Erdnüsse zum Selberzapfen Lebensmittel ohne Verpackungsmüll bei „Selfair“

Am Mittwoch eröffnet sein Geschäft im Bremer Viertel: Demirkapi will im "Selfair" Lebensmittel ohne Plastikverpackungen verkaufen und so das Verständnis hierfür bei seinen Kunden ändern.
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Von Silvia Pucyk

Am Mittwoch eröffnet sein Geschäft im Bremer Viertel: Demirkapi will im "Selfair" Lebensmittel ohne Plastikverpackungen verkaufen und so das Verständnis hierfür bei seinen Kunden ändern.

Der Müslibehälter hängt wackelig an der Wand. So viel steht fest. Die Kon­struktion, die Selcuk Demirkapi aus Holz gebaut hat, droht umzukippen. Also noch ein Versuch. Demirkapi bohrt mehr Schrauben in den Holzbalken. Jetzt hängt nicht nur das Müsli in seinem Glasbehälter fest an der Wand, sondern auch der Reis und die Pinienkerne.

Der 31-Jährige drückt auf einen der Behälter, und schon rieseln die Erdnüsse in ein Einmachglas, das er unter die Öffnung des Spenders hält. Die Glasbehälter erinnern an Zapfgeräte, nur dass in diesem Fall kein Bier herausströmt, sondern Nüsse. Demirkapi dreht das Einmachglas zu. Fertig.

Ein Geschäft ohne Plastikverpackungen

Sein Lebensmittelladen „Selfair“, der am Mittwoch im Viertel eröffnet, will ohne Plastikverpackungen auskommen. „Die Kunden können Gläser oder andere Verpackungen mitbringen und die Lebensmittel direkt in die Gefäße füllen“, erklärt Demirkapi. Für all jene, die keine Einmachgläser, Brotdosen und Schachteln zum Einkaufen haben oder sie zu Hause vergessen, hält Demirkapi Einmachgläser ab 90 Cent bereit.

Papiertüten gibt es kostenlos. Der Kunde füllt die gewünschten Lebensmittel selbst ab und beschriftet sie mit der entsprechenden Nummer. An der Kasse wird der Einkauf dann gewogen. „Der Kunde entscheidet selbst über die Menge, die er einkaufen möchte. Dadurch werden in den Haushalten weniger überflüssige Lebensmittel weggeworfen.“

Die Idee für den verpackungsfreien Laden kam Demirkapi im Gespräch mit seinen Freunden. Der studierte Wirtschaftspsychologe diskutierte damals im Freundeskreis über gesunde Nahrung und deren Herstellung. „Wir haben uns gefragt, ob wir Lebensmittel wirklich in Plastik einpacken müssen.“

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Den Studenten war schnell klar, dass Plastik die Umwelt belastet und Lebensmittel ohne Verpackungen angeboten werden sollten. Seitdem ließ dieser Gedanke Demirkapi nicht mehr los. „Ich dachte mir, wenn es mir gelingt, ein gutes Konzept aufzustellen, mache ich mich im Lebensmittelhandel selbstständig.“ Das Konzept war schnell ausgearbeitet, dabei konnte Demirkapi auf die Erfahrung seiner Familie setzen, die schon lange im Lebensmittelbereich tätig ist.

Sein eigener Lebensmittelladen sollte aber nicht wie all die anderen Supermärkte werden. Demirkapi setzt auf Nachhaltigkeit. Viele Produkte in seinem Laden kommen aus der Region, im Weinregal stehen nur deutsche Weine. Nicht alle Waren in den Regalen tragen das Bio-Siegel.

„Bevor ich eine in Plastik verpackte Bio-Gurke anbiete, verkaufe ich lieber eine regionale Gurke, die nicht in Plastik eingeschweißt ist“, erklärt Demirkapi. Auf rohes Fleisch und Milch verzichtet Demirkapi. Dafür kann der Kunde an der Feinkosttheke gefüllte Peperoni und andere Spezialitäten auswählen.

Ganz ohne abgepackte Lebensmittel geht es nicht

Doch gänzlich ohne vom Handel abgepackte Lebensmittel kommt auch Demirkapi nicht aus. Im Regal stehen Gläser mit Wiener Würstchen, Mais und Marmelade. Es gibt Zartbitterschokolade und Ingwertee – alles in vorgefertigten Packungen. Aber auch hier setzt Demirkapi auf Nachhaltigkeit.

„Die Chips sind nicht in Plastik eingepackt, sondern in einer Papiertüte.Das Toilettenpapier trägt der Kunde nicht in einer Plastiktüte, sondern in einem Karton und das Marmeladenglas wäscht der Kunde zu Hause aus und bringt es das nächste Mal zum Abfüllen mit“, erklärt er. Seine Waren bietet Demirkapi, wie er selbst sagt, zu einem „fairen Preis“ an. Mit den großen Supermarktketten könne er jedoch nicht mithalten.

„Die bestellen Lebensmittel in viel größeren Mengen und können so günstigere Angebote machen“, erklärt er. Dafür hätten viele Kunden nach einem Einkauf in konventionellen Supermärkten das Problem, dass bei ihnen zu Hause die Mülleimer mit Verpackungen überquellen. „Der Kunde kann selbst entscheiden, wie er einkaufen will. Er kann den Händler durch sein Einkaufverhalten zwingen, weniger Verpackungsabfälle zu produzieren.“

"Der Kunde hat viel mehr Einfluss, als er denkt"

Von der Macht des Verbrauchers ist auch Annette Siegert vom Bremer Naturschutzbund Nabu überzeugt. „Der Kunde hat viel mehr Einfluss, als er denkt. Wenn er im Supermarkt nachfragt, warum der ganze Plastikmüll sein muss, zwingt das die Händler zum Umdenken.

Das passiert aber nur, wenn der Kunde Druck macht.“ Plastik sei zu einem großen Problem für die Umwelt geworden. „Es dauert lange, bis Plastik verrottet. In den Meeren fressen Fische Mikroplastik und spätestens dann kommt es über die Nahrungskette zu uns zurück“, erklärt Siegert.

Dass Verpackungen für Lebensmittel allerdings durchaus ihren Sinn haben können, weiß Andreas Krämer, Sprecher der Rewe Group. „Plastikverpackungen bieten nicht nur eine wichtige Schutzfunktion und erfüllen Hygieneanforderungen, sondern sie geben dem Kunden wichtige Informationen über die Haltbarkeit des Produkts und Allergene. Wo immer es geht, sollte auf Plastik verzichtet werden, aber leider ist das nicht bei allen Lebensmitteln möglich.“

Ein neues Verständnis bei den Kunden

Demirkapi will mit seinem Laden die Kunden von einem neuen Verständnis im Umgang mit Lebensmitteln überzeugen. „Hier kann man die Nahrungsmittel viel genauer ansehen. Das gibt dem Kunden ein ganz anderes Einkaufsgefühl.“ Ein paar Tage vor der Eröffnung bleibt Demirkapi noch einiges zu tun. Einen ersten Kunden hatte er aber schon, erzählt er: „