Hinter den Türen der "Umgedrehten Kommode" Im Wasserturm trifft Technik auf Baukunst

Bremen. Der Wasserturm auf dem Werder ist ein Denkmal und braucht ständig Pflege. Ein Jammer, wenn in diesem Meisterwerk der technischen Baukunst etwas verfallen würde. Ein Jammer auch, dass es für die Öffentlichkeit in der Regel nicht zugänglich ist.
30.01.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Im Wasserturm trifft Technik auf Baukunst
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Der Wasserturm auf dem Werder ist ein Denkmal und braucht ständig Pflege. Ein Jammer, wenn in diesem Meisterwerk der technischen Baukunst etwas verfallen würde. Ein Jammer auch, dass es für die Öffentlichkeit in der Regel nicht zugänglich ist.

Herbert Witt hat Nick mitgebracht, seinen Hund, und der knurrt jetzt die Fremden an, braver Hund, er passt auf, dass niemand stört. Nicks Herrchen macht sich währenddessen im Maschinenraum zu schaffen, irgendetwas ist ja immer, nie hört die Arbeit auf.

Witt ist der Türmer, wie er sich nennt, einer, der aufpasst, so wie sein Hund. Der 61-Jährige ist aber noch mehr, er kennt sich aus mit Pumpen und Rohren, mit Stahl und Mauerwerk, mit allem, was im Turm noch an Technik steckt und ihn zusammenhält. Witt, kurzum, ist genau der richtige Mann, um durch ein Bauwerk zu führen, das die Bremer "Umgedrehte Kommode" nennen, wegen seiner Proportionen und der vier Ecktürmchen, die früher weit höher über das Kerngebäude hinausragten und ihm so die Beine eines umgedrehten Möbelstücks gaben.

Der Maschinenraum. Er hat eine Decke, da staunt man, ein Kreuzgewölbe, wie in einer Kirche. Alles ist groß hier, schwer und mächtig. Allein der Motor für die Pumpen, er ist 680 Kilowatt stark - "wenn ich den anschalte, verbraucht er so viel Strom, dass das Licht in der Neustadt dunkler wird", sagt Witt. Dann geht er an der Laufkatze vorbei, sie wirkt wie auf dem Sprung, die Kette glänzt vor Öl, acht Tonnen kann die Katze tragen.

Nach 100 Jahren war Schluss

Im Maschinenraum mit seinen meterdicken Rohren und den vielen Pumpen vibrierte es förmlich, als der Wasserturm noch in Betrieb war. Bis 1983, da wurde nach gut 100 Jahren endgültig der Hahn abgedreht, der Turm diente danach nur noch als Wasserspeicher für die nahegelegene Beck's-Brauerei.

Vor zwei Jahren war auch das vorbei, seitdem sind die Tanks leer, und der Wasserturm, nun in privatem Besitz, wartet darauf, endlich wieder genutzt zu werden - für Büros, zum Beispiel, für Ausstellungen oder für ein Restaurant hoch oben auf dem Dach. In den nächsten Wochen, so hat es zumindest der Investor angekündigt, sollen dazu neue Überlegungen veröffentlicht werden.

Platz genug für so ziemlich alles ist ja vorhanden. Herbert Witt schließt die Holztür zur "Kathedrale" auf, seine Bezeichnung für diesen riesigen Raum, den er für den schönsten im gesamten Turm hält. Er ist gut 30 Meter tief und 15 Meter breit. Riesige Fenster lassen die Sonne herein, wenn sie denn scheint und es nicht so diesig ist, wie an diesem Tag.

Zwölf Meter bis zur Decke, viel Luft also nach oben, in jeder Hinsicht: "Hier könnte man wunderbar Kunstausstellungen veranstalten", sagt Witt, der Türmer. Stattdessen steht nur Gerümpel herum, Überreste aus Büros. Ein Lager, mehr oder weniger, aber viel anderes war dieser Raum nie, weiß Witt: "Der hatte keine besondere Funktion."

Die Maschinen unten und die Tanks oben - drumherum und dazwischen wurde gebaut, um Höhe zu gewinnen, nur deswegen. Das Wasser kam in den ersten Jahrzehnten nach Inbetriebnahme aus der Weser, es wurde durch Sandfilter geschickt, bekam danach in der Dosierstation noch reinigende Zusätze und wurde schließlich nach oben in die beiden Tanks gepumpt. Der Druck zur Verteilung des Wassers baute sich allein durch das Gefälle auf: von 40 Metern Höhe mit vier Bar hinab in die Stadt.

Hoch jetzt in die erste Etage, zum "Rittersaal", wieder so ein Wort von Witt. Auf dem Boden knarren die alten Holzbohlen, sonst hört man nichts, auch aus der Stadt nicht, die einem jetzt zu Füßen liegt. Die bodentiefen Fenster erlauben einen schönen Ausblick, der aber noch besser wird, nur abwarten. In zwei, drei Ecken wurde der Stein geklammert, Kriegsschäden, aber nicht schlimm. Wirklich ein Problem ist das Moos auf dem Naturstein, den man draußen für die Balkone verbaut hat. Das grüne Geflecht frisst sich fest und richtet auf Dauer großen Schaden an. "Wir hatten jetzt erst wieder jemanden da, der das Moos beseitigt hat", erzählt Witt.

Ein Proberaum fürs Ballett

Weiter hinauf, die zweite Etage, und wieder ein Raum ohne großen Nutzwert - für den Wasserturm damals, als er noch Wasserturm war. Heute könnte hier ein Ballett proben, eine riesige Fläche, für alles bereit. Der Turm, das merkt man innen drin schon, aber draußen vor dem bombastischen Backsteinbau noch viel mehr, ist ein echter Trumm.

Und was für einer! Man muss sich eine weitere Etage höher nur mal die gebogenen Stahlträger an der Decke ansehen. Das ist ein Gewicht, unvorstellbar. Die Stützen hatten früher allerdings auch schwer zu tragen. Zwei Tanks mit Wasser, 800000 Liter! Und die Behälter selbst bringen ebenfalls enorm was auf die Waage. Sie sind aus zehn Millimeter dicken Stahlplatten, die damals nicht zusammengeschweißt, sondern genietet wurden. "80000 Nieten, stellen Sie sich das mal vor", sagt Witt, "jede einzelne von Hand fest geklopft, da glühten die noch."

Was tun mit den Tanks? Abbauen und für teuer Geld den Stahl verkaufen? Fenster hineinschneiden und ein Schwimmbecken draus machen? Türen hineinschneiden, damit man die Stahlquader für Ausstellungen nutzen kann? Möglich ist das.

Nach exakt 254 Stufen in dem engen Treppenhaus stößt Herbert Witt die Tür zum Dach auf. Er weiß genau, was jetzt kommt, hat es immer wieder erlebt, wenn er Besucher zum Turm hinauf begleitet. Ein Ah! und ein Oh!, denn das ist jetzt wirklich stark: die freie Sicht über die Stadt hinweg, und das an dieser Stelle, nämlich mittendrin. Der Wasserturm ist 47 Meter hoch, der Weser-Tower drüben in der Überseestadt misst 82 Meter, und doch ist die Aussicht vom Wasserturm aus allein wegen der Lage noch schöner, nein: sie ist grandios. "Höher braucht man nicht", sagt Witt. Nein, braucht man nicht.

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