Ein Haus für den Bremer Künstler Uwe Schloen Einchecken im Hotel Raketa

Die Mecklenburgische Seenplatte entwickelt sich immer mehr zu einem beliebten Ausflugsziel. Mittendrin, in Kummerow, ist dem Bremer Künstler Uwe Schloen eine Art Lebenswerk geschaffen worden.
09.11.2019, 08:00
Lesedauer: 6 Min
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Einchecken im Hotel Raketa
Von Stefan Dammann

Das Hotel Raketa in Kummerow ist eine Absteige. Viel länger als zwei Nächte würden Sie es dort nicht aushalten. Wahrscheinlich nicht einmal eine Nacht. Und es soll schon Menschen gegeben haben, die sind rückwärts wieder heraus. Aber keine Sorge, Sie sollen dort nicht nächtigen. Ein Bett ist nicht frei. Hotel Raketa ist ein fiktiver Name, ein Ausstellungsort, ein vor nicht allzu langer Zeit dem Verfall gewidmetes Gesindehaus. Der Name soll erinnern an ein Erlebnis des Bremer Künstlers Uwe Schloen in Prag, ein wirklich abgeranztes Hotel, in dem er zwischen Artisten, Prostituierten, Outsidern und Trinkern für wenig Geld zwei Nächte verbringen musste.

Der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte mit seiner Kreisstadt Neubrandenburg ist doppelt so groß wie das Saarland und damit der größte Landkreis in Deutschland. Waren an der Müritz, Neustrelitz und Demmin sind die weiteren großen Städte, wobei groß eben relativ ist. 47 Einwohner kommen auf den Quadratkilometer, und damit nur halb so viele wie im auch nicht gerade dicht besiedelten Landkreis Cuxhaven. Zehn verschiedene Autokennzeichen stehen für mehrere Gebietsreformen und Altkreise, in denen sich die Einwohner an ein paar Händen abzählen lassen.

367 Kilometer von Bremen entfernt über die Autobahnen 1, 20 und 19 ist es schön. Viel deutsche Geschichte, viel Natur, viele Kleinode, Unesco-Welterbestätten und vor allem Wasser. Viel Wasser, der Müritz als größtem deutschen See und dem Kummerower See mit seinen zehn Kilometern Länge.

Was den Tourismus angeht, hinkt das Hinterland zwischen Ostsee und Brandenburg hinterher. Die Infrastruktur mit vernünftigen Hotels und ordentlichen Restaurants lässt an vielen Stellen zu wünschen übrig. So ein Ort ist Kummerow. Wäre da nicht Torsten Kunert. Der Immobilienunternehmer mit einer Amerikanerin zur Frau und vier Kindern hat vor acht Jahren das Barockschloss Kummerow ersteigert. 2500 Quadratmeter Wohnfläche, Barockfassade, Park und Nebengebäude. Und finanziell ein Fass ohne Boden. Mehrere Millionen Euro hat der Berliner dort bereits versenkt. „Er hat sich einfach in die Region verliebt“, sagt Juliane Henke, die in einem Seitenflügel des Schlosses ihr Büro hat, das Gebäude managt und sich freut, nicht mehr in der Kreisverwaltung arbeiten zu müssen. Dabei ist sie nicht für die Bauleitung zuständig, sondern für Kunst.

Kunert zeigt seit der Eröffnung 2016 mehr als 2000 Fotografien aus seinem Privatbesitz. Die Liste der Künstler lässt den Fotokenner staunen: von Marina Abramovi? über Andreas Gursky und Helmut Newton reicht sie bis zu Michael Wolf. Damit ist die Ausstellung eine der führenden fotografischen Privatsammlungen Europas. In Kummerow. Henke sagt: „Wir wollen damit ein anderes Publikum anziehen. Eines, das eben aus der ganzen Welt zu uns kommt.“ Und das tut es, nicht in Massen, aber stetig mehr. Nur mit den Hotels und Restaurants ist es wieder ein Problem.

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Das Schloss selbst war dabei nur einer der oftmals verfallenen und leerstehenden 200 Feudalbauten Mecklenburg-Vorpommerns, hier mit hübschen Barockelementen. Als Kunert es gekauft hat, gab es nach Henkes Worten das fast eingestürzte Dach, fehlende Fußböden, bis zu 30 Farbschichten an den Wänden, Löcher, Moder und kaum noch Inventar. Verkommen, verwohnt, geklaut. Denn Schloss Kummerow ist mit Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 von sowjetischen Truppen besetzt worden, war zu Zeiten der DDR Flüchtlingsunterkunft, Konsum-Einkaufsladen, Sporthalle, Post, Friseur, Bürgermeisteramt, Schule, Wohnort und wohl auch Bordell.

Aber jetzt? Das Schloss ist selbst ein Kunstwerk; ein Barockbau von nationalem Interesse, der nicht wie viele andere sehr ordentlich hergerichtet und so weit wie möglich in den Originalzustand versetzt worden ist. Nein, hier hat Kunert die fast 300-jährige Geschichte an allen Ecken festgehalten, auch die DDR-Zeit. „Die Zeit ist dabei die Idee“, sagt Henke und zeigt mit der rechten Hand in ihr eigenes Büro, das nicht rundum hübsch weiß gestrichen ist. Vielmehr geht ein Riss durch den Raum, keiner im Putz, sondern einer durch die Epochen. Die eine Hälfte ist porentief reinweiß und neu, die andere eben nicht. Mehr original denn schäbig, mehrere Farbschichten, so wie die Geschichte sie gepinselt hat, im Ton nicht definierbar, ab und an blättert es ab.

So sieht es überall im Haus aus. Mit Narben und Rissen, wie Henke findet, und sie spricht davon, dass es eben nicht fake-renoviert wurde, sondern was in Ordnung war, ist in Ordnung oder original, was nicht, das ist repariert. Und zwar sichtbar. Das geht so weit, dass alte Zitate und Lenins und Wappen der FDJ im Spiegelsaal an der Wand geblieben sind und ein Stück der Geschichte zeigen.

Von Juliane Henkes Büro aus fällt der Blick auf die roten Backsteingebäude links und rechts vor dem Schloss. Auf der einen Seite ist das Dach unter einer riesigen Plane verborgen, das Gebäude darunter sieht aus, als würde es beim nächsten Sturm in sich zusammenfallen. Auch das andere Haus macht nicht den Eindruck, als könne es neue Bewohner oder gar einen potenziellen Gastwirt anlocken. Nichts ist barock, roter Backstein kurz vor ganz kaputt. Gesindehäuser, Stallungen, Backstube – was so ein richtiges Schloss eben alles brauchte, als es noch Heerscharen von Personal gab. Über einer der Türen des linken Hauses das Schild mit der Aufschrift Hotel Raketa. Blei mit weißer Schrift. Die Tür ist zu.

Uwe Schloen ist ein Bremer Maler und Bildhauer, geboren in Kuhstedt bei Gnarrenburg. Der 61-Jährige, groß und schlaksig und international renommiert, versteht sich als künstlerisch tätiger Entertainer, der die Menschen auch mal erschrecken will. Preise hat er gewonnen, Seine Kunst steht in vielen Orten Norddeutschlands. Im Moor bei Kuhstedt nahe Gnarrenburg richtet er regelmäßig Kettensägenmassaker an, um Bäume für seine Holzskulpturen zu generieren, genannt Gölmer. Zumeist stecken sie in Gummistiefeln. „Wie hier in Norddeutschland üblich“, sagt Schloen trocken.

Hunderte gibt es davon, nein mehr. Sie sind nicht zu zählen, er weiß nicht mehr wohin damit. In großen Lagern in Kuhstedt, Stuhr und vor der holländischen Grenze lagern sie. Ebenso Bilder, Eisenskulpturen und bleihaltige Häuser. Ein ganzes Dorf aus Blei ist im toskanischen Seggiano und dort im Skulpturenpark Giardino des berühmten Kollegen Daniel Spoerri aufgebaut, eine weitere großräumige bleierne Installation in einem luxemburgischen Park bei Merscheid. Und ein Band von merkwürdigen 15 Bushaltestellen zieht sich quer durch Europa über Wallhöfen bis nach Estland, wo er auch als Dozent an einer Hochschule Kunst unterrichtet. Über ihn ist jedenfalls schon oft in dieser Zeitung berichtet worden.

Eine freundliche Mitarbeiterin des Schlosses reicht jedem Gast eine Liste, in die er sich einzutragen hat, ein Check-in für Hotel Raketa. Wie in einem richtigen Hotel. Erst dann rückt sie den Schlüssel heraus, stilecht an einem Stoffpuschel. 50 Meter sind es vom Schloss zum Hotel. Aufschließen, zack, ein Butler ganz in Rosa steht im Weg. Ein Gölmer mit zwei Handtüchern. Eines korrekt über den rechten Arm geschwungen, das andere 20 Zentimeter weiter unten ebenso korrekt über etwas steif Hervorstehendes. Ihm folgen in zwölf Zimmern auf zwei Etagen 300 Skulpturen.

Zu bieten hat das Raketa all das, was ein heruntergekommenes Hotel so zu bieten hat. Von den Wänden hängende Tapeten, versiffte Bäder, kaputte Fliesen, fehlende Farben, Löcher im Fußboden und in den Fenstern, Spinnweben. Keine Heizung. Aber reichlich Gäste. Alte, junge, böse, fröhliche. Männer und Frauen, Kinder, Turner, welche mit Helm, Gasmaske oder Pistole, mit Brettern vor dem Kopf oder Ku-Klux-Klan-Hauben. Eine Frau trägt ihre Brüste zur Schau, eine andere steht in der Ecke mit einem Eimer auf dem Kopf, ein Mann in einem Turm aus Autoreifen. Mal ist es grotesk, mal tragisch oder verstörend. Oft niedlich oder komisch und irgendwie lebendig.

Das Hotel war ein Wohnhaus. Wie es einst von den letzten Bewohnern wegen Unbewohnbarkeit hinterlassen wurde, so ist es geblieben. „Ein Glücksfall“, sagt Schloen. Torsten Kunert und er hätten sich mal kennengelernt, und Kunert war von Schloens Werken sogleich begeistert. Das bestätigt auch Juliane Henke. Schon seit 2017 steht im Garten des Schlosses Schloens Außeninstallation „Friedhof der literarischen Gestalten“ aus Blei.

Die 300 Figuren fürs Raketa hat der Bremer aus seinen Lagern geholt. Schloen hat sie aber nicht einfach wirr verteilt, sondern inszeniert. Da gibt es das Frauenzimmer, wo Frauen eben plaudern und Wasserpfeife rauchen. In einem Zimmer stehen Reisende im grauen Silikon, eine Gruppe schaut auf zu jemandem, der wohl eine Rede halten will, ein anderer will gerade mit Eimer auf dem Kopf ins Klo pinkeln, einer steht Kopf. Hinter jeder Tür lauert eine neue Überraschung. Besonders sehenswert ist der Dachboden mit seinem Holzdachstuhl zwischen herumfliegenden Schwalben, Efeu und auf zuweilen kaputtem Holzfußboden stehen sie einfach so herum. 100 vielleicht. Oder 150? Einsam, in Gruppen oder auch mal liegend. Sie gucken einen an mit ihren Knopfaugen aus Glas. Schräg fällt die Sonne durch ein Dachfenster und offenbart tanzenden Staub.

Für Schloen ist das Hotel Raketa seit Eröffnung im vergangenen Frühjahr so eine Art Lebenswerk, das als Dauerausstellung gedacht ist, ein Querschnitt seiner Arbeiten: „Im Grunde haben die Figuren aufeinander und auf so ein Haus gewartet.“ Seine Installationen spiegeln die Höhen, aber vor allem die Tiefen des menschlichen Lebens eindrucksvoll wider. Und Schloen hat auch auf sowas gewartet. Eine angemessene Würdigung.

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