Hanse-Garde Fechtkampf mit der Wache des Papstes

Michael Thrun und Eric Fischer sind Leiter und stellvertretender Leiter der Hanse-Garde. Jener Bremer Besonderheit, bei der sich sogar die sagenumwobene Schweizergarde des Papstes schon einiges abgeschaut hat.
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Fechtkampf mit der Wache des Papstes
Von Hauke Hirsinger

Mit voller Wucht kracht die schwere Klinge des Bastard-Schwerts gegen den Kopf. Die Fechtmaske verrutscht einige Zentimeter nach oben und klemmt sich schmerzhaft unter das Kinn des Mannes. Er stöhnt, sackt ein wenig zusammen, findet aber augenblicklich wieder zurück in seinen festen Stand. Keine Sekunde zu früh. Der Eineinhalb-Händer seines Trainingspartners kommt erneut von oben auf seinen Kopf zugerast. Diesmal gelingt es dem Mann hinter der vergitterten Maske, den Hieb mit seinem eigenen Schwert zu parieren. Der Klang der wuchtig aufeinander prallenden Klingen erfüllt die Halle am Schwachhauser Kippenberg-Gymnasium.

Die beiden Bremer, die sich bei ihrem schweißtreibenden Trainingskampf ineinander verkeilt haben, sind keine Mittelalter-Freaks. Michael Thrun und Eric Fischer sind Leiter und stellvertretender Leiter der Hanse-Garde. Jener Bremer Besonderheit, bei der sich sogar die sagenumwobene Schweizergarde des Papstes schon einiges abgeschaut hat.

„Seit mehr als 25 Jahren fasziniert mich der Schwertkampf“, erklärt Thurn. Er ist etwas außer Atem. Zunächst widmete sich der hochgewachsene, bärenhaft-wirkende Mann den japanischen Waffen und ihrer Beherrschung. Doch vor rund einem Jahrzehnt entdeckte der heute 51-Jährige das europäische Fechten für sich. „Das sind Techniken, die uns aus unserer Sozialisation heraus einfach näher sind.“

Es folgte die Gründung der Hanseatischen Akademie für historische Fechtkünste. Heute unterweist Michael Thrun rund 40 Schülerinnen und Schüler in den unterschiedlichsten Stilrichtungen. Beispielsweise in der deutschen Schule mit ihren schweren Hiebwaffen oder im Umgang mit den filigranen Stichwaffen, den Rapieren und Degen, der italienischen Schule.

Noch lange bevor Thrun mit dem Schwertkampf begonnen hatte, war er bereits Kampfsportler. Er trainierte Shotokan-Karate, Kickboxen und Jui Jitsu. Und es ist dieser Mischung aus waffenlosem und bewaffnetem Kampf zu verdanken, dass er eines Tages eine recht ungewöhnliche Idee hatte. „Ich habe nach einem passenden Instrument gesucht, mit dem ich die großen Talente meiner Schule fördern kann.“ Die Geburtsstunde der Hanse Garde. „Jenseits des Fechtens erhalten alle Gardisten Unterricht in einer Vielzahl von Kampfkünsten. Bewaffneten und waffenlosen.“ Neben altertümlichen Hellebarden und Streitäxten zählen auch Armbrust, Bogen, Vorderlader-Gewehre und moderne Pistolen dazu. Es gibt sogar Training für den Kampf hoch zu Ross. „Es ist für alle Garde-Anwärter eine große Herausforderung. Bis sie sich Gardist nennen dürfen, vergehen zwischen zwei und drei Jahren.“

