Musik aus Bremen Alte Liebe

Das Bremer Duo Doubtboy & Tightill macht neue Musik mit einem Hauch Nostalgie – damit liegen sie im Trend. Doch eines wollen sie nicht machen: Befindlichkeitspop.
08.08.2017, 15:40
Lesedauer: 3 Min
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Alte Liebe
Von Katharina Elsner

Wie gut, dass auch coolen Rappern mal das Herz gebrochen wird. Wäre dem nicht so, hätten Till und Vincent nicht dieses Lied geschrieben, und vielleicht nicht dieses Album produziert.

Ein roter Cadillac rollt vor. Aus dem Fenster schaut eine Frau, mit schwarzer Sonnenbrille und Zigarillo zwischen den Fingern. Alles fließt in Slow Motion, der Rauch des Zigarillos quillt aus ihrem halb geöffneten Mund. Der Beat setzt ein. Schnitt. Vor dem Cadillac hüpfen Till und Vincent, beide in Mokassins, der eine die Haare vom Mittelscheitel aus zur Seite gegelt. Der andere mit Schweißband am Arm und einem Kettchen auf der Brust. „Girl, was hat er, was ich nicht habe, ich ertrag es nicht. Girl, du hast mich total verletzt.“

So singen Tightill und Doubtboy in ihrem neuen Video „Psst. Sag jetzt nichts“. Gut vier Minuten lang macht Vincent Beyoncés Hüftschwung Konkurrenz und sieht dabei aus wie ein Backstreet Boy. Das zumindest sei ein erklärtes Ziel von ihm gewesen, sagt Vincent. Seit Anfang des Jahres macht das Duo zusammen Musik. „Eigentlich wollten wir R‘n‘B machen“, sagen die beiden und titelten ihr neues Album dementsprechend „RnB Anarchie“.

Nur: „R‘n‘B ist das nicht“, sagt Ralf von Appen, Musikwissenschaftler aus Bremen, der an der Universität Gießen Popmusik lehrt. „Ihre Kleidung erinnert stark an die Neue Deutsche Welle, die Beats an die Mitte der 1990er- und die Frisuren an die 1980er-Jahre“, sagt von Appen. Als er das Video das erste Mal hörte, dachte er, dass Tightill aus Österreich komme, wegen des nasalen Gesangs. Das klinge ähnlich wie bei Falko. Und weil da im Moment ziemlich hippes Zeug herkomme. Nun kommen Doubtboy und Tightill nicht aus Wien, sondern aus Bremen. Und ja, sie kleiden sich einfach so. Sie sind große Fans der Neuen Deutsche Welle. „Die haben eine Balance zwischen Ernst und Witz. Mit vielen Ausrufezeichen“, sagt Vincent.

„Sie nutzen extrem tiefe Bässe, Sub-Bässe und Hip-Hop-Beats, die es so in den 80er-Jahren nicht gab“, sagt Musikwissenschaftler von Appen dazu. „Sie kombinieren Sachen, die früher nicht zusammengehörten und überschreiten damit bewusst Grenzen der Genres.“ Die Klangästhetik sei aber 2017. Das Bedürfnis, dass es zeitgenössisch klinge, sei da.

Trotzdem nutzen sie Retro-Elemente, auf visueller und musikalischer Ebene, nutzen Synthesizer, mixen alles mit Sprechgesang, Boygroupmelodien und elektronischen Klängen. Fast alles versehen die beiden mit einem Hauch Nostalgie und mit einem Schuss Ironie. Der britische Kulturjournalist Simon Reynolds beschreibt dieses Phänomen in „Retromania“, einer mehr als 400 Seiten starken Analyse des letzten Musikjahrhunderts. Sein Fazit: Die Nullerjahre des neuen Jahrtausends seien ein „Re-Jahrzehnt“, mit Revivals alter Bands, Remakes ihrer Lieder und Recycling vergangener Musikgenres. Mit daran Schuld sei: das Internet. „Es gibt ein enormes Angebot an Musik. Musiker müssen also herausstechen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Dabei knüpfen viele Bands musikalisch an etwas an, was viele kennen“, sagt von Appen.

Heute gebe es nicht mehr dieses Innovationspotenzial wie in den späten 60er-Jahren, als sich die Babyboomer von ihren Eltern abgrenzen mussten. Heute sei bei Jugendlichen nicht der Druck da, sich von den Eltern abzugrenzen, die Generationskonflikte seien abgeschwächt, sagt von Appen.

"Wir sind Fans von Bullshit"

„Die Leute fragen uns immer, ob wir das erst meinen“, sagt Till. „Wir meinen das schon so. Auf Dauer wäre es auch langweilig, alles nur zu parodieren. Wir meinen das ernst, lachen aber dabei.“ Auch wenn sie kein Konzept, keinen Plan haben, wie sie sich darstellen wollen: Sie finden es schön, wenn man über sie sagt, dass ihre Begegnung Schicksal gewesen sei.

„Wir sind große Fans von Bullshit und pseudopoetischen Texten“, sagt Vincent. Dabei entstehen Zeilen wie „In flagranti, du machst mich grantig“ (Sag jetzt nichts) oder „Spring Break forever, es endet erst hoffentlich nie“ (Blüten Zählen), „Ich sitze traurig auf dem Dach, und ich stürze ab. Vielleicht kommst du ja vorbei, und schaust mir nach“ (Am Dock). „Ich fühle das, ich hatte wirklich Herzschmerz“, sagt Vincent, und die melodischen Synthesizerklänge unterstützen den Liebeskummer.

Trotzdem: Doubtboy & Tightill wollen über sich selbst lachen, sich nichts zu ernst nehmen, weil sich das auf die Musik übertrage. „Ich mag Menschen nicht, die sich zu ernst nehmen. Und: Wir haben wahrscheinlich nicht so ein großes Schamgefühl“, sagt Till. So haben sie zehn Lieder auf dem Album geschaffen, jedes mit einem anderen Beat. Auf diese Beats schreiben sie Texte – auf Deutsch. „Die deutsche Sprache ist viel zischiger, hat eine Härte, ist aber auch ehrlicher“, sagt Till.

Liebe und Sexualität spielen eine explizite Rolle in den Songs. Eines machen Tightill und Doubtboy auf jeden Fall nicht: „Befindlichkeitspopmusik“. So bezeichnet Musikwissenschaftler Ralf von Appen ecken- und kantenlose Musik, die die oberen Chartsplätze besetzt: Ed Sheeran zum Beispiel, oder Adele, die mit ihrem Sechzigerjahre-Soul auf vergangene Zeiten setzt.

Das Album „RnB Anarchie“ ist Anfang August auf Kassette erschienen. Kontakt über Facebook: Tightill; oder per Mail: tightandill@gmail.com
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