Der nächste findet am Mittwoch, 25. April, statt und beginnt um 15 Uhr.

(Dieser Artikel wurde um 16.15 Uhr aktualisiert.)

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