Interview mit CDU-Politikerin Elisabeth Motschmann

„Ich sehe mit Sorge in die Zukunft“

Elisabeth Motschmann, Sprecherin für Kultur und Medien der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, spricht im Interview über einen Sommer ohne Festivals und die Zukunft der Bremer Kultur.
17.04.2020, 06:29
Lesedauer: 4 Min
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„Ich sehe mit Sorge in die Zukunft“
Von Alexandra Knief
„Ich sehe mit Sorge in die Zukunft“

Menschenmassen beim Bremer Musikfest? Die wird es in diesem Jahr wohl nicht geben.

Christina Kuhaupt
Frau Motschmann, seit Mittwoch ist es offiziell: Großveranstaltungen sind bis Ende August untersagt. Was bedeutet das für die Kulturbranche?

Elisabeth Motschmann: Das ist ganz bitter! Die ganzen Festivals im Sommer können nicht stattfinden. Da kommt jetzt viel auf die Szene zu. Viele werden zu kämpfen haben. Die Breminale ist betroffen, und vielleicht betrifft das auch unser Musikfest Bremen – auch, wenn sich das größtenteils erst im September ereignet. Laut Intendant Thomas Albert wird es bei bestuhlten Veranstaltungen fast nicht möglich sein, ein Konzert stattfinden zu lassen, wenn er jeden zweiten Stuhl frei lässt. Die Anzahl der Besucher wäre nicht ausreichend, um die Konzerte zu finanzieren.

Ab wann ist denn ein Event eine Großveranstaltung?

Das ist die ganz große Frage, die es noch konkret zu beantworten gilt. Zu Beginn der Schließungen hieß es, von einer Großveranstaltung spreche man ab 1000 Besuchern. Aber ich denke, wir müssen mit sehr viel geringeren Zahlen rechnen. Es gibt auch Veranstaltungen mit 100 Besuchern bei denen Abstandsregeln nur schwer einzuhalten sind. Und diese gelten natürlich weiter. Über die Zukunft kann ich nur spekulieren.

Zu anderen Kulturbereichen wurde am Mittwoch bisher wenig gesagt. Was denken Sie, wie es in den verschiedenen Sparten weitergehen wird?

Was ich mir gut vorstellen könnte ist, dass die Museen bald wieder öffnen dürfen. Da wird es selten so voll sein, dass man die Abstände nicht einhalten kann. 200 Leute gleichzeitig in der Kunsthalle Bremen? Das würde man nicht einmal merken. Ich hoffe also, dass dies ab Mai wieder geht. Auch mit den Kirchen wird in den nächsten zwei Wochen verhandelt, was möglich ist. Auch da sage ich, dass Abstände in aller Regel gewährleistet werden können.

Elisabeth Motschmann - CDU - MdB

Elisabeth Motschmann.

Foto: Christina Kuhaupt
Die fehlende Planungssicherheit ist für viele Betroffene gerade das Schlimmste. Was denken Sie, wie mit kleineren Veranstaltungen umgegangen wird? Dürfen wir im Mai vielleicht schon wieder im Kino oder im Theater sitzen?

Das glaube ich nicht. Man muss schließlich auch bedenken, dass bei allen Kulturveranstaltungen, egal, ob bei Konzerten, im Kino oder im Theater, immer auch sehr viele ältere Menschen dabei sind, die besonders gefährdet sind. Also werden auch diese Betriebe weiter mit Einschränkungen rechnen müssen.

Werden bisher bewilligte Hilfsgelder denn reichen, wenn einige Verbote den Sommer überdauern? Oder muss man hier und da noch einmal nachlegen?

