Sonntagskolumne „Müßiggang“ Gleichförmigkeit, Mittagsschlaf, Couchkartoffel

Drei Stunden Arbeit pro Tag. Eine Utopie, was sonst? Und doch lohnt sich das Nachdenken über Modelle, die das Verhältnis von Erwerbsbeschäftigung und Muße neu bestimmen. Meint Hendrik Werner in seiner Kolumne.
29.11.2019, 17:26
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Gleichförmigkeit, Mittagsschlaf, Couchkartoffel
Von Hendrik Werner

Das Wort zum Sonntag spricht der britische Philosoph Bertrand Russell (1872-1970): „Die Fähigkeit, seine Muße klug auszufüllen, ist die letzte Stufe der persönlichen Kultur, und bislang haben sich nur wenige zu dieser Höhe emporgeschwungen.“ Das klingt blasiert, ist aber insofern eine realitätsnahe Einschätzung, als es vielen Menschen in unserer schönen neuen Arbeitswelt paradoxerweise an Zeit zu mangeln scheint, um Momente der Muße zu erfahren oder diese gar erfüllend selbst zu gestalten.

Vor 89 Jahren entwickelte der Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) eine kühne Vision: die 15-Stunden-Arbeitswoche. Er war überzeugt, dass die Menschen im Jahr 2030 nur noch drei Stunden pro Tag arbeiten müssen, weil sich das von ihm als kontinuierlich angenommene Wirtschaftswachstum spätestens dann in individuelle Freizeit umwidmen lasse.

Bekanntlich kommt es derzeit anders: Die Arbeitsverdichtung nimmt vielerorts zu, und es erscheint müßig, ein ökonomisches System reformieren zu wollen, dessen Allgegenwart nicht nur am Black Friday wenig Spielraum für immaterielle Begehrlichkeiten lässt. In seinem Buch „Utopien für Realisten“ (2017) nimmt der niederländische Historiker Rutger Bregman den Zukunftstraum von John Maynard Keynes auf. Weniger zu arbeiten, sagt der 31-Jährige, mache produktiver, glücklicher, gesünder – und sei zudem klimafreundlicher.

Diese Einschätzung teilen nicht nur digitale Bohemiens und sogenannte New-Work-Initiativen, sondern auch viele literarische Figuren, von denen an dieser Stelle bereits die Rede war. Oblomow, der materiell abgesicherte Titelheld eines thematisch einschlägigen Romans des Russen Iwan Gontscharow (1812-1891), zählt definitiv nicht dazu. Der adlige Gutsbesitzer ist trotz seines beredten Leidens an der Gleichförmigkeit des Lebens viel zu träge, teilnahmslos und rückwärtsgewandt, als dass er zu einem Traum von einer besseren Zukunft in der Lage wäre.

Dabei schläft Oblomow viel; seine Mittagsruhe ist ihm heilig. Doch ist seine Muße weder kreativ noch genussträchtig, sondern heillos kontraproduktiv. Er schiebt alles auf. Arbeit und Langeweile gelten ihm als Synonyme. Kein Wunder, dass eine psychiatrische Diagnose nach ihm benannt wurde. Ironie der Literaturgeschichte, dass ihm seine Antriebsarmut zum Verhängnis wird. „Schwerfällige fallen leicht“, sagt meine Oma.

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