Junge Risikopatientin wartet auf Impfung „Man hat uns vergessen"

Jana ist herz- und lungenkrank und wartet sehnsüchtig auf eine Corona-Impfung. Sie und ihr Mann haben aus Angst vor einer Ansteckung seit zehn Monaten keinen Menschen mehr in ihre Wohnung gelassen.
13.01.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Man hat uns vergessen
Von Marc Hagedorn

Oliver und Jana sind ein junges Ehepaar, aber die beiden trauen sich im Moment nicht, sich zu küssen. Wenn sie es sich vor dem Fernseher auf dem Sofa gemütlich machen, halten sie schon seit Wochen Abstand. Sie haben Angst, miteinander zu kuscheln. Jeder Kuss und jede Umarmung mit ihrem Mann ist für Jana eine potenzielle Bedrohung. Denn Oliver geht jeden Tag hinaus in eine Welt, die seit einem Jahr nicht mehr dieselbe ist. Er könnte das Coronavirus mit nach Hause bringen, „und das wäre eine Katastrophe“, sagt Jana.

Jana hat einen angeborenen Herzfehler und einen Lungenschaden, schon eine leichte Erkältung stellt eine Gefahr für ihr Leben dar. Jana ist das, was man eine Hochrisikopatientin nennt. Es gibt hunderttausende Janas da draußen im Land. Junge Menschen mit Asthma, Immundefekten, Nieren- und Leberschäden, Diabetes und Herzinsuffizienzen. Seit Weihnachten wird in Deutschland gegen Corona geimpft. „Aber uns, die jungen Risikopatienten, hat man vergessen“, sagt Jana, „über uns spricht niemand.“ Menschen wie Jana müssen vermutlich noch länger auf eine Impfung warten. Andere sind vor ihnen dran.

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Oliver hat sich vor ein paar Tagen hingesetzt und dem WESER-KURIER geschrieben. Er hat davon erzählt, dass er und seine Frau seit zehn Monaten keinen Besuch mehr in ihrer Wohnung hatten, keine Freunde, keine Familienmitglieder. Telefon, Facebook und Instagram sind ihre Drähte in die Außenwelt. Das Gespräch mit dem WESER-KURIER findet als Videoanruf statt.

Jana und Oliver, die nur ihren Nachnamen für sich behalten wollen, möchten ganz ­offen ihre Geschichte erzählen, damit die Welt eine Vorstellung davon bekommt, wie es sich als junger Hochrisikopatient seit Anfang des vergangenen Jahres, seit Corona, lebt. „Das kann man ruhig schreiben“, sagt Jana, als sie davon erzählt, dass sie seit Monaten im ­Gästezimmer schläft und ihr Mann allein im Ehebett. Manchmal, sagt sie, falle es ihr schwer, auf Zärtlichkeiten verzichten zu müssen. „Ich habe kein Problem damit, dass das in der Zeitung erscheint“, sagt Oliver, als er davon erzählt, dass er manchmal allein im Auto sitzt und ihm die Tränen kommen, „es ist der Druck, der in diesen Momenten raus muss.“

Immer mit Mundschutz und Handschuhen

Wenn Oliver morgens nach Hause kommt, ist jeder Schritt choreografiert, bis er müde ins Bett fallen kann. Er arbeitet an der Rezeption in einem Hotel, immer mit Mundschutz und Handschuhen, beides wechselt er regelmäßig. Er macht ausschließlich Nachtschicht. Das ist schon mal gut für ihn und Jana, denn so hat er weniger Kontakte zu anderen Menschen als die Kollegen im Tagdienst. Überhaupt sei sein Arbeitgeber sehr verständnisvoll, sagt Oliver.

Aber ganz ohne Kontakte kommt er nicht durch die Schicht. Also, sagt er, desinfiziere er zu Hause nach seiner Rückkehr jede Klin­ke, sobald er eine Tür geöffnet und wieder hinter sich verschlossen hat. Er wischt über die Armaturen im Bad, nachdem er sie benutzt hat. Auch Jana reinigt penibel Oberflächen und Ablagen. Und wenn ihnen der Lieferdienst ihre tägliche Bestellung vor die Haustür stellt, sagen sie, putzten sie auch noch die Lebensmittel gründlich ab. Ob das wirklich jedes Mal so sein muss, wissen Jana und Oliver nicht, aber es ist ihnen auch egal, denn es gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit, wenn sie jede mögliche Schutzmaßnahme ergreifen.

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Gern würden sie auch die Corona-Impfung dazu zählen. Jana sagt, dass sie noch genau wisse, wann die ersten Berichte kamen, die davon handelten, dass Forscher an der Entwicklung eines Impfstoffes arbeiteten. Sie habe sich gefreut, dass schon bald von Fortschritten die Rede war und die ersten Tests an Probanden durchgeführt wurden. Und als im Dezember die erste Zulassung kam, schien ein Ende ihres Lebens in der totalen sozialen Isolation absehbar. „Acht Monate lang haben wir uns an den Strohhalm Impfstoff geklammert“, sagt Jana.