Thrun ist nach eigenem Bekunden der erste Mensch in Deutschland, der mit der Hanse-Garde eine völlig neue Garde aus dem sprichwörtlichen Nichts aufgebaut hat. „Wir stehen klar in der Tradition der königlichen Elite-Truppen des Mittelalters, nur dass wir noch gar keine Tradition haben“, erklärt er mit einem Schmunzeln. Doch das soll sich ändern. Bevor der Kampfsport-Veteran den Schritt zur eigenen Garde in Bremen gehen konnte, holte er sich Hilfe von außen. Dabei mag er sich gedacht haben: Wenn du schon Hilfe benötigst, dann hol sie dir gleich von den Besten. Gedacht, getan. Rainer Grytt, Vorsitzender der Deutschen Jui Jitsu Union und ein alter Freund Thruns, stellte den Kontakt zu Angehörigen der päpstlichen Schweizergarde her. Vor etwa drei Jahren besuchten sie den Fechtschul-Leiter in Emtinghausen und erklärten ihm die Grundzüge des Aufbaus ihrer Garde und der Ausbildung im Vatikan. Im Gegenzug gewährte Thrun seinen Gästen ein paar Trainingseinheiten im historischen Fechten. „Sie waren begeistert und haben uns zu einem Gegenbesuch in Rom eingeladen.“

Was womöglich die Wenigsten wissen: Die Schweizergarde des Papstes ist zwar eine Garde mit Jahrhunderte alter Tradition, dennoch ist sie heutzutage vornehmlich mit Schnellfeuergewehren und automatischen Pistolen bewaffnet. Die Waffenkammern im Innern des Vatikans strotzen jedoch vor altertümlichen Waffen und Rüstungen, deren sachgemäßer Gebrauch allerdings in Vergessenheit geraten ist. „Wir haben insgesamt 40 Schweizergardisten an fünf Tagen im Kampf mit der Hellebarde trainiert“, sagt Thrun und ergänzt: „Dabei haben wir direkt im Vatikan gelebt und sogar den Papst getroffen.“ Ganz „nebenbei“ legte Frauke Beer, Thruns Frau und Reitinstruktorin der Hanse Garde, auch noch den ersten fotografischen Katalog der historischen Waffenkammern des Papstes an.

Auch wenn die insgesamt zwölf Bremer Gardisten den Umgang mit höchst gefährlichem Gerät pflegen und sogar im Schießen von modernen Waffen ausgebildet werden, betont Thrun, dass sein Verein alles andere sei als eine paramilitärische Organisation. „Ich habe von Anfang an den engen Kontakt zur Polizei gepflegt. Unsere Gardisten erhalten regelmäßig Waffenrechts-Schulungen von Mitgliedern des Landeskriminalamtes und der Bundespolizei.“Die Hanse-Garde sei vollkommen unpolitisch, so Thrun.

Der Traum des Mannes, der nebenbei auch als freiberuflicher IT-Administrator arbeitet, ist es, dass seine Garde künftig verstärkt repräsentative Aufgaben für Bremen übernimmt. Beispielsweise könnte er sich vorstellen, dass Hanse-Gardisten beim Schaffermahl Spalier stehen oder die jährliche Vereidigung der Polizei in der historischen Tracht der Landsknechte begleiten.

Ganz gleich, ob das klappt oder nicht: Die Hanse-Garde soll im kommenden Jahr erneut zu Gast im Vatikan sein. Zuvor kommen aber auch einige Schweizergardisten ins kühle Bremen, um weitere Trainingseinheiten im historischen Fechten zu absolvieren. Die Bande zwischen dem katholischen Italien und dem evangelischen Norddeutschland werden enger – im Zeichen des Schwertes. Wer hätte das im 21. Jahrhundert noch für möglich gehalten?

Päpstliche Schweizergarde

Die Schweizergarde sichert den apostolischen Palast, die Zugänge zur Vatikanstadt, den Eingang des Castel Gandolfo, der Sommerresidenz des Papstes, und ist für die persönliche Sicherheit des Papstes verantwortlich. Kommandosprachen der Garde sind Deutsch und Italienisch. Das Korps wurde 1506 von Papst Julius II. begründet. Wer Rekrut der Garde werden will, muss Schweizer, katholisch, zwischen 19 und 30 Jahre alt, mindestens 1,74 Meter groß und sportlich sein. Während ihrer Dienstzeit haben die Gardisten die vatikanische Staatsangehörigkeit. Der Garde gehören 110 Mann an: sechs Offiziere, 26 Unteroffiziere und 78 Wachtmeister. Zur traditionellen Bewaffnung aller Dienstgrade gehört das Schwert. Seit dem Attentat im Jahr 1981 ist der Personenschutz für den Papst erheblich verschärft worden.

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