Rabba regt sich auf über ...

Impertinente Pedalritter

Sie fahren, als ob sie allein auf der Welt wären. Und sie fühlen sich als Helden, weil sie die Umwelt nicht belasten. Da irren sich die rabiaten Radler aber ganz gewaltig, findet unser Kolumnist.
08.06.2017, 12:31
Lesedauer: 2 Min
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Impertinente Pedalritter
Von Michael Rabba

Die Ritter sind wieder los. Auf ihren Rössern aus Stahl, Aluminium, Carbon oder Titan sind sie auch in diesem Sommer angetreten, um gnadenlos Wege und Straßen zu erobern. Genau: gemeint sind die Pedalritter, genauer: die impertinenten Exemplare. Von denen es leider immer mehr gibt.

Bei diesen Rittern der Neuzeit ersetzen Tempo und Klingel die Lanze, für sie käme Bremsen und Absteigen einer Kapitulation gleich. Sie lassen sich nicht zähmen, und wenn man ihnen noch so schöne eigene Wege bietet. Pah! Uns gehört die Welt lautet ihr Credo.

Und so drängeln sie sich in Fußgängerzonen rabiat an den störenden Passanten vorbei und schießen sich akustisch mit Dauergeklingel Gehwege frei. Der Gehweg ist für sie mit Blick auf zweibeinige Hindernisse schlicht ein Imperativ: Geh‘ weg!

Autofahrer sind per se die Feinde dieser Hardcore-Pedaleure und werden denn auch von ihnen nicht beachtet. Hin und wieder geht das schief, doch das macht bei den Überlebenden keinen Eindruck. Die halten sich an das Motto "Wer später bremst, ist länger schnell".

In Einbahnstraßen, in denen Radler in Gegenrichtung fahren dürfen, müssen Autofahrer besonders auf der Hut sein: Mir hat ein ganz dreistes Exemplar des Homo Drahteselis schon mal aufs Dach gehauen, weil ich vor ihm nicht sofort fluchtartig in die nächste Parklücke ausgewichen bin. Oder – da so es so eine Lücke wie immer nicht gab – mein Auto nicht mal eben weggezaubert habe.

Diese Hardcore-Radler wähnen sich allerorten und immer im Recht: In ihren behelmten Häuptern hat sich offenbar ein ganz klares Weltbild festgesetzt: Wir sind die Guten, weil unsere Fortbewegungsart die Umwelt nicht belastet (welch ein Hohn!) - und überhaupt: weil Radfahrer eben einfach die Helden des 21. Jahrhunderts sind. Schließlich will Bremen nur für sie neue Brücken bauen und mitnichten für Autofahrer (die solche Bauwerke in dieser Stadt viel dringender bräuchten).

Und deshalb hat auch nie der Radler Schuld, wenn er nachts Autofahrern oder Fußgängern gefährlich nahe kommt. Nun könnte man den Pedaleur auf die fehlende Beleuchtung seines Vehikels hinweisen - in der Hoffung, dass es wenigstens eine minimale Chance auf Erleuchtung des schwarzen Ritters gibt. Doch das ist völlig sinnlos! Ich weiß wovon ich rede. „Lichtlos durch die Nacht, und es hat doch nicht gekracht“, höre ich solche Kamikaze-Radler im Geiste singen. Dass Fahrradampeln ebenso sinnlos sind, weil rotes Licht bei diesen Gesellen wirkt wie das rote Tuch des Toreros auf Stiere, erwähne ich nur am Rande.

Eine ganz besondere Form der heutigen Inkarnationen mittelalterlicher Kämpfer sind die Rennradfahrer. Besonders nervig sind die - in ihren hautengen und oft bunten Klamotten zumindest lustig anzusehenden - menschlichen Geschosse dort, wo man entspannt spazieren gehen möchte. Zum Beispiel im Blockland und auf dem Weser-Deich. Da kommen sie von hinten oder vorne angerauscht, und man weiß: die weichen nicht aus, die bremsen nicht ab. Okay, so nach vorne gebeugt, können die natürlich auch nur den nächsten Meter Asphalt vor sich sehen.

Wie heißt es doch so schön? Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Zumindest ab und zu könnte die Zielgruppe dieser Zeilen mal absteigen vom hohen Ross – praktisch und sprichwörtlich. Darauf stoße ich an. Mit einem Radler.

Alle "Rabba regt sich auf"-Beiträge gibt es in unserem Dossier.

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