Verein "Lastoria" widmet der 1995 verstorbenen Sängerin Olga Irén Fröhlich einen Abend auf dem Theaterschiff Eine Frau in chaotischer Zeit

Altstadt. Tim Fischer war ein wenig perplex, so unverblümt war die Manöverkritik von Olga Irén Fröhlich. Die Kabarettistin und Diseuse, deren Karriere 1926 bei der Eröffnung des Odd-Fellow-Logenhauses in Breslau begonnen hatte, antwortete auf seine Frage, wie er denn gewesen sei, mit frappierender Offenheit: "Ganz gut, junger Mann, aber machen Sie nicht so viele Fisematenten!"
05.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von sigrid schuer

Altstadt. Tim Fischer war ein wenig perplex, so unverblümt war die Manöverkritik von Olga Irén Fröhlich. Die Kabarettistin und Diseuse, deren Karriere 1926 bei der Eröffnung des Odd-Fellow-Logenhauses in Breslau begonnen hatte, antwortete auf seine Frage, wie er denn gewesen sei, mit frappierender Offenheit: "Ganz gut, junger Mann, aber machen Sie nicht so viele Fisematenten!"

An diese Episode erinnerte sich Wolfgang Kuhlmann schmunzelnd im Gespräch mit Christine Renken vom Theater Interaktivo an Bord des gut besuchten Theaterschiffes. Der Verein Lastoria ehrte die 1995 verstorbene Künstlerin, die in der Sonnenstraße 10 gewohnt hatte. Die Recherchen hatten mit vier Fotoalben begonnen, die Manu von Oehsen aus einem Container gerettet und dem Verein übergeben hatte.

Der STADTTEIL-KURIER und der "Jewish Telegraph" in Leeds druckten Aufrufe, britische Leser fanden die Nachfahren der Künstlerin, die Loge sah in ihren Akten nach, die Stolperstein-Gruppe der Landeszentrale für Politische Bildung in Hamburg beschaffte Familiendaten aus dem Hamburger Staatsarchiv, Karoline Lentz und Christine Renken halfen dabei, die Alben nach Hinweisen abzusuchen.

Auf dem Theaterschiff erzählte die Journalistin und Historikerin Monika Felsing, was sie im Laufe mehrerer Monate über das Schicksal der aus Hamburg stammenden jüdischen Sängerin und ihrer Familie herausgefunden hat. Die Kurzbiografie von Olga Irén Fröhlich wird in das neue Benefizbuch "Künstlerleben in Hamburg und Bremen" einfließen, das Ende des Jahres erscheinen soll. Auch die ehemalige Tänzerin Norma Günther aus der Vahr, als Zeitzeugin zu Gast auf dem Theaterschiff, wird sich darin wiederfinden, ebenso Gregor und Erika Marx, Gonda Suren und einige heutige Bremer Künstlerinnen und Künstler.

Erlös geht an Blaumeier

Die Autorin, die Fotografen und der Layouter Wolfgang Rulfs verzichten, wie die "Such fine Ladies" bei der Hommage, auf Honorar. Der Gewinn und die Sammlung an dem Abend gingen an Blaumeier, sagte der Neustädter Lastoria-Vorsitzende Walter Gerbracht und überreichte kurz darauf 1000 Euro an zwei Ehrengäste aus dem Waller Atelier, Hellena Harttung und Walter Pohl. Um sein zweites Benefizbuch vorzufinanzieren, will der Verein "Buch-Aktien" in Umlauf bringen. Zum Subskriptionspreis von 13 Euro bekommen die Besitzer der Zertifikate das "Künstlerleben" frei Haus.

Wolfgang Kuhlmann, der heutige Leiter des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums, war mit Olga Irén Fröhlich befreundet und hat 1993 als Lehrer am Schulzentrum Neustadt in der Delmestraße gemeinsam mit Schülerinnen einen Film über die Diseuse gedreht. Im Zentrum für Medien des Landesinstituts für Schule (LiS) ist die DVD ausleihbar. Auch bei der Vorbereitung des Abends war der Film von großem Nutzen. Weitere wichtige Quellen waren Zeitungskritiken, Bücher und Radio-Interviews, etwa das von Sven Scholz 1967 für Radio Bremen oder das von Dorothea Maßmann aus dem Februar 1995, kurz vor dem Tod von Olga Irén Fröhlich. "Ich habe meinen Beruf wirklich geliebt", sagte die Künstlerin in ihrem letzten Interview.

Die Diseuse, die 18 Jahre im Schweizer Exil zubrachte, hat auch Schallplatten aufgenommen. In alten Aufnahmen klingt sie so, wie Margret Göcke, ihre Augenärztin, sich an sie erinnert: "Akzentuiert und wohltönend." Und man möchte hinzufügen: hellwach und selbstbewusst ebenso wie ambitioniert und talentiert, und dabei, wie der Name schon sagt: vorwiegend fröhlich, lebensbejahend und schelmisch. Göcke war sehr beeindruckt von der alten Dame und bestellte sie am liebsten gegen Ende der Vormittagssprechstunde, weil ihnen dann Zeit zum Erzählen blieb. Bremen war für Olga Irén Fröhlich eine zweite Heimat geworden. Das hatte auch mit dem "Astoria" zu tun und mit den Erfahrungen im Jahre 1932, als die Nazis jüdische Künstler bereits diffamierten. "Emil Fritz, der Direktor des ,Astoria', war einfach großartig", erzählte Fröhlich in dem Interview mit Dorothea Maßmann. Er habe sie trotz Drohung auftreten lassen. 1933 kehrte Olga Irén Fröhlich von einem Gastspiel in

Zürich nicht mehr zurück nach Deutschland.

In der Schweiz knüpfte sie an alte Erfolge an. 1941 wäre sie beinahe abgeschoben worden. Eine Scheinehe mit einem Schweizer Fan war ihre Rettung. Ihre 1923 geborene Tochter Margit wurde in letzter Minute mit einem der humanitären Kindertransporte nach Leeds in Sicherheit gebracht.

"Ich bin eine Frau in chaotischer Zeit", sang Olga Irén Fröhlich. Und nur zögerlich kehrte sie nach Deutschland zurück. 1952 war sie im Fernsehen zu sehen. Im gleichen Jahr trat sie im 1950 wieder eröffneten "Astoria" auf und 1953 zog sie nach Bremen. "Ich habe mich sofort in Bremen verliebt" , sagte sie später. Emil Fritz engagierte sie mit Kusshand wieder.

Die Fröhlich, eine Kosmopolitin, wurde von ihrem Publikum geliebt, auch und gerade für ihre frech-frivolen Chansons. Zwei davon trugen die "Such fine Ladies" alias Julia Jansky und Ingrid Strajhar-Herbig trefflich an Bord des Theaterschiffes vor, begleitet von Jörg Albrecht am Klavier.

Für Radio Bremen las Olga Irèn Fröhlich Satiren von Ephraim Kishon ein, die heute noch als Hörbücher zu haben sind. Die Hommage an diese alte Dame nimmt so schnell kein Ende: Karoline Lentz hat ein Video fürs Internet gedreht, die "Such Fine Ladies" planen einen "Olga-Irén-Fröhlich-Liederabend" für kommendes Jahr - und der Verein Lastoria recherchiert weiter.

Weitere Informationen, auch über das neue Buchprojekt, unter www.lastoria-bremen.de.

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