Polizei geht von gut vernetzten Einzeltätern aus Fließender Übergang zum Raub

Sogenannte Antanzdiebstähle sorgen seit Monaten für Schlagzeilen. Der WESER-KURIER greift dasThema in einer Serie auf. Lesen Sie heute, was der Leiter der Schutzpolizei zum Phänomen Antanzen sagt.
25.01.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Fließender Übergang zum Raub
Von Ralf Michel

Sogenannte Antanzdiebstähle sorgen seit Monaten auch in Bremen für Schlagzeilen. Der WESER-KURIER greift dieses Thema mit einer dreiteiligen Serie auf. Lesen Sie heute, was der Leiter der Schutzpolizei, Rainer Zottmann, und Nils Matthiesen aus der Pressestelle der Bremer Polizei zum Phänomen Antanzen sagen.

Sind die Täter Flüchtlinge?

In Bremen gibt es generell derzeit keine Anhaltspunkte für einen überdurchschnittlichen Anstieg von Kriminalität durch Flüchtlinge. Mit einer Ausnahme: das Antanzen. Hier sind die Straftäter überwiegend Jugendliche, die aus Nordafrika stammen, insbesondere aus Algerien und Marokko.

Wie groß ist diese Gruppe?

Etwa vor zweieinhalb Jahren tauchten in Bremen die ersten Antänzer auf. Über einen längeren Zeitraum standen rund 20 bis 30 von ihnen im Fokus der Polizei, inzwischen hat sich diese Zahl auf 50 bis 60 erhöht.

Wie viele Antanzdiebstähle gab es 2015?

Die genaue Kriminalstatistik für das vergangene Jahr wird erst im März veröffentlicht. Insgesamt wurden für das Jahr 2015 322 Verdächtige aus dem Bereich unbegleitete minderjährige Ausländer ermittelt. Davon wird gegen 62 aufgrund der Häufigkeit und der Schwere ihrer begangenen Straftaten vorrangig ermittelt. Davon sind aktuell aber nur noch 32 aktiv. Der Rest befindet sich entweder in Untersuchungshaft, wird vermisst oder ist volljährig geworden.

Nimmt die Zahl dieser Straftaten zu?

Die von der genannten Klientel begangenen Straftaten waren in den Monaten November bis Mitte Dezember rückläufig, was die Polizei auf die von ihr getroffenen Maßnahmen und die erwirkten Haftbefehle zurückführt. Im vergangenen Jahr wurden 43 U-Haftbefehle gegen diese Täter erlassen. Für 2016 hat die Polizei den Eindruck, dass die Zahl der Taschendiebstähle, wozu das Antanzen zählt, wieder leicht ansteigt. Dies kann aber auch daran liegen, dass es nach den Silvester-Vorfällen in Köln mehr Leute gibt, die so etwas anzeigen. Denn insgesamt ist die Dunkelziffer in diesem Bereich nach wie vor sehr hoch. Vom Gefühl der Kollegen auf der Straße her hat sich die Lage aber nicht verschärft.

Wie gehen die Täter vor?

Antanzen verläuft immer nach dem gleichen Muster. Das beginnt scheinbar ganz harmlos, indem die Täter versuchen, ihre Opfer in ein Gespräch zu verwickeln. Dabei kommt es zu Berührungen und Umarmungen, bei denen die Täter mit beeindruckender Geschicklichkeit und Geschwindigkeit Portemonnaies und Mobiltelefone aus den Taschen ihrer Opfer ziehen. Die Antänzer gehen dabei nie alleine vor, sondern treten immer zu zweit, dritt oder sogar zu viert auf. So können sie schnell eine Überzahl bilden. Und natürlich auch schnell die Beute weitergeben. Der eigentliche Täter trägt schon unmittelbar nach dem Diebstahl die Beute nicht mehr bei sich, sondern hat sie an einen Komplizen weitergegeben – Arbeitsteilung, wenn man so will.

Wann und wo sind die Täter aktiv?

Die Antanzdiebstähle finden in der Mehrzahl an Wochenenden zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden statt, wobei die Täter die Unbeschwertheit oder Hilflosigkeit aufgrund der Alkoholisierung ihrer in Feierlaune befindlichen Opfer ausnutzen. Die Delikte werden vor allem im Bereich des Hauptbahnhofes, der Diskomeile sowie im Viertel begangen.

Gibt es Veränderungen in der Vorgehensweise der Täter?

Den Bereich Raub bezeichnet die Polizei 2015 insgesamt als „eher unauffällig“. Die Zahl der schweren Raube, wie Überfälle auf Geschäfte, Tankstellen und Spielhallen ist rückläufig. In Verbindung mit der sogenannten Straßenkriminalität vor allem im Innenstadtbereich bereitet eine Entwicklung der Polizei allerdings zunehmend Sorgen. Trickdiebstähle wie etwa das Antanzen und Straßenraub gehen hinsichtlich der genannten Tätergruppe oft fließend ineinander über. Wenn sich Antanzopfer wehren, kommt es sofort zu Auseinandersetzungen. Vonseiten der Täter wird oft mit brachialer Gewalt und ohne Rücksicht getreten und geschlagen.

