Bizets "Carmen" am Theater Bremen Von Hosen und Rollen

Musikalisch überragend ist die Neu-Inszenierung der Oper „Carmen“ von Georges Bizet am Theater Bremen. Vor allem Theresa Kronthaler in der Titelpartie sowie Luis Olivares Sandoval als Don José heimsten bei der Premiere viel Applaus ein.
22.03.2015, 14:45
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Von Hosen und Rollen
Von Iris Hetscher

„Carmen“ – ein Name, der ein derart aufgeladener Begriff ist, dass sofort eine endlose Reihe von Assoziationen losrattert, wenn man ihn ausspricht. Flamenco und glutvolle Blicke, eine Frau, die sich so sehr der Leidenschaft verschrieben hat, dass sie einen Mann dadurch zum Mord treibt, Stierkampf, Kastagnetten, spanischer Rotwein und so weiter.

Bizets 1875 uraufgeführte Oper nach einer Novelle von Prosper Mérimée ist neben der „Zauberflöte“ von Mozart und Verdis „Aida“ das wohl am häufigsten aufgeführte Musiktheaterstück der Welt. Für jede Neuinszenierung ist das Bürde wie Anreiz: Wie kann man dem Stoff gerecht werden, ohne Bekanntes nachzuplappern, aber auch, ohne seinen Grundkonflikt zu karikieren?

Anna-Maria Mahler hat in ihrer Inszenierung am Theater Bremen darauf eine Antwort gefunden. Mahler hat bereits bei ihren bisherigen drei Regie-Arbeiten am Goetheplatz („Orlando furioso“, „Die Sache Makropoulos“, „Der Blick der Tosca“) eine bemerkenswert analytisch aufgeladene Sensibilität für ganz unterschiedliche Stoffe bewiesen – das setzt sie mit „Carmen“ fort. Mahlers erster Kunstgriff: Sie hat die Handlung von jeglichem folkloristischen Schmus befreit und in einen bürgerlichen Salon der 1920er- oder 1930er-Jahre verlegt (Bühne: Duri Bischoff). Das sorgt für eine Fokussierung auf die Geschichte, deren Skelett schnell erzählt ist: Carmen verführt den Korporal Don José und entfremdet ihn nicht nur von seiner landpomeranzigen Verlobten Micaela, sondern generell von seinem bisherigen biederen Leben. Das kann nicht gut gehen: Carmen langweilt sich schnell und gibt Don José den Laufpass. Der hat sich inzwischen so sehr auf sie fixiert, dass eine Trennung für ihn den Verlust seiner Identität als Mann bedeuten würde; er kann sich nur von Carmen befreien, indem er sie ersticht.

Bei Mahler bleibt Carmen reale Figur, aber eigentlich auch wieder nicht: Sie verkörpert das, was Don José in ihr sieht – eine wandelnde Männerfantasie, attraktiv, aber auch derart heftig auf ihrer Unabhängigkeit bestehend, dass er sie nicht kontrollieren kann. Im bürgerlichen Salon war die Zofe der Mittelpunkt erotischer Männerträume, sie war untergeben und daher ausgeliefert; als arbeitende, fremde Frau im Haus aber auch von einem gewissen Geheimnis umweht. Auch Carmen (Theresa Kronthaler) und ihre Freundinnen Frasquita (Nerita Pokvytytè) und Mercédes (Nathalie Mittelbach) sind Zofen, stolz schreiten sie durch den Salon, während Don José (Luis Olivares Sandoval) nur ziellos umherschleicht. Mahler schafft es gleich in den ersten Szenen, eine nervöse Spannung zwischen den beiden Hauptakteuren aufzubauen, die sie dann immer weiter vertieft. Zum Schluss hat Carmen auch ganz wörtlich die (Torero)-Hosen an, und Don José ist so in ihrem Bann, dass er in ihrem weißen Kleid dasteht und von der Salongesellschaft verspottet wird.

Dieser stimmige inszenatorische Ansatz wird aufs Beste ergänzt von durchweg überdurchschnittlichen musikalischen Leistungen – vor allem die Hauptpartien brillieren. Theresa Kronthaler ist eine umwerfende Carmen mit vollem, leuchtendem Mezzosopran und zudem starker Bühnenpräsenz, Luis Olivares Sandoval gibt einen völlig mit der Situation überforderten Don José und schafft es mühelos, mit seinem Tenor alle Facetten von Flehen bis Drohen auszumalen, ohne dass die Gestaltung je an Kraft verliere würde. Erika Roos als Micaela kann vor allem in ihren Solopartien mit ihrem glasklaren Sopran glänzen. Schwierigkeiten mit seiner Partie hat dagegen Loren Lang als Torero Escamillo, seine Stimme wirkt mitunter belegt und leicht heiser. Durchweg gute Leistungen kommen vom Rest des Ensembles, fast schon unheimlich tadellos wie immer der Opernchor (Leitung: Daniel Mayr) und der Kinderchor (Leitung: Jinie Ka).

Für die Bremer Philharmoniker unter dem Dirigat von Markus Poschner ist Bizets facettenreiche, häufig ornamentale, aber immer leicht wirkende Musik ein Frühlingsspaziergang, bei dem sie hörbar viel Spaß haben. Poschner geht die Sammlung von Greatest Hits der Operngeschichte mit viel Schwung an, spielt aber auch mit dem Tempo und setzt die Bläser in ihren Soli eindrucksvoll in Szene. Viel Applaus zum Schluss vor allem für die Sänger, die beiden Chöre und das Orchester.

Die nächsten Termine: 31.3., 19.30 Uhr; 3.4., 18 Uhr; 12.4., 15.30 Uhr

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