Unterrichtsfrei in Bremen und Niedersachsen

Geschlossene Schulen, aber keine Ferien

Die Schulen im Land Bremen sind ab jetzt bis zum Ende der Osterferien geschlossen. Wie sollen Schüler jetzt zuhause lernen? Wird Bildung in Zeiten von Corona komplett digital?
17.03.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Sara Sundermann und Marc Hagedorn

Zwei Wochen unterrichtsfrei, und das passend zu den ersten schönen Frühlingstagen: Diese Nachricht sorgte in mancher Bremer Oberschulklasse trotz ernster Ausgangslage für Freudenschreie von Schülern. Und stellt viele Familien ganz im Gegenteil vor massive Betreuungsprobleme. Doch klar ist auch: Selbst wenn auf Twitter der Begriff „Coronaferien“ Karriere macht, bedeuten geschlossene Schulen in Bremen nicht automatisch Urlaub für Lehrkräfte und Schüler. „Schließungen heißt, der Unterrichtsbetrieb findet nicht in üblicher Form statt, schulisches Personal wird aber arbeiten“, kündigte Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) an.

An vielen Bremer Schulen gaben Lehrkräfte noch am Freitag ihren Klassen Aufgaben mit auf den Weg. „Ich habe jedem Kind schnell per Hand aufgeschrieben, welche Aufgaben es in den kommenden Wochen in seinem Arbeitsheft machen soll“, erzählt Lehrerin Anna Drögmöller von der Grundschule an der Augsburger Straße in Findorff. „Sie sollen zu Hause aber keine neuen Themen bearbeiten“, sagt Drögmöller. Zum Beispiel sollen ihre Schüler in Deutsch Druckschrift in Schreibschrift umwandeln oder in Mathe addieren und subtrahieren mit den Zahlen bis 100.

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Damit Lehrer Aufgaben an Schüler verteilen, dürfte die digitale Lernplattform „Itslearning“ das Instrument der Stunde sein. Zugang haben sollten prinzipiell alle Bremer Lehrkräfte und Schüler. Die Berufsschulen könnten Aufgaben komplett über Itslearning verteilen, weiterführende Schulen ebenfalls zu einem großen Teil oder per Mail, sagt Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde. Grundschulen könnten auch auf verlängerte Wochenpläne setzen. Aufgaben, die nun verteilt würden, seien aber „optional“, erläutert Kemp.

Für das digitale Lernen sind auch offenbar nur manche Bremer Schulen gut gerüstet. An der Grundschule Augsburger Straße sei weder das gesamte Kollegium für „Itslearning“ fortgebildet noch hätten alle Kinder zu Hause einen Zugang zum Internet, sagt Drögmöller. Hinzu kam: Die Lernplattform wurde bereits am Montag zu 300 Prozent mehr genutzt und funktionierte nur noch stark verlangsamt. Die technischen Probleme seien aber behoben worden, war aus dem Landesinstitut für Schulen zu hören – durch Zuschaltung weiterer Serverkapazitäten von Norwegen aus.

Nicht jede Familie hat einen Drucker

Dennoch: Auch an der Oberschule Hermannsburg in Huchting setzt man auf Papier. Aufgaben über Itslearning zu verteilen, sei problematisch, sagt Schulleiter Achim Kaschub, der zum Vorstand der Bremer Schulleitungsvereinigung gehört: „Unsere Schüler haben zwar ein Smartphone, aber nicht jede Familie hat einen Drucker, um Übungsblätter auszudrucken.“ Kaschub erzählt vom ersten Schultag nach der Schließung: „Wir haben heute Morgen unsere Dienstbesprechung auf dem Schulhof gemacht, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren.“ Dabei habe man besprochen, dass Lehrer entweder ihren Schülern Aufgaben in Papierform in die Briefkästen einwerfen oder Schüler sich die Aufgaben – einer nach dem anderen – in der Schule abholen könnten. „Die Aufgaben sollten so angelegt sein, dass vier bis fünf Stunden gefüllt werden“, sagt Kaschub.

„Wir hoffen auf Itslearning“, sagt Martin Stoevesandt vom Zentralelternbeirat. Grundsätzlich seien die Schulungen dazu für Lehrkräfte „weitgehend durchgelaufen“ – sie seien nur an vielen Schulen nicht umgesetzt worten. „Viele Schulen machen das momentan eher mit Zettelwirtschaft.“

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Thorsten Maaß als Vorsitzender der Schulleitungsvereinigung betont: „Aufgaben zu verteilen, ist kein Ersatz für Unterricht, etwas wird fehlen.“ Er stellt zudem klar: „Jetzt ein Riesen-Hausaufgabenkontrollprogramm aufzulegen, halte ich für verfehlt, für mich steht jetzt die Gesundheit der Kinder und Beschäftigten im Vordergrund.“

In Niedersachsen war die Verunsicherung am ersten Tag der offiziellen Schulschließungen noch groß. Was genau sollen und dürfen Schulen und Lehrer jetzt machen? Die Landesschulbehörde hatte jeglichen Unterricht untersagt. Etliche Schulen hatten trotzdem angekündigt, über das schuleigene Intranetsystem Lernmaterial zur Verfügung zu stellen. Das ist grundsätzlich auch erlaubt, stellte das niedersächsische Kultusministerium auf Anfrage des WESER-KURIER jetzt klar. „Lehrkräfte können entscheiden, ob Klassen mit Lernmaterial versorgt werden“, heißt es. Allerdings dürfen Aufgaben, die auf diesem Weg von den Schülern bearbeitet werden, nicht bewertet werden.

Echtes Online-Lernen noch gar nicht möglich

Eine stichprobenartige Umfrage im Bremer Umland hat ergeben, dass viele Schulen kein Arbeitsmaterial gesondert herausgeben. Hintergrund ist, dass die technische Ausstattung an vielen Schulen echtes Online-Lernen noch gar nicht möglich macht. Aber selbst wenn die Infrastruktur vorhanden ist, läuft längst nicht alles glatt, wie sich in Bayern gezeigt hat. Dort hatten Hacker die Online-Plattform Mebis lahmgelegt, die für den Fernunterricht gedacht ist. Ab Nachmittag lief das System wieder, aber mit Problemen.

Der Grundschulverband hat derweil an alle Eltern die Empfehlung ausgesprochen, mit ihren Kindern keinen Ersatzunterricht zu machen und Lernstoff zu pauken. Der Verband rät stattdessen dazu, zehn bis 15 Minuten am Tag Kopfrechnen zu üben, kreativ zu sein, also zu basteln, malen oder Gedichte auswendig zu lernen und Bücher zu lesen.

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Zwei Home-Workouts pro Woche

Hallo, ich bin Sophie, und ich habe seit heute schulfrei. Leider sind das keine Ferien, in denen ich nur Netflix gucken oder mich mit Freunden treffen kann, denn ich bekomme jeden Tag Aufgaben von meinen Lehrern zugeschickt. Die muss ich bis zu einem bestimmten Tag erledigen und dann meinen Lehrern zurückschicken. Das passiert alles über unseren Schulserver „IServ“. Eigentlich ist „IServ“ dafür da, dass ich den Vertretungsplan, Klausurentermine, Ausflüge und wichtige E-Mails von einzelnen Lehrern empfangen oder nachlesen kann. Jetzt ist „IServ“ der Übermittler zwischen mir und meinen Lehrern von Aufgaben und Fragen.

Ich finde es gut, dass wir trotz des Ausfalls so was wie Unterricht haben und nach den Osterferien nicht die zwei Wochen nacharbeiten müssen. Auch wenn ich heute Morgen (besser gesagt heute Mittag) nicht sehr motiviert war, „IServ“ zu öffnen und vier E-Mails mit einem Haufen an Aufgaben entgegenzublicken… Heute Morgen um halb acht bekam ich schon Aufgaben von meiner Lateinlehrerin. Ich soll mich bis Donnerstag in ein neues Thema einlesen, ein paar Übungen im Buch bearbeiten und Vokabeln abschreiben. Sogar der Sportunterricht wurde nicht vergessen; meine Sportlehrerin hat uns eine kurze schriftliche Aufgabe geschickt und passend zu unserem neuen Thema Fitness sollen wir pro Woche mindestens zwei Home-Workouts machen. Wir sollen uns bei Youtube eine Übung aussuchen und die jeden Tag zehn Minuten machen. Das kann auch was mit Yoga oder Pilates sein. (Sophie Wagner)

Info

Zur Sache

Notbetreuung für wenige Kinder

Das Kultusministerium in Niedersachsen teilt mit, dass sich in den Notgruppen zwischen zwei und neun Kindern befinden. Insgesamt werde die Betreuung, so heißt es weiter, augenscheinlich nur im Notfall genutzt. Auch laut der Bremer Schulleitungsvereinigung wurden bisher nur sehr wenige Kinder für die Notbetreuung angemeldet.

Notbetreuung gibt es zum Beispiel für Kinder von Polizisten, Ärzten und Krankenpflegekräften. An sieben Bremer Kitas und vier Bremer Schulen findet keine Notbetreuung statt, weil es dort Verdachtsfälle gab. Kinder dieser Einrichtungen werden nicht auf andere Standorte verteilt, um eine Ansteckung zu vermeiden.

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