Gibt es in Bremen wie zu Silvester in Köln eine Verbindung zwischen Antanzen und sexuellen Übergriffen?

Bislang liegen keine Erkenntnisse vor, dass es vermehrt zu sexuellen Übergriffen im Zusammenhang mit den sogenannten Antanzdelikten gekommen ist. Hinsichtlich der Silvesternacht hatte die Polizei die Gruppe der minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge, die als auffällig bekannt sind, in den bekannten Brennpunkten besonders im Blick. Es hat zwar an Silvester auch in Bremen elf Antanzdelikte gegeben, aber alle ohne sexuellen Hintergrund.

Geht es bei den Antänzern um organisierte Kriminalität?

Bei Antänzern handelt es sich nicht um organisierte Räuberbanden. Nach Erkenntnissen der Polizei gibt es in diesem Bereich keine festen Strukturen, die Gruppen ergeben sich eher zufällig vor Ort. Die Täter leben in den Tag hinein und verwenden das erbeutete Geld für Alkohol, Drogen und Frauen. Ganz anders als bei den Schwarzafrikanern, die im Drogenhandel tätig sind. Die würden einen Teil des eingenommenen Geldes nach Hause schicken, um damit ihre Familien zu unterstützen. Bei den Antänzern handelt es sich eher um nomadisierende Täter, die durch ganz Europa ziehen. Sie sind sehr flexibel und viel in Zügen unterwegs. Aber sie sind gut untereinander vernetzt. Alle haben Handys und geben sich untereinander Tipps, wo es gerade besonders gut läuft oder welche Städte man besser meiden sollte.

Was passiert mit Tätern, die die Polizei festnimmt?

Das hängt von der Schwere der Taten und von deren Zahl ab. Ist eine bestimmte Schwelle überschritten, wird geprüft, ob ein Haftbefehl beantragt werden kann. Bei Raubtaten zum Beispiel wird dies grundsätzlich geprüft. Allerdings liegt diese Schwelle bei Jugendlichen sehr hoch. Auch bei Antänzern gilt: Jugendliche gehören nicht ins Gefängnis. Sie sollen erzogen werden. Die Bremer Polizei hat bereits im November 2014 eine geschlossene Unterbringung für die jugendlichen Intensivtäter gefordert, die es aber nach wie vor nicht in Bremen gibt.

Also sind die meisten Täter schon unmittelbar nachdem sie gefasst wurden, wieder auf freiem Fuß?

Die Polizei hat die Möglichkeit, die Jugendlichen über den sogenannten Verhinderungsgewahrsam eine Nacht auf der Wache zu behalten. Was allerdings eine eher heikle Angelegenheit sei, weil Jugendliche vom Grundsatz her auch in einer Polizeizelle nichts zu suchen haben. In der Regel wird nach einer Festnahme eine Strafanzeige geschrieben, dann der Kinder- und Jugendnotdienst informiert, der die Jugendlichen abholt und zurück in ihre Unterkunft bringt. Dort allerdings, so die Erfahrung der Polizei, wollen sie in der Regel nicht bleiben, sondern lieber in ihre Szene zurück. Spätestens nachdem die Mitarbeiter des Notdienstes beim Wohnheim verschwunden sind, machen sich die Jugendlichen deshalb erneut auf den Weg. Manchmal auch früher, indem sie gewalttätig gegen den Notdienst werden, dessen Mitarbeiter nicht selten völlig überfordert mit den Jugendlichen sind. Taucht einer der jungen Straftäter das zweite Mal an einem Abend oder in einer Nacht bei der Polizei auf, wird er in Verhinderungsgewahrsam genommen.

Innensenator Mäurer (SPD) hat unlängst ein konsequenteres Vorgehen angekündigt. Was bedeutet das für die Polizei?

Die Äußerungen des Innensenators bezogen sich auf das Abschieben. Doch die Antänzer sind in der Regel Jugendliche und jugendliche Flüchtlinge dürfen nicht abgeschoben werden. Aber sobald sie 18 sind, soll in Bremen konsequent das Abschiebeverfahren gegen sie eingeleitet werden. Problem hierbei ist jedoch, dass die Länder in Nordafrika bislang keine große Bereitschaft zeigen, diese Straftäter wieder bei sich aufzunehmen.

Tut die Polizei insgesamt genug?

Die Polizei in Bremen wirkt dieser Entwicklung seit Längerem neben viel Aufklärung und Prävention gezielt mit einer im November 2014 eigens geschaffenen Ermittlungsgruppe entgegen. Dazu kommt seit wenigen Monaten eine „Spezialeinheit“, die Unterstützungs- und Eingreifgruppe, die sich neben Ausschreitungen in Flüchtlingsunterkünften vor allem auf die Brennpunkte Innenstadtbereich, Bahnhofsvorplatz und Viertel konzentriert. Die Polizei ist verstärkt vor Ort im Einsatz, auch mit zivilen Kräften, sie beobachtet, kontrolliert und schaut sich die Rückzugsräume genauer an. So wird versucht, die Szene in Bewegung zu halten, und Bremen unattraktiv für diese Täter zu machen. Aber am Ende des Tages ist auch dies natürlich immer eine Frage der Ressourcen.

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