Jede Maßnahme steht permanent auf dem Prüfstand und muss nachgeschärft werden. Aber man muss sehen: Die Probleme kommen von allen Seiten der Gesellschaft, nicht nur aus der Kultur. Alle Kulturpolitiker versuchen rauszuholen, was rauszuholen ist. Ich bekomme die Sorgen aus der ganzen Republik gemeldet. Die Klientel, die am härtesten betroffen ist, sind die solo-selbstständigen Künstlerinnen und Künstler – Musiker, Schauspieler, Sänger. Wer nicht auf der Bühne steht, bekommt keine Gage und das sind Gelder, die die Künstlerinnen und Künstler für ihren Lebensunterhalt brauchen. Diese Gruppe macht mir ganz große Sorge.

Der Bremer Senat hat aber vor rund zwei Wochen eine Förderung für eben diese Gruppe beschlossen. Betroffene erhalten einmalig bis zu 2000 Euro. Das reicht aber auch nicht für mehrere Monate des Stillstands...

Nein, das reicht unter Garantie nicht. Die Betroffenen können zusätzlich das Arbeitslosengeld II beantragen, aber auch das ist letztlich eher nicht Existenz sichernd.

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Veranstalter von Festivals und alle beteiligten Berufsgruppen stehen aber ja jetzt genauso vor einem finanziellen Loch.

Wohl wahr. Es trifft nicht nur die Menschen auf der Bühne. In der kommenden Woche sollen immerhin im Bundestag die neuen Gutscheinregelungen beschlossen werden. Diese legen fest, dass das Geld für verkaufte Tickets nicht zurückgezahlt werden muss, sofern die Veranstaltung nachgeholt werden kann. Das ist eine Hilfe, entschädigt aber natürlich in keiner Weise für all das, was in den nächsten Wochen und Monaten wegfällt. Ich sehe mit Sorge in die Zukunft und bezweifle, dass alle Veranstalter diese Entwicklung verkraften können.

Kommt die Gutscheinregelung nicht auch ein wenig spät? Einige hiesige Veranstalter haben bereits in den ersten Tagen des Veranstaltungsverbots beklagt, dass viele Kunden in die Ticketshops gelaufen kamen und ihr Geld zurück wollten…

So eine Regelung muss auch erst mal durchgesetzt werden. Da gibt es die Verbraucherpolitiker, die Justizpolitiker, die nicht jubeln, wenn man in einen Vertrag eingreift. Die Karte ist immerhin Eigentum des Käufers. Aber unser Argument, dass der Kunstliebhaber auch nichts mehr von seiner Karte hat, wenn die Veranstalter in die Insolvenz gehen müssen, hat dann doch gezogen.

Dennoch deuten Sie an, dass es nicht alle Kulturschaffenden durch die Krise schaffen werden. Müssen wir uns darauf einstellen, dass die Bremer Kulturszene nach Corona eine andere ist?

Ich hoffe nicht. Genau dafür arbeite ich. Aber leider wird es Veränderungen geben. Wir werden in Berlin und auch vor Ort in Bremen alles tun, um die Probleme zu mildern, aber wir können leider nicht jedes schlimme Einzelschicksal verhindern. Erst, wenn etwas nicht mehr stattfindet, weiß man viel klarer, was einem fehlt. Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Ohne Kultur oder mit reduzierter Kultur ist eine Stadt wie Bremen ärmer. Kultur ist wichtig, wurde in der Vergangenheit aber viel zu oft für selbstverständlich gehalten! Genau das ist sie aber leider nicht.

Eine kleine Hoffnung für die Zukunft ist also, dass man die Kultur nach der Krise wieder mehr zu schätzen weiß?

Das könnte gut sein. Und ich hoffe sehr, dass das Verständnis dafür, wie wichtig dieser Bereich ist, zunimmt und auch die, die meinen, Kultur sei nur ein Sahnehäubchen, verstehen, dass sie existenziell wichtig und auch ein harter Standortfaktor ist.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

Info

Zur Person

Elisabeth Motschmann (67)

kommt aus Bremen und ist Bundestagsabgeordnete der CDU. Sie sitzt als Sprecherin für Kultur und Medien der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag.

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