Das einstige Wohnhaus des Kaufmanns Carl Bünemann Eine vorzüglich gepflegte Villa

Wolfgang Bayer hat es gut – auf alle Fälle architektonisch gesehen. Er ist Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Niedersachsen-Bremen, und der hat seinen Sitz in einem geschichtsträchtigen Gebäude an der Bürgermeister-Spitta-Allee.
13.04.2015, 00:00
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Eine vorzüglich gepflegte Villa
Von Silke Hellwig

Wolfgang Bayer hat es gut – auf alle Fälle architektonisch gesehen. Er ist Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Niedersachsen-Bremen, und der hat seinen Sitz in einem geschichtsträchtigen Gebäude an der Bürgermeister-Spitta-Allee. Bayers Büro mündet an einen repräsentativen, halbrunden Balkon mit Blick auf den Garten. Der Balkon ist indes nicht mal mit einem Schemel möbliert – Wolfgang Bayer fehlt die Zeit, sich dort aufzuhalten.

Die 104 Jahre alte Geschichte der Villa kennt Bayer ausgesprochen gut: Er hat sie recherchiert, aus Interesse für Architektur und für einen Aufsatz im Buch „Bremer Häuser erzählen Geschichte“. Danach wurde das herrschaftliche Gebäude von der Architektengemeinschaft Abbehusen & Blendermann entworfen. Das Bremer Duo ist auch für das Bremer Schauspielhaus (heute: Theater am Goetheplatz), die Christuskirche in Woltmershausen und das Blumenthaler Rathaus verantwortlich. Bauherr der Villa in der Spitta-Allee war der Bremer Kaufmann Carl Bünemann, Mitinhaber der Firma Schütte & Bünemann und Co., die überaus erfolgreich mit Kaffee und Tabak aus Kolumbien handelte.

Wie kam der Verband in die Villa? Bayer kennt auch andere Zeiten, als sein Verband noch am Schwachhauser Ring saß, in einer wenig komfortablen Situation. Deshalb bekam er vor knapp 15 Jahren die Aufgabe, für seinen Verband einen neuen Sitz zu suchen. Als er die Offerte für das Gebäude in der Bürgermeister-Spitta-Allee bekam, wusste der Jurist beinahe auf den ersten Blick „Ja, das ist es. Objekt, Kaufpreis und Lage haben gestimmt.“ Das Anforderungsprofil schildert Bayer so: „Leicht erreichbar für unseren Flächenverband, Parkplätze, Konferenzräume und genug Platz für Büros.“ Ausgesprochen repräsentativ sollte der Sitz laut Bayer nicht unbedingt sein: Bauingenieure arbeiteten oft im Container, ein „Vorstand im Glaspalast“ sei da nicht angemessen. Obgleich Bayer in seinem Aufsatz schreibt, dass der Bau weder wuchtig noch pompös sei, räumt er ein: „Der Sitz hat bundesweit ein bisschen Neid erregt.“

Da der Verband sich nicht nur neuer Bautätigkeit, sondern auch dem Denkmalschutz verpflichtet sieht, bemühte er sich um denkbar größten Substanzerhalt. Noch heute begrüßt ein Fries mit fünf tanzenden Frauen die Besucher, kaum dass sie über die Schwelle getreten sind. Bayer beschreibt „ein freundliches Empfangskommando“, das außerdem aus zwei Putten über der Eingangstür und zwei Reiterpaaren besteht. Nicht nur das Erdgeschoss blieb nahezu unverändert. „Außen haben wir gar nichts verändert, und im Inneren eigentlich nur drei Dinge: Die beiden Marmorbäder und eine Personaltreppe ins Dachgeschoss ausgebaut und eine Treppe im ersten Stock fortgeführt“.

1992 wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt – wegen seiner „beachtlichen baukünstlerischen Qualität“. Das Landesamt für Denkmalpflege schreibt: „Die vorzüglich gepflegte, nahezu unverändert erhaltene Villa steht beispielhaft für jenen verhaltenen Klassizismus im Rückgriff auf die Architektur um 1800 und für den gehobenen, landschaftlich eingebundenen Villenbau in Bremen der Jahre vor dem ersten Weltkrieg.“ Bayer hat auch Fotos aufgetrieben, die das Innere der Privatgemächer der Bünemanns zeigen. Ein Kaminzimmer, einen Salon, ein Herrenzimmer – elegante und vornehme Räume, die von Wohlstand erzählen. Bayer schreibt: „Das Leben der Bünemanns war großbürgerlich, aber nicht steif. Die Enkelkinder berichten, dass sie auf dem Dachboden das Fahrradfahren gelernt haben – immer rund um den Schornstein herum. Auch ein Indianerzelt stand hier zeitweise.“ Auch technisch scheint die Villa ihrer Zeit voraus gewesen zu sein. Bayer berichtet beispielsweise von einer eingebauten Staubsaugeranlage – „was hier ausgebaut und nicht mehr verwendet wurde, haben wir dem Focke-Museum zur Verfügung gestellt“.

Die Weltwirtschaftskrise zog auch die Geschäfte der Firma Bünemann, Schütte und Co. in Mitleidenschaft. 1935 mussten Bünemanns nach Bayers Recherchen das Gebäude verkaufen. Anschließend wechselte es in recht kurzer Zeit zwei Mal den Besitzer, bis es 1941 vom Bremer Rechtsanwalt Otto Dettmers erworben wurde. Er zog mit seiner achtköpfige Familie ein. Von den Bombenangriffen auf Bremen wurde die Villa weitgehend verschont. Der Krieg zeigte sich auf andere Weise: Die Engländer nahmen das Erdgeschoss für sich in Anspruch, die folgenden Amerikaner reklamierten das gesamte Gebäude für sich und wiesen Dettmers die Tür. Die Villa wurde zu einem amerikanisches Offizierskasino und dem Sitz des US-Truppen-Senders AFN (American Forces Network), der, so Bayer, „die amerikanischen Soldaten und nicht zuletzt Bremens Jugend mit Jazz, Blues und Rock ’n‘ Roll versorgte“. 1952 erhielt die Familie ihren Besitz zurück. Die Umbauten wurden rückgängig gemacht.

Dass die Villa dem Bauindustrieverband nicht vor der Nase weggeschnappt wurde, hat laut Wolfgang Bayer einen besonderen Grund: Für Investoren, die die Villa entkernen, einen Glasanbau anfügen oder es womöglich ganz abreißen wollten, kam der Bau nicht infrage. Womöglich wegen seiner offensichtlichen Eleganz und Schönheit galt das Gebäude als denkmalgeschützt. Doch tatsächlich wurde es das erst, nachdem der Verband das Gebäude erworben hatte.

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