Die Politik hat in Abstimmung mit Experten und Wissenschaftlern entschieden, dass zuerst Menschen über 80 Anspruch auf eine Impfung haben, Menschen mit höchstem Risiko, wie es heißt, Heimbewohner und Pflegebedürftige zum Beispiel. Vor Jana sind auch noch über 70-Jährige an der Reihe und Menschen mit Trisomie 21, Demenz oder geistiger Behinderung. Jana ordnet sich selbst in Gruppe 3 ein, Kategorie erhöhtes Risiko wegen ihrer Vorerkrankungen. So, wie die Impfungen in den ersten Wochen dieses Jahres angelaufen sind, fürchtet Jana, könne es passieren, dass sie vor dem Sommer nicht mit einer Impfung rechnen darf.

Auch auf Einzelfälle schauen

Sie weiß, dass die Diskussion über die Priorisierung ein heikles Thema ist, und sie sagt, dass es ihr nicht darum gehe, Gruppen gegeneinander auszuspielen. „Wir wollen nicht bevorzugt werden“, sagt Jana, „aber wir wollen auch nicht vergessen werden.“ Sie habe jedoch das starke Gefühl, dass das biologische Alter über allem stehe. „Ich hätte mir gewünscht, dass man auch auf Einzelfälle schaut“, sagt sie.

In ihrem Fall, so führt sie aus, würde man dann nämlich feststellen, dass sie das Gesundheitsbild einer 80-jährigen Frau habe. Mehrere Stunden am Tag setze sie ihre Sauerstoff-Nasenbrille auf. Ihre Sauerstoffsättigung im Blut liegt bei 75 Prozent, bei gesunden Erwachsenen gelten 95 Prozent als normal. Schon nach leichter Belastung sei sie kurzatmig, Treppensteigen gehe gar nicht, „bereits nach einer Stufe brauche ich eine Pause“, sagt sie und erzählt dann, wie sie in der Vor-Corona-Zeit mit ihrer Großmutter manchmal spazieren war. Die Oma, fast 80, sei dann „Speedy Gonzalez“ gewesen, und sie selbst, die Enkeltochter, 29, hinterher gekrochen.

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Jana erzählt das nicht verbittert, „ich bin eine lebensfrohe, junge Frau“, sagt sie, „ich muss immer kämpfen, ich kenne es nicht anders.“ Schon als Baby, kurz nach ihrer Geburt, sei sie zum ersten Mal am Herzen operiert worden. Mit drei und sechs Jahren folgten weitere Eingriffe. Drei Löcher habe sie im Herzen, eine Herzhälfte sei verkümmert. „Aber ich bin willensstark.“ Deshalb, glaubt sie, sei sie bisher auch ganz gut durch die Corona-Zeit gekommen. Geholfen hat ihr auch, dass sie und ihr Mann in einem kleinen Reihenhaus mit Garten wohnen. Dort habe sie im Sommer ein Hochbeet angelegt und Pflanzentöpfe bemalt, leichte Stunden in schweren Zeiten gehabt.

Oliver sagt, dass er ganz genau wisse, wie viele Tage sie in den vergangenen zehn Monaten wie ein „ganz normales Paar“ verbracht hätten, draußen an der frischen Luft, mit Händchen halten und spazieren gehen, einmal sogar am Meer. „Es waren 15“, sagt er, „15 Tage in zehn Monaten.“ Drei Tage im April, sechs im Juli und noch einmal sechs im September, und zwar immer dann, wenn Oliver mal mehrere Wochen am Stück nicht zur Arbeit musste, sondern ohne Außenkontakte zu Hause war. Erst wenn sie beide geimpft sind, wollen Jana und Oliver mutiger werden. „Hoffentlich“, sagt Jana, „hoffentlich wird das nicht wirklich bis zum Sommer dauern.“

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Zur Sache

Kritik an Impfregeln wird lauter

Mehrere Staatsrechtler halten die aktuellen Corona-Impfregeln für verfassungswidrig, weil sie nur per Verordnung erlassen worden seien und nicht durch den Bundestag. „Die Vertreter des Verfassungsrechts sind sich einig, dass die Corona-Impfverordnung gegen das Grundgesetz verstößt“, sagte die Staatsrechtlerin Anna Leisner-Egensperger von der Universität Jena der Zeitung „Welt“: „Wir impfen derzeit auf Grundlage einer politischen Strategie.“ Diese werde zwar von einer Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen, doch fehle ihr eine verfassungsgemäße Rechtsgrundlage. Der Staatsrechtler Thorsten Kingreen von der Universität Regensburg hält das derzeitige Regelungskonzept für „verfassungswidrig und daher gerichtlich angreifbar“.

Schon früh hatte es Kritik an der Priorisierung gegeben. So beschweren sich bis heute viele Hausärzte, dass sie nicht frühzeitiger geimpft werden. Schließlich, so ihr Argument, seien ihre Praxen einer der Hauptanlaufpunkte für Menschen, die mit Corona infiziert sein könnten. Der Theologe Peter Dabrock, der lange Mitglied im Deutschen Ethikrat war, hält es laut „Bild“ für bedenklich, dass Lehrer oder Kassiererinnen benachteiligt würden. Sie hätten aufgrund ihrer beruflich bedingten Kontakte zu vielen Menschen ein viel höheres Infektionsrisiko als etwa Rentner.

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