Neu im Kino Woody Allens ambivalentes Alterswerk

„A Rainy Day in New York“, der 50. Film von Woody Allen, ist ein gleichermaßen gelungenes und problematisches Lustspiel.
04.12.2019, 13:11
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Woody Allens ambivalentes Alterswerk
Von Hendrik Werner

Bringen wir den unabwendbaren Kalauer rasch hinter uns: Ja, „A Rainy Day in New York“, der jüngste Film von Woody Allen, plätschert tatsächlich in ähnlich behäbiger Weise dahin, wie es die ersten Rezensionen dieses Spätwerks besagen. Und: Nein, das beeinträchtigt die Güte der gut anderthalbstündigen Vorführung dieses Werks allenfalls bedingt. Noch immer können sich Zuschauer in den Gesellschaftskomödien des 64-Jährigen angesichts des schier endlosen Geplauders, das ebenfalls etwas von einem warmen Sommerregen hat, behaglich im Kinosessel zurücklehnen.

Auf den Inhalt der Wortwechsel – die Kultur (zumal das Filmgeschäft), New York einst und jetzt, das Wetter – kommt es nämlich nicht so sehr an. Vielmehr auf die ebenso skurrilen wie unabsehbaren Situationen, in denen sie sich ereignen. Nach der Effet-Wurftechnik eines Baseball-Pitchers werden Lustspiele zuverlässig dann mit dem Ehrentitel Screwball bezeichnet, wenn sie unablässige Dialoge, exzentrische Figuren oder/und unwägbare Handlungen vorführen, die das Zeug zur Farce haben.

In seinem 50. Film erweist Woody Allen mithin dem Kino der 1930er- und 1940er-Jahre seine Reverenz, der massiven Hoch-Zeit der Screwball-Komödie. Dazu passt, zumindest zeitlich, punktgenau der einmal mehr ebenso eingängige wie harmonische Soundtrack, der unter anderem anheimelnde Songs von Irving Berlin, Erroll Garner und Charlie Parker versammelt, die das hohe Tempo der vorgeführten libidinösen Irrungen und Wirrungen auf angenehme Weise konterkarieren.

Penetranter Subtext

Apropos: Wie ein Treppenwitz der jüngeren Kinogeschichte mutet der Umstand an, dass der in Verruf geratene Mr. Allen ausgerechnet in einer Schaffensphase, die ihn nach vielen in Europa entstandenen Arbeiten wieder verstärkt zu seinen künstlerischen Ursprüngen nach New York führt, derzeit in den USA massiver Kritik ausgesetzt ist.

Die Missbrauchsvorwürfe seiner Adoptivtochter Dylan Farrow, die übrigens schon viele Jahre vor der #MeToo-Debatte wiederholt geäußert wurden, haben etliche prominente Schauspieler, darunter Sir Michael Caine und Colin Firth, dazu gebracht, ihre Zusammenarbeit mit dem dreifachen Oscar-Preisträger wahlweise aufzukündigen oder aber öffentlich zu bereuen.

Damit nicht genug: In den USA sind Vorführungen des Films einstweilen nicht vorgesehen; Amazon hat einen vier Filme umfassenden Vertrag mit dem Regisseur annulliert; Darsteller wie Timothée Chalamet, Rebecca Hall und Selena Gomez spendeten ihre Gagen an #MeToo-Initiativen. Das ist insofern sinnig, als der penetrante sexuelle Subtext von „A Rainy Day in New York“ (samt Angrabbeln und anzüglicher Altherrenrhetorik) im Kontext der anhängigen Vorwürfe zumindest eines ist: ziemlich abgeschmackt.

Weder nach Regen noch nach Farce sieht es zu Beginn des Films aus: Das Studentenpärchen Gatsby (Timothée Chalamet) und Ashleigh (Elle Fanning) plant – bei überpointiertem Sonnenschein auf dem lauschigen Campus des Colleges Yardley – in der akademischen Provinz (Upstate New York) einen Trip gen großer Apfel. Ashleigh darf dort für die Uni-Zeitschrift den berühmten Arthouse-Regisseur Roland Pollard (grandios abgerockt: Liev Schreiber) interviewen.

Doch die als sentimentale Reise mit Übernachtung konzipierte Exkursion entgleitet den beiden Twentysomethings wiederholt: Ashleigh wird nicht nur mit den Neurosen des notorisch flüchtigen Filmemachers konfrontiert, sondern überdies mit den Eheproblemen des von Jude Law grenzhysterisch verkörperten Drehbuchautors und mit den Avancen eines virilen Schauspielstars.

Jazz-Fachsimpeleien

Der nicht ganz so große Gatsby wiederum, der an diesem fürwahr sehr verregneten Tag Shannon (Selena Gomez) begegnet, der jüngeren Schwester seiner früheren Freundin, engagiert für eine Gala seiner Mutter als Begleitung eine Prostituierte, weil er die notorisch abgängige und entsprechend unerreichbare Ashleigh über weite Passagen des Films nicht aufzuspüren vermag. Außerdem frönt er seiner großen Leidenschaft, dem Glücksspiel, besucht mit Shannon das Metropolitan Museum, fachsimpelt über Größen des Bar-Jazz, sitzt auch einmal selbst am Klavier (samt bemerkenswertem Gesang) – und unternimmt gegen Ende des Films sogar noch eine Kutschfahrt durch den Central Park. Woody Allens kompakte New-York-Hommage schwelgt in allerlei Einrichtungsdetails und bildungsbürgerlichen Anekdoten.

Der geneigte Zuschauer erfährt, dass SoHo, das frühere Künstlerviertel im Süden Manhattans, schon eine lange Weile nicht mehr hip ist, weil erst alle Akteure nach Tribeca und später nach Brooklyn gegangen sind und mittlerweile wieder bei ihren Müttern wohnen, weil die Gentrifizierung die Mieten hat explodieren lassen. Nicht immer ist das unentwegte Gerede sonderlich originell, oft allerdings ziemlich charmant. Wie überhaupt all jene Strecken des Films, die nicht von der Anbetung handeln, die Männer in der Kinobranche erfahren.

Die Ambivalenz dieses gleichermaßen gelungenen wie problematischen Alterswerks macht es schwer, den Film vorbehaltlos zu loben oder blank zu tadeln. Sie muss und sollte aushalten, wer die Werkgeschichte des begnadeten Regisseurs in den vergangenen Jahrzehnten wohlwollend verfolgt hat. Dass Vita und Werk von Künstlern untrennbar sind, souffliert „A Rainy Day in New York“ in jeder einzelnen Minute.

Der Film läuft in Schauburg und Gondel.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+