Die Rollen des Mario Adorf Schurke, Schnösel, Strippenzieher

Ausgezeichnet! Beim Filmfest Braunschweig wird an diesem Wochenende der Schauspieler Mario Adorf geehrt. 90 wird der aparte Akteur im nächsten Jahr. Sein markantes Äußeres hat seine Karriere fraglos befördert.
22.11.2019, 12:48
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Schurke, Schnösel, Strippenzieher
Von Hendrik Werner

Bremen. Zuletzt weilte er Mitte Oktober auf Einladung der Radio-Bremen-Talkshow 3nach9 in der Stadt. Moderator Giovanni di Lorenzo bezeichnete ihn bei dieser Gelegenheit, wenig originell, als Super-Mario – und als einen Mann, „bei dem die Superlative nie ausgehen“. Mario Adorf, der Grandseigneur unter den deutschsprachigen Charakterdarstellern und entsprechend elegant gewandet, nahm die Hommage seines Gastgebers mit dem halb bescheiden, halb gequält anmutenden Lächeln eines Mannes hin, dem es nicht leicht fällt, hofiert zu werden. Bisweilen hat der Grad seiner Zuwendung ohnedies vor allem damit zu tun, dass er schwerhörig ist.

90 wird der in Zürich geborene, in der Eifel aufgewachsene Halbitaliener am 8. September kommenden Jahres. Als frühes Geschenk hat ihm Regisseur Dominik Wessely die Lebensdokumentation „Es hätte schlimmer kommen können“ gewidmet, die gerade mit beträchtlichem Zuspruch in den Kinos hierzulande läuft. Eine weitere Gratulation ist an diesem Wochenende fällig, wenn das Filmfest Braunschweig den aparten Akteur für sein Lebenswerk mit dem Hauptpreis „Die Europa“ ehrt – und seine bedeutsamsten Filme zeigt.

Unterdes haben Vertreter gleich dreier Orte Adorf eine letzte Ruhestätte angeboten, wie der Schauspieler unlängst gegenüber „Bild“ sagte: Sein Heimatort Mayen locke mit einem Ehrengrab, das Städtchen St. Tropez an der französischen Riviera, wo Adorf lange lebte, bekunde gleichfalls Interesse; der Münchner Waldfriedhof, zu dessen Bewohnern viele Künstler zählen, ebenso.

In seinen ersten Jahren riss sich niemand um ihn. Sein italienischer Vater, ein Chirurg, machte sich nach seiner Geburt aus dem Staub, seine Mutter, dessen Röntgenassistentin, kehrte mit dem drei Monate alten Kind in ihren Geburtsort Mayen zurück, wo sie sich als Näherin verdingte. Ihren kleinen Sohn gab sie zeitweilig in ein katholisches Waisenhaus. Adorf, der sich nicht an viele Umarmungen erinnern kann, dafür aber daran, dass sie einmal eine Schere nach ihm geworfen habe, beschreibt sie in besagter Dokumentation als „sehr zurückhaltend“. Den Soundtrack seiner frühen Jahre bildeten Geschütze der Alliierten. Mayen wurde massiv bombardiert. Der Beschuss prägte den Heranwachsenden, der im Jungvolk und in der Hitler-Jugend war. Auch deshalb, weil ihm das rare Privileg zuteil wurde, einen Tieffliegerangriff zu überleben. Ihm sei danach immer klar gewesen, im Krieg „unglaubliches Glück gehabt“ zu haben, sagte er einmal. „Das hat mir eine Grundzufriedenheit gegeben – trotz des jahrelangen Hungers, der danach noch kam.“

Den Entbehrungen der Nachkriegszeit setzte Adorf den Sättigungsgehalt von Bildung entgegen. Nach dem Absolvieren des städtischen Realgymnasiums studierte er ab 1950 an der Universität Mainz, unter anderem Theaterwissenschaften, Literatur, Musikgeschichte. Nach dem Wechsel an die Uni seiner Geburtsstadt jobbte er als Statist und Regieassistent am Zürcher Schauspielhaus. Damals muss ihn die Muse geküsst haben; er brach das Studium ab, zog nach München, wo er die Otto-Falckenberg-Schule besuchte. Nach der Schauspielausbildung war er von 1955 bis 1962 bei den Münchner Kammerspielen engagiert.

Es ist nicht zuletzt sein markantes Äußeres – durchdringender Blick unter buschigen Brauen –, dem er seinen Wechsel von der Bühne ins Filmfach verdankt. Die erste tragende Rolle, ein von allen guten Geistern verlassener Frauenmörder in dem Thriller „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957), führte dazu, dass er jahrelang vornehmlich als Psychopath oder/und Schurke gebucht wurde. So spielte er in „Winnetou“ (1963), der Tragödie erster Teil, den bösartigen Santer. Dass er in dieser Rolle Nscho-tschi, die Schwester des edlen Apachen meuchelte, wird ihm bis heute nachgetragen, wie Adorf verschiedentlich berichtet hat. Ein Beleg mehr für seine darstellerische Klasse, für seine diabolische Mimik sowieso. Ein Segen, dass ihm zumindest sporadisch andere Figuren vergönnt waren, durch deren Verkörperung er auch sein drolliges Talent unter Beweis stellen konnte, darunter den Ganoven Bruno Stiegler in Wolfgang Staudtes Kriminalkomödie „Die Herren mit der weißen Weste“ (1970).

Dass dieser Charakter den Beinamen Dandy trug, legt nahe, dass es eine Mischung aus Weltläufigkeit und Schnöseligkeit war, die Regisseure und Filmproduzenten an seinem nuancierten Spiel schätzten. Entsprechend verbreiterte sich sein Rollenspektrum: In Volker Schlöndorffs Heinrich-Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) gab er einen dubiosen Kommissar, in Schlöndorffs Günter-Grass-Adaption „Die Blechtrommel“ (1979) den Vater von Oskar Matzerath.

In den 80er-Jahren wuchs Mario Adorf, der inzwischen auch im internationalen Filmgeschäft Fuß gefasst hatte, ein weiteres Mal ein neues Image zu: als Patriarch und Strippenzieher. In Dieter Wedels ZDF-Vierteiler „Der große Bellheim“ (1993) spielte er einen Kaufhaus-König, in Wedels „Der Schattenmann“ (1996) den Unterwelt-Paten Janusz Herzog. Vor allem aber entdeckte der zigfach ausgezeichnete Charakterdarsteller sein Fabuliertalent und spürte seiner Herkunft väterlicherseits nach: „Der Dieb von Trastevere“ (1994) heißt der erste Band mit italienischen Geschichten. In ihnen versöhnt sich Mario Adorf auf oft anrührende Weise mit seiner Vergangenheit als Quasi-Halbwaise.

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