Weihnachtsmärchen der Landesbühne Pippi ist arbeitslos

Die Landesbühne Niedersachsen Nord stellt sich auf einen Millionenverlust ein. 30 Vorstellungen ihres Weihnachtsmärchens „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“ sind bereits ausgefallen.
21.11.2020, 19:40
Lesedauer: 4 Min
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Pippi ist arbeitslos
Von Martin Wein

Eine wie Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf wünscht sich eigentlich jede und jeder zur Freundin. Die Neunjährige ist stark, selbstbewusst, kreativ und immer für Ihre Freundinnen und Freunde da. Kontaktbeschränkungen passen nicht in ihr Weltbild. Zum neuerlichen Teil-Lockdown im November fällt aber selbst der schwedischen Nonkonformistin kein Ausweg ein.

Eigentlich wollte sie im Weihnachtsmärchen der Landesbühne Niedersachsen Nord alle zum Weihnachtsfest in die Villa Kunterbunt einladen. „Aber jetzt ist selbst Pippi Langstrumpf arbeitslos“, sagt Landesbühnen-Verwaltungsdirektor Torben Schumacher etwas sarkastisch. 30 Vorstellungen im Spielgebiet zwischen Papenburg, Vechta und Wilhelmshaven für November sind bereits abgesagt. Und die Hoffnung schwindet, dass wenigstens die 40 Termine im Dezember stattfinden können. Dabei ist das Stück „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“ fertig produziert. „Wir können es aber ja kaum zu Ostern bringen“, sagt Schumacher.

Am Sitz der Bühne an der Peterstraße in Wilhelmshaven merkt man auf den ersten Blick wenig vom Lockdown, auch wenn einige Abteilungen und das Ensemble des Weihnachtsmärchens in Kurzarbeit geschickt wurden. In seinem Büro überlegt Intendant Olaf Strieb mit seinem Verwaltungschef, wie es weitergehen soll. „Wir produzieren unsere Stücke konzentriert in einem sehr engen Zeittakt. Diese Routine behalten wir auch jetzt bei“, sagt Strieb. Agatha Christies „Zeugin der Anklage“, Elfriede Jellinecks „Wolken.Heim“ oder eben Pippi – alle Stücke sollen spielbar sein, wenn sich der Vorhang wieder hebt. Die Politik mit fast wöchentlich neuen Beschlüssen macht den Theaterleuten dabei am meisten zu schaffen. „Viel lieber wäre mir eine klare Ansage, wie es im Dezember und Januar weitergeht. Damit wir planen können, welche Produktionen wir überhaupt brauchen“, sagt Strieb.

Für das Ensemble war das neuerliche Spielverbot Anfang November wie für alle in der Branche eher überraschend gekommen. Nach der ersten Zwangspause von 3,5 Monaten im Frühjahr hatte sich eben eine neue Normalität eingestellt. Statt 514 Eintrittskarten hatte man im Haupthaus in Wilhelmshaven nur noch 132 Tickets pro Vorstellung verkauft. Nach anfänglichem Zögern der Zuschauer waren dann viele Vorstellungen fast ausverkauft. Von den 900 Abonnenten war nur jeder Zehnte aus Angst vor dem Virus oder aus anderen Gründen abgesprungen. Künstlerisch machte man dafür erhebliche Zugeständnisse. „Wir haben alle Stücke konsequent auf 90 Minuten ohne Pause gekürzt“, erklärt Strieb, der das Theater seit 2013 leitet. So konnte die Bühne vor allem an ihren anderen Spielorten immer zwei Vorstellungen pro Abend anbieten – ohne das den örtlichen Veranstaltern doppelt zu berechnen.

Auf der Bühne habe sich in den Proben eine einzigartige Corona-Ästhetik entwickelt. Wie von unsichtbaren Kräften ferngehalten, bewegten sich Caroline Wybranietz und Robert Zimmermann in der ersten Inszenierung unter Abstandsgebot als Liebende im Drama „Eine Sommernacht“ in physischer Distanz vorbildlich 1,5 Meter umeinander herum, wenn sie sich eigentlich näher gekommen wären. Das alles hat zusammen mit dem großen 50-Sitzer-Reisebus für die fahrenden Ensembles und mit einem separaten Kleinbus für die Techniker dazu geführt, dass sich in der gesamten Belegschaft noch niemand mit dem Virus angesteckt hat. Auch unter den Zuschauern sei nichts von einer Infektion im Theater bekannt, sagt Schumacher – ebenso wie bei allen anderen Theatern in Deutschland.

Dass all diese Maßnahmen die politisch Verantwortlichen im Land nicht überzeugt haben, den Betrieb weiterlaufen zu lassen, schmerzt die Theater-Macher in Wilhelmshaven erheblich. Zwar wird die Landesbühne mit ihrem – verglichen zu anderen Häusern – winzigen Etat von 6,5 Millionen Euro im Jahr zu 70 Prozent vom Land und den Kommunen des Zweckverbands finanziert. Trotzdem sind auch die wirtschaftlichen Folgen erheblich. Schumacher hatte schon ohne den Teil-Lockdown im November bei den Eintrittsgeldern mit einem Minus im einstelligen Millionenbereich kalkuliert. „November und Dezember sind unsere umsatzstärksten Monate“, sagt er. Wenn Weihnachten und Silvester nichts läuft, wird die Bilanz noch erheblich trüber ausfallen. Bislang könne man das immerhin mit eingesparten Transportkosten und Kurzarbeitergeld auffangen. Wenn am Ende der Krise die öffentliche Hand die hohen Kosten ihrer zahlreichen Hilfsprogramme verdaut, könnte aber unter den Kommunen des Zweckverbands die bislang hohe Unterstützung für die Landesbühne bröckeln.

Im Frühjahr haben sie in Wilhelmshaven versucht, alternativ mit digitalen Angeboten Theater zu machen. Sechs Wochen lang wurden jeden Abend aus der Studiobühne am Bontekai Auftritte regionaler Künstler gestreamt. Ensemble-Mitglieder lasen im Homeoffice alle 15 Bände von Ovids Metamorphosen. Die Aufzeichnungen sind noch bei Youtube abrufbar. Die technischen Möglichkeiten aber waren begrenzt und die Abrufzahlen unter den durchschnittlich älteren Stammzuschauern der Landesbühne freundlich ausgedrückt überschaubar.

„Die Menschen wollen Theater live erleben“, sagt Intendant Strieb. So wird auch Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf wohl nicht von Wilhelmshaven aus ins Internet ausweichen. Aber sie wäre nicht Pippi, wenn sie nicht doch einen Ausweg sähe. Vielleicht holt sie ihren Auftritt im Weihnachtsmärchen einfach im nächsten Winter nach – dann hoffentlich ohne Kontaktverbote.

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