Bremer Kunsthallenchef im Interview

Max-Liebermann-Schau als Höhepunkt

Die letzte Liebermann-Ausstellung in Bremen ist 20 Jahre her. Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg spricht im Interview über das Programm für 2016 und den veränderten Auftritt des Hauses.
27.11.2015, 17:37
Lesedauer: 4 Min
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Die letzte Liebermann-Ausstellung in Bremen ist 20 Jahre her. Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg spricht im Interview über das Programm für 2016 und den veränderten Auftritt des Hauses.

Herr Grunenberg, seit ein paar Wochen tritt die Kunsthalle Bremen nach außen anders auf – sie haben sich eine neue, moderner anmutende Corporate Identity gegeben. Das finden nicht alle gut; in den Sozialen Medien hat es einige Kritik daran gegeben. Hat Sie das überrascht?

Christoph Grunenberg: Eigentlich nicht. Ich bin eher erstaunt, dass die Diskussion sich auf die Sozialen Medien beschränkt hat. Unser neues CI soll ja ganz bewusst einen Bruch kommunizieren, es soll aber auch zeigen, dass wir ständig um die Balance von zwei Elementen bemüht sind: Die lange Tradition dieses Hauses als einer der ersten Kunstvereine überhaupt in Deutschland zu bewahren, aber auch den Spagat zu wagen und moderne und mutige Konzepte in Ausstellungen, der Präsentation der Sammlung und der Vermittlung zu entwickeln. Hier im Haus und bei den Mitgliedern war die Diskussion nicht so aufgeregt wie bei Facebook, da ging es eher um Kleinigkeiten, die als störend empfunden wurden.

Was war das beispielsweise?

Da ging es um Lesbarkeit und die Gliederung des Programms. Da haben wir reagiert, so etwas muss sich immer einspielen. Aber das Grundgerüst steht, und dabei bleiben wir auch.

In einem Museum, das klar als Haus für moderne Kunst definiert ist, wäre so eine Umstellung sicher einfacher gewesen.

Aber auch langweiliger. Die Sammlung und das Haus bieten ja unglaubliche Möglichkeiten...

...Sie müssen die vergangenen 600 Jahre mit den kommenden 600 Jahren unter einen Hut bringen.

Das ist unsere Intention. Wir fragen uns ja ständig, wie kann man in historischer Kunst, in Zeichnungen und Druckgrafiken aus dem Kupferstichkabinett zeitgenössische Relevanz erkennen? Wieso sollte sich gerade heute beispielsweise jemand Adriaen van Ostade anschauen, dessen Werk wir im kommenden Jahr zeigen? Das ist das Spannende an der Arbeit in der Kunsthalle Bremen, das wir uns ständig damit beschäftigen müssen, wie wir das inhaltlich angehen, aber auch, wie wir es verpacken wollen. Und das in einem wunderbaren historischen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert...

...mit einem modernen Anbau.

Genau. Und beides funktioniert für die historische wie für die zeitgenössische Kunst. In dem Anbau haben wir beispielsweise Dürer gezeigt, und Ostade wird ab dem 6. April ebenfalls dort zu sehen sein.

Was ist für Sie heute noch relevant an Adriaen van Ostade, einem Druckgrafiker aus dem 17. Jahrhundert?

Wir möchten die Besucher dazu verleiten, der Betrachtung an sich wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Das sind teilweise sehr kleinformatige Werke, auf die man sich konzentrieren muss. Wenn man sich aber darauf einlässt, eröffnet sich einem ein ganzes Universum des alltäglichen Lebens, ein Kaleidoskop an Typen, an Situationen und an Verhaltensweisen in der frühbürgerlichen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts. An manchen Verhaltensweisen hat sich bis heute nichts geändert. Man könnte sich beispielsweise erinnert fühlen an Menschen, die sich auf Weihnachtsmärkten oder bei Kohlfahrten tummeln. Aber es geht auch um die Meisterschaft der Kunst.

Können Sie das näher beschreiben?

Da werden mit wenigen Strichen Charaktere eingefangen, und es gibt dieses breite Spektrum an humorvollen Beobachtungen, die van Ostades starke Verwurzelung im Alltagsleben seiner Zeit demonstrieren.

Die zweite historische Ausstellung, die Sie zeigen, widmet sich der französischen Grafik der Zeit Ludwig XIV. Welchen Bezug zur Gegenwart setzen Sie da?

Da geht es einmal um die im Vergleich zu van Ostade weiterentwickelte Technik der Druckgrafik, die Feinheit der Stecherkunst. Und außerdem geht es um die ostentative Darstellung von Macht: Gezeigt werden die Schlösser, Kunstammlungen und Feste des Königs, sein unglaublicher Reichtum. Außerdem ist das eine Kunst in der Zwischenform. Sie sollte dokumentieren, ja es sind im Grunde Auftragsarbeiten im Dienste der Propaganda. Gleichzeitig hat sie sich durch ihre technische Raffinesse zu einem eigenständigen künstlerischen Medium entwickelt.

Greifen Sie da ausschließlich auf Bestände aus dem Kupferstichkabinett zurück?

Bei van Ostade ist es eine Mischung aus eigenen Beständen und Leihgaben aus einer bedeutenden Bremer Privatsammlung, die durch wenige hochkarätige Werke aus Frankfurt, Berlin und München ergänzt werden. Bei „Im Zeichen der Lilie“ handelt es sich ausschließlich um Exemplare aus unserer Sammlung, um sogenannte Reproduktionsgrafik, die lange Zeit nicht sehr hoch eingeschätzt wurde. Dabei haben die Werke einen eigenen, dezidiert künstlerischen Anspruch mit virtuosen Darstellungselementen. Das alles den Arbeiten moderner Künstler gegenüberzustellen ist eine andere Herangehensweise, die wir ebenfalls verstärkt verfolgen wollen. Im September stellen wir die junge Film- und Video-Künstlerin Mary Reid Kelley aus, deren Werk starke Wurzeln in der Zeichenkunst hat. Sie hat bereits Interesse signalisiert, sich mit unserem Kupferstichkabinett zu befassen.

Das ganz große Rad drehen Sie im kommenden Jahr ab Ende Oktober mit der Ausstellung „Max Liebermann – Reiten, Tennis, Polo“. Warum Liebermann und warum mit diesem thematischen Schwerpunkt?

Die letzte Ausstellung mit seinen Werken ist jetzt 20 Jahre her, und Liebermann hat ja eine besondere Beziehung zu dem Haus. Bereits zu seinen Lebzeiten wurde hier eine große Sammlung etabliert. Dorothee Hansen als Kuratorin der Ausstellung hat festgestellt, dass es bei Liebermann viele Motive rund um den Sport im weitesten Sinne gibt, dieser Aspekt stand bisher noch nicht im Fokus. Die Beschäftigung mit dem Sport als Motiv hat bei Liebermann teilweise familiäre Gründe, aber daran ist auch gut ablesbar, wie sich die großbürgerliche Gesellschaft seiner Zeit an dem englischen Ideal des „Sportsman“ definiert hat.

Es geht Ihnen also auch um Sportgeschichte.

Man kann die Werke gut in Beziehung zu einer gesellschafts- und sozialgeschichtlichen Dimension setzen. Das war eine Zeit, in der sich viele Clubs gegründet haben oder zum Beispiel auch das Polofeld in Hamburg entstanden ist. Daran kann man ablesen, welche Rolle Sport gespielt hat. Die Verwandlung von exklusiven Sportarten wie Tennis zum Massensport wird auch ein Thema bei uns sein, aber auch die große Faszination, die beispielsweise das Boxen auf die folgende Generation von Künstlern ausgeübt hat. Das wird eine aufwändige Ausstellung, die auch populär sein und überregional ausstrahlen soll. Wir wollen ja auch immer als Imageträger für die Stadt funktionieren.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

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