Flüchtlingsunterkünfte Extra-Unterkünfte für Frauen und Kinder geplant

Sexuelle Belästigungen und Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften sind ein Problem in Bremen. Henrike Müller von den Bremer Grünen will dieses Thema möglichst schnell in die Stadtbürgerschaft einbringen.
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Extra-Unterkünfte für Frauen und Kinder geplant
Von Hauke Hirsinger

Sexuelle Belästigungen und Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften sind ein Problem in Bremen. Henrike Müller von den Bremer Grünen will dieses Thema möglichst schnell in die Stadtbürgerschaft einbringen.

Sexuelle Belästigungen und Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften sind ein Problem in Bremen. Das berichtet Ingrid Koop. „Wir erleben hier immer wieder Frauen, die so etwas erdulden mussten.“ Die therapeutische Leiterin von Refugio, dem Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer ergänzt: „Solche Übergriffe haben aber nichts mit bestimmten Ethnien, Kulturen oder Religionen zu tun. Sie werden vom Zusammenleben auf engstem Raum bedingt.“

Dieses Problem hat auch Henrike Müller erkannt, sie ist Vorstand der Bremer Grünen und geschlechterspezifische Sprecherin der grünen Bürgerschaftsfraktion. „Die Dunkelziffer wird von Frauenrechtsorganisationen als recht hoch eingeschätzt.“ Deshalb fordert sie eine gesonderte Einrichtung für weibliche Flüchtlinge. „Gerade allein geflüchtete Frauen, deren Männer im Krieg getötet oder verhaftet worden sind, haben oft Grausames erlitten und sind häufig mehrfach traumatisiert.“ Die Unterbringung in gemischten Unterkünften führe nicht selten zu einer Verschlimmerung der psychischen Belastung. „Deshalb muss dringend eine spezielle Unterkunft nur für Frauen und ihre Kinder eingerichtet werden. Die brauchen einen männerfreien Raum.“ Dort sollen sie gezielte Unterstützung und die notwendige Ruhe zur Bewältigung ihrer Traumata erhalten.

So eine Einrichtung ist Bestandteil des Rot-Grünen Koalitionsvertrages. „Die Hilfen für traumatisierte Flüchtlinge werden wir ausbauen. Schwer traumatisierte Frauen, die geflohen sind, bedürfen einer spezifischen Betreuung in einer eigens für sie zur Verfügung gestellten Wohneinrichtung“, heißt es darin. Darüber hinaus besteht bereits ein ähnliches Projekt mit 56 Plätzen, wie der Sprecher des Sozialressorts, Bernd Schneider, berichtet: „Die werden auf Dauer nicht reichen, deshalb wird bereits über eine zweite Einrichtung nur für Frauen nachgedacht.“

Mit einem Dringlichkeitsantrag will die Müller dieses Thema am liebsten noch in die kommende Sitzung der Stadtbürgerschaft am Dienstag einbringen. „Die aktuelle Situation ist für viele Frauen sehr unangenehm, deshalb wäre es gut, wenn dieses Problem möglichst zeitnah angegangen wird.“ Die SPD-Fraktion wird vermutlich während ihrer Fraktionssitzung am Montag über das grüne Papier beraten. Dennoch ist Sybille Böschen, gleichstellungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, nicht zuversichtlich, was die Debatte in der Stadtbürgerschaft anbelangt. „Es würde mich sehr wundern, wenn es bis Dienstag klappt. Die Tagesordnung ist schon sehr voll.“ Gleichzeitig hat Böschen eine kleine Anfrage zum Thema „getrennte Sanitäranlagen für Männer und Frauen in Flüchtlingsunterkünften“ formuliert. „Das könnte zusammen mit dem Dringlichkeitsantrag beraten werden.“

Grundsätzlich unterstützt die Sozialdemokratin den grünen Vorstoß. „Man braucht nicht um das Problem herumzureden. Gerade in den Massenunterkünften, in denen vornehmlich Männer untergebracht sind, besteht eine Gefahr für Frauen.“ Wenn Menschen unter Extrembedingungen leben müssten, wie dies in großen Flüchtlingseinrichtungen der Fall sei, könne es selbstverständlich zu sexueller Gewalt kommen, so Böschen. Wichtig sei es jetzt, verlässliche Zahlen zu erhalten.

Erster Schritt: Tatsächlichen Bedarf ermitteln

Die kennt auch Müller nicht. Bundesweit liege der Anteil von Frauen und Mädchen unter den Geflüchteten zwischen 25 und 30 Prozent. „Wie viele es in Bremen sind, ist noch nicht bekannt. Deshalb wäre der erste Schritt, den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln.“ Danach könne entschieden werden, ob ein neues Haus eingerichtet werden müsse oder ob es reiche, Frauen und Mädchen in bereits bestehende Unterkünfte umzuverteilen. „Eine neue Einrichtung wäre allerdings besser. Dort könnten dann auch Beratungsstellen und psychosoziale Angebote angesiedelt werden“, sagt Müller. Ihre sozialdemokratische Kollegin unterstützt das. „Wir müssen sowieso neue Unterkünfte für Flüchtlinge bauen. Dabei ist es sicherlich möglich, eine gesonderte für Frauen einzurichten.“

Sofia Leonidakis, flüchtlingspolitische Sprecherin der Linksfraktion begrüßt den Antrag. „Für allein geflüchtete Frauen, aber auch für Homosexuelle, wären solche gesonderten Schutzräume notwendig. Ich denke, dass die Betroffenen das auch wünschen.“ Bei den Christdemokraten stößt der Antrag grundsätzlich auf Zustimmung, aber die flüchtlingspolitische Sprecherin Sigrid Grönert kritisiert: „Jetzt passiert endlich das, was schon länger hätte passieren müssen.“ Anfang September sei im Zelt am Überseetor eine einzelne geflüchtete Frau wochenlang zwischen 280 meist männlichen alleinreisenden Flüchtlingen und einigen Flüchtlingsfamilien untergebracht gewesen. „Verantwortliche dieser Zeltunterkunft sahen erhebliche Gefahr für diese Frau, und trotzdem bekamen sie keinen anderen Platz für sie zugewiesen.“

Die Liberalen mahnen Zurückhaltung an. „Das Gefahrenpotenzial ist gar nicht zu leugnen. Für Einzelfälle kann ich mir eine Trennung der Geschlechter vorstellen – beispielsweise bei unbegleiteten, weiblichen Jugendlichen, aber das kann nicht die Regel sein“, sagt Magnus Buhlert, flüchtlingspolitischer Sprecher der FDP.

Neben der Frauen-Unterkunft wird der Senat in dem grünen Antrag auch mit der Erstellung eines Konzeptes zu Beratungs- und Betreuungsbedarfen von traumatisierten, geflüchteten Frauen und Kindern beauftragt. Unter anderem sollen auf diesem Weg spezielle psychosoziale und therapeutische Hilfsangebote geschaffen werden. Ingrid Koop berichtet. „Viele Frauen kommen bereits mit traumatischen Erfahrungen in Bremen an. Diese haben sie in ihrer Heimat oder auf der Flucht erlitten.“ Doch Refugio kann ihnen nicht allen Hilfe anbieten, wie Sybille Böschen erklärt. „Die Anlaufstelle ist hoffnungslos überlaufen.“ Das bestätigt auch Sofia Leonidakis. „Aufgrund seiner personellen Ausstattung kann Refugio den großen Therapiebedarf unter den Opfern sexualisierter Gewalt seit Langem nicht mehr bedienen.“

Deshalb hofft Henrike Müller nicht nur darauf, dass „wir schnellstmöglich eine Flüchtlingsunterkunft für Frauen bekommen.“ Das Konzept zu Beratungs- und Betreuungsbedarfen erwarte sie im Frühjahr.

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