Dauerausstellung im Wilhelm-Wagenfeld-Haus Quadratisch, praktisch, Wagenfeld?

Es ist die erste Dauerausstellung im Wilhelm-Wagenfeld-Haus: "A bis Z" zeigt etliche, auch unbekannte, Werke des Designers. Manches davon hat es sogar bis ins Weltall geschafft.
27.11.2021, 15:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Quadratisch, praktisch, Wagenfeld?
Von Simon Wilke

Das Wilhelm-Wagenfeld-Haus eröffnet zum ersten Mal überhaupt eine Dauerausstellung. Und was würde sich eher anbieten, als sie dem Namensgeber des Museums zu widmen? In "Wilhelm Wagenfeld A bis Z" können sich Besucherinnen und Besucher ab sofort einen Überblick über das Werk des Bremer Produktdesigners – oder wie er sich selbst nannte: des „künstlerischen Mitarbeiters in der Industrie“ – verschaffen.

Das Besondere dabei: Die Ausstellung folgt keiner Chronologie, sondern man blättert gleichsam durch ein Lexikon. Von A wie "Aladinkanne" bis Z wie "Zweckleuchte" werden die Exponate einzelnen oder mehreren Schlagworten zugeordnet. "Das ermöglicht uns einen völlig neuen Blick auf Wagenfelds Werk", sagt Direktorin Julia Bulk. "So können wir auch Dinge zeigen, die sonst nur selten aus dem Magazin herauskommen. Und wir stellen überraschende Zusammenhänge her, mit denen man auch neue Adressatenkreise ansprechen kann." Ein kleiner Streifzug durch die Ausstellung:

Lesen Sie auch

A wie "Alltagsdesign": Sie halten sich im Hintergrund und können in Wagenfelds Werk auch schnell mal übersehen werden – Alltagsgegenstände wie die gläsernen Blumentopfuntersetzer, die es in anderen Ausstellungsformaten wohl kaum in die Vitrine geschafft hätten. Doch Wagenfeld war der Meinung, dass gerade Dinge, die allzu oft als selbstverständlich verstanden werden, sehr gut durchdacht und gestaltet sein müssten. Das wird in der Ausstellung deutlich. Nicht nur bei den Untersetzern, auch beim Salatsieb, das so entwickelt wurde, dass zwei Siebe ineinandergehakt als Salatschleuder genutzt werden können, oder beim gläsernen Kleiderhaken, der während der Materialknappheit in den Jahren des zweiten Weltkriegs entworfen wurde. "Brauchbar sein heißt auch schön sein", sagte Wagenfeld einmal.

B wie "Bundeskanzleramt": Als Wilhelm Wagenfeld im Mai 1990 starb, war das Bundeskanzleramt noch in Bonn beheimatet. Erst im Jahr 2001 wurde der Neubau in Berlin bezogen. Das Design der Türgriffe war da allerdings schon mehr als 70 Jahre alt. Bereits 1928 hatte Wagenfeld es entwickelt – schlicht, elegant, die Formensprache des Bauhaus. Damals war er an der Staatlichen Bauhochschule Weimar tätig, der Nachfolgeinstitution des Bauhauses, und er begann vermehrt mit der Industrie zusammenzuarbeiten. Produziert wurden die Griffe jedoch nur kurzzeitig, und anschließend gerieten sie ein wenig in Vergessenheit – bis mehr als 3000 von ihnen in dem neuen Behördengebäude verbaut wurden.

I wie "Ist das typisch Deutsches Design?": Rechteckig, sachlich, funktional, vielleicht sogar spröde und unsinnlich – so oder so ähnlich blickt man außerhalb der Bundesrepublik auf deutsche Produktgestaltung. Doch ist Wilhelm Wagenfeld wirklich einer der ureigensten Vertreter dieses Stils? Man darf daran zweifeln, auch das wird in der Ausstellung deutlich. Zum Beispiel bei einem Vergleich zweier tragbarer Radio-Phono-Kombinationen, sozusagen den unhandlicheren Vorgängern des Walkmans. Hier schert Wagenfeld eher aus. Sein Exemplar ist spielerisch konzipiert, fast skulptural, kontrastreich. Das des gut dreißig Jahre später geborenen Dieter Rams hingegen – das das Museum  direkt daneben platziert – kann man guten Gewissens als Vorläufer eines iPhones bezeichnen. Und damit schon eher als "typisch deutsch". Hier dominieren glatte Oberflächen und klare Linien. Ob das allerdings unsinnlich ist, ist  Geschmackssache.

S wie "Science Fiction": "Max und Moritz" waren schon im Weltall unterwegs, und zwar im Jahr 1968 mit Warp-Geschwindigkeit an Bord des Raumschiff Enterprise. Gemeint sind damit allerdings die gleichnamigen Salz- und Pfefferstreuer, die Wagenfeld Anfang der 50er-Jahre designte und die in der Fernsehserie "Star Trek" zur Ausstattung gehörten. Neben der Bauhaus-Leuchte, die ebenfalls Teil der Dauerausstellung ist, gehören sie zu den Klassikern in Wagenfelds Werk. Mit einem Design so zeitlos, dass die TV-Produzenten ihnen eine Verwendung offenbar auch im 23. Jahrhundert noch zutrauten. Zugleich sind "Max und Moritz" Repräsentanten der hier als "anonyme Form" bezeichneten Stilistik. Weniger persönliche Handschrift des Gestalters, dafür eine starke Grundidee, die durch die Produktionskette – von Herstellung bis Vermarktung – abgewandelt wird.

Z wie "Zukunft": "Was würde Wagenfeld sagen?" ist die Frage, die sich hinter diesem Schlagwort verbirgt. Verschiedene Tassen werden hier gezeigt. Eine von Wagenfeld aus dem Jahr 1934, die anderen von anderen Designern aus der Zeit nach seinem Schaffen. Eine davon, hergestellt aus Kaffeesatz, hätte ihn vermutlich angesprochen. Zumindest dem Nachhaltigkeitsgedanken fühlte er sich verpflichtet. Auch das lernt man hier. Die Gestaltung wäre aber wohl eher nicht sein Fall gewesen. Genauso wenig wie die von Designer Hans "Nick" Roericht; diesmal allerdings, weil mittlerweile ein "Made in China" in der Beschreibung stünde. Auch die Porzellantasse im Wasserrohr-Design, die eher ein Kommentar auf die industrialisierte Welt als ein Trinkbehälter ist, entspräche wohl nicht seinen Vorstellungen. Nicht handlich, nicht materialgerecht, schlicht: nicht wagenfeldsch.

Info

"Wilhelm Wagenfeld A bis Z" ist ab dem 27. November als Dauerausstellung im Wilhelm-Wagenfeld-Haus zu sehen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht