Kunstwerke nachstellen

Mitmachaktion: Kunsthalle Bremen zeigt Quarantäne-Kunst

Tausende Menschen stellen zu Hause berühmte Kunstwerke nach und posten sie unter dem Hashtag #tussenkunstenquarantaine. Jetzt ruft auch die Kunsthalle Bremen zu einer Mitmachaktion auf.
16.05.2020, 06:47
Lesedauer: 4 Min
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Mitmachaktion: Kunsthalle Bremen zeigt Quarantäne-Kunst
Von Katharina Frohne
Mitmachaktion: Kunsthalle Bremen zeigt Quarantäne-Kunst

Maite Spanier, neun Jahre, als "Erwachendes Mädchen" der französischen Malerin Eva Gonzalès.

Diana Spanier

Ein Museumsbesuch mit Kindern, sagt Diana Spanier, das sei meist eine einigermaßen eilige Sache. Wer sich selbst zurückerinnert, weiß, was gemeint ist: Bilder an Wänden, viele davon, Landschaften, Menschen, oft unvorstellbar alt, das erschöpft sich schnell. Ganz anders war das vor wenigen Tagen. Familie Spanier hatte sich um ein Gemälde der französischen Malerin Eva Gonzalès versammelt. Nicht um das Original, nicht mal um einen Kunstdruck, sondern um ein Foto des Bildes, das Diana Spanier im Online-Katalog der Bremer Kunsthalle gefunden hatte.

Das Bild trägt den Namen „Erwachendes Mädchen“, es zeigt eine junge Frau, die seitlich auf einem Bett liegt. Licht fällt in das Zimmer, die Frau blinzelt ihm entgegen. Ihr linker Arm liegt auf dem weißen Kopfkissen, auch das Laken ist weiß, die Decke, der Baldachin. Auf dem hölzernen Nachttisch neben dem Bett liegt ein Buch, daneben stehen Blumen, bläulich-violett. Flieder?

Dass die Familie sich das fragte, dass sie jedes Detail betrachtete, hatte einen Grund: Die eingehende Bildbetrachtung war gleichzeitig Recherche, schließlich galt es kurz darauf, das Werk zu imitieren. Anlass ist eine Aktion der Niederländerin Anneloes Officier. Mitte März hatte die einen neuen Instagram-Kanal angelegt: „Tussen Kunst & Quarantaine“ (@tussenkunstenquarantaine), auf Deutsch: Zwischen Kunst und Quarantäne. Noch am gleichen Tag postete Officier ein erstes Foto. Dazu schrieb sie: „Ein Gemälde, drei Gegenstände aus deinem Zuhause. Das hier ist einfach.“ Sie hatte recht. Obwohl sie sich nur ein blaues Handtuch um den Kopf gewickelt, ein grünes Platzdeckchen um die Schultern gelegt und eine Knoblauchknolle ans Ohr gehalten hatte, war es unverkennbar: Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“.

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In einem Interview sagte Officier: „Man ist den ganzen Tag zu Hause, für manche Menschen ist das sehr hart. Wo also kann man etwas Leichtigkeit finden?“ In der Kunst zum Beispiel. Was Officier vormachte, kam an: Zehntausende Menschen aus aller Welt posteten eigene Kreationen, stellten Klimts „Kuss“ auf dem Wohnzimmerboden nach oder bastelten „Die große Welle vor Kanagawa“ aus Klopapier. Heute zählt Officiers Instagram-Kanal mehr als 274.000 Follower, wer nach dem Hashtag #tussenkunstenquarantaine sucht, findet mehr als 50.000 Bilder aus aller Welt.

Diana Spanier kann das gut verstehen. „Gerade, wenn man Kinder hat, ist es schön, ihnen Abwechslung bieten zu können.“ Und noch etwas ist ihr wichtig: ihrer Familie zu zeigen, dass auch aus schweren Zeiten etwas Schönes bleiben kann. Das Foto von Tochter Maite zum Beispiel. Für Eva Gonzalès’ Gemälde schlüpfte die Neunjährige in die Rolle des erwachenden Mädchens, zuvor war gemeinsam das Gästezimmer hergerichtet worden, „weil nur dort die Bettwäsche passend weiß war“. Aus dem Keller holten die Spaniers ein Tischchen, das dem originalen Nachttisch ähnelt, aus dem Regal ein passendes Buch, aus dem Garten violette Blumen.

Für die selbst, sagt Diana Spanier, sei das ganze Drumherum, die gemeinsame Improvisation, vielleicht das Schönste gewesen – auch, weil sie alle zusammen kreativ werden konnten. „Maite war sofort Feuer und Flamme“, sagt sie, und auch ihr Sohn habe mitgemacht. Denn was auf dem Endergebnis nicht zu sehen ist: „Was nach einem Bettvorhang aussieht, ist in Wirklichkeit er, der knapp außerhalb des Bildes ein Laken hält.“

Auf die Aktion aufmerksam geworden war Spanier über einen Instagram-Post der Kunsthalle Bremen. Wie viele Museen, darunter das Rijksmuseum in Amsterdam, das kalifornische Paul J. Getty Museum und das Musée d’Orsay in Paris, hatte sie Anneloes Officiers Einfall aufgegriffen und dazu aufgerufen, selbst Kunstwerke nachzustellen. „Wir möchten die Quarantänezeit durch diese kreative Idee bereichern“, sagt Jasmin Mickein, Pressesprecherin des Museums. Darüber hinaus habe die Aktion einen schönen Nebeneffekt: weil es die Imitation eines Bildes erfordere, sich ungewohnt intensiv mit Kunst auseinanderzusetzen.

Jörg Peterschewski kann das bestätigen. Der Familienvater aus Bremen-Horn hat sich zusammen mit seiner Frau und Tochter Jette an dem Kunstprojekt beteiligt. „Ich fand die Idee direkt super, weil ich Kunst mag und auch selbst gern zeichne“, sagt die Zwölfjährige. Als Original guckten ihr Vater und sie „Junges Mädchen im Atelier“ des französischen Malers Henri de Toulouse-Lautrec aus, ein Gemälde, das eine junge Frau seitlich sitzend zeigt, im Hintergrund lehnen gerahmte Bilder an der Wand. Die gibt es auch in der Version von Familie Peterschewski. „Meine Frau hat die aus dem Flur geholt, Jette hat eine passende Bluse angezogen und sich die Haare gemacht.“ Etwa drei Stunden seien sie alles in allem beschäftigt gewesen, sagt Jörg Peterschewski.

Wer die Kreationen der Bremerinnen und Bremer bewundern will, hat dazu bald auch analog Gelegenheit. Dann nämlich will die Kunsthalle eine Auswahl der Werke in einer Ausstellung präsentieren.

Info

Zur Sache

Mitmachaktion der Kunsthalle

Wer an der Mitmachaktion der Kunsthalle teilnehmen möchte, kann sein Bild/seine Bilder als E-Mail-Anhang an presse@kunsthalle-bremen.de schicken. Einzige Bedingungen: Das nachgestellte Werk muss aus der Sammlung des Museums stammen. Einsehbar sind alle Gemälde und Skulpturen unter www.kunsthalle-bremen.de/online-katalog. Einsendeschluss ist der 24. Mai. Eine Auswahl der Kreationen soll in Form einer Ausstellung („Zwischen Kunst und Quarantäne“) präsentiert werden, die voraussichtlich in den Sommerferien ab Mitte Juli zu sehen sein wird.

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