Moscheen Eine Reise zum Islam

Björn Wiedenroth will wissen, wie sich das religiöse Leben in Moscheen abspielt. Mit der Kamera im Gepäck hat er 30 Moscheen in 18 Städten besucht, viele davon in Bremen.
03.07.2017, 21:35
Lesedauer: 4 Min
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Eine Reise zum Islam
Von Katharina Elsner

Seine Reise zum Islam beginnt verschwitzt. Es ist einer der letzten heißen Tage im September 2016. Björn Wiedenroth fährt mit seinem Rad nach Gröpelingen und klopft an die Tür des Islamischen Forums. Wiedenroth, 33 Jahre alt, Student an der Hochschule für Künste (HfK) in Bremen, ist nicht besonders religiös. Er wurde zwar konfirmiert, das ist allerdings fast 20 Jahre her.

Seitdem spielt Religion keine besondere Rolle in seinem Leben. Heute bezeichnet Wiedenroth sich als Agnostiker und beschließt doch, neun Monate lang durch Deutschlands Moscheen zu reisen. Im Gepäck: seine Kamera. Tausende Fotos entstehen auf seiner Reise. 18 Städte und 30 Moscheen besucht er, viele in Bremen.

20 der Fotos hat er ausgewählt, um sie in der Galerie Mitte aufzuhängen. Sie alle geben Björns Wiedenroths Blick auf den Islam wider. So betitelt er die Ausstellung auch. In Bremen gibt es gut 30 Moscheen. Sie stehen verteilt in der gesamten Stadt; von Gröpelingen bis Osterholz, im Flughafen und in Blumenthal.

Ärger über Verallgemeinern

Etwa 50.000 Muslime leben im Land Bremen, viele mit türkischen Wurzeln. Dabei handele es sich um Schätzungen, sagt eine Sprecherin des Senators für Inneres. Niemand sei verpflichtet, seine Religion anzumelden. Björn Wiedenroth will wissen, wie sich das religiöse Leben dort abspielt. Seit September 2016 haben viele Europäer Angst vor Islamisten, auch vor dem Islam.

Es gab Anschläge auf den Club Bataclan in Paris, auf den Flughafen und die Metro Brüssels, auf das Festival in Ansbach. Björn Wiednroth ärgert aber, dass viele nur von „dem“ Islam sprechen, verallgemeinern und Muslime und Terroristen gleichsetzen. Außerdem braucht er ein Thema für seine Abschlussarbeit.

Er studiert Integriertes Design, nimmt an der Klasse für Kultur und Identität teil. Also klopft er an die Tür des Islamischen Forums in Bremen. „Viele Muslime waren zuerst skeptisch“, sagt Wiedenroth. Ein Deutscher, rotblonde Haare, Sommersprossen, dunkle Rahmenbrille, will ihre Rückzugsorte fotografieren.

Viele fühlten sich geschmeichelt

Er will Bilder machen, die im Glauben der Muslime eine geringe, manchmal eine kontroverse Rolle spielen. Zum Beispiel wenn es um Karikaturen des Propheten Mohammed geht. Wiedenroth nimmt Islamunterricht, drei Mal pro Woche. Und er fährt im Laufe der neun Monate ein zweites und ein drittes Mal in die jeweilige Moschee. Die anfängliche Skepsis weicht.

„Die Menschen haben gemerkt, dass ich eine Grundahnung vom Islam habe, und dann fühlten sich viele geschmeichelt“, erzählt der Fotograf. Endlich interessiere sich jemand für sie, für ihre Religion. Trotzdem: Wiedenroth bleibt auf Distanz. Das ist sein Konzept. So wirken auch seine Bilder.

Sie zeigen Menschen aus der Distanz, von hinten, mit Bewegungsunschärfe; wie Schnappschüsse aus einer Zeit, in der es nur analoge Bilder gab. „Manchmal haben sie vergessen, dass ich da war. Dann konnte ich zurücktreten und die Muslime sich frei verhalten.“ Seine Bilder seien intim, authentisch und ungeschönt.

Vorurteile auf der einen und auf der anderen Seite

Die Rückzugsorte sind Räume mit gemusterten Teppichen, es sind Fassaden, mit Graffititags beschmiert. Manchmal sind es auch noch Baustellen, wie in Achim. Dort wohnt Björn Wiedenroth einer Totenfeier bei, ein Sarg, mit einem grünen Tuch bedeckt, steht neben einem Bauzaun.

Zum Teil hätten sich die muslimischen Communities diese Orte selbst gewählt, zum Teil fühlten sie sich auch von der nichtmuslimischen Gesellschaft an den Rand gedrängt, erzählt er. Vorurteile gebe es auf der einen und der anderen Seite. Er könne nach der Reise besser verstehen, woher die Probleme der Muslime rührten.

„Viele suchen in der Religion ihre Identität. Vor allem, wenn sie Ablehnung aufgrund ihres Glaubens oder ihrer Wurzeln erfahren haben, suchen sie auch Halt in der Moschee“, sagt der Fotograf. Jede Moschee sei unterschiedlich, wie die Städte selbst auch. Er reist nach Dresden, Gladbeck, Gifhorn und München.

"Der Islam ist sichtbarer geworden."

Er besucht salafistische Moscheen, solche, in denen Frauen und Männer nebeneinander beteten, auch solche, in denen es eine Frau als Vorbeterin gibt. Björn Wiedenroth zeigt in seinen Fotos nicht nur die Unterschiede, sondern auch, wie sich die muslimischen Vereine und Gemeinden in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Hans-Ludwig Frese ist Religionswissenschaftler an der Universität Bremen. „Der Islam ist sichtbarer geworden, früher gab es mehr Moscheen in den Hinterhöfen. Heute stellen sie sich im öffentlichen Raum dar", sagt er. Muslime ordnen sich eigentlich je nach Herkunftsland oder religiöser Ausrichtung einer Moschee oder einem Gebetsraum zu.

Aber auch das habe sich verändert, sagt Frese. Muslimische Vereine seien heute professioneller, über Dachverbände wie Ditib oder die Schura organisiert. So kooperierten auch Muslime unterschiedlicher Herkunftsländer miteinander. Und: „Viele Jüngere haben die Verantwortung in den Moscheen übernommen, es wird immer häufiger Deutsch gesprochen“, sagt der Religionswissenschaftler.

Björn Wiedenroth jedenfalls empfiehlt nach seiner Reise jedem, eine Moschee zu besuchen und vor allem einen Chai-Tee zu trinken. „Denn es gibt nicht den einen Islam, nicht die Muslime.“ Seine Bilder musste er inzwischen wieder abhängen; nur ein paar Tage hatte er Platz in der Galerie Mitte bekommen. Er hofft, dass er einen anderen Raum findet, in dem er seine Bilder noch einmal aufhängen kann. Er hofft auch, dass er das weitergeben kann, was er auf seiner Reise gelernt hat, die auf dem Fahrrad nach Gröpelingen begann.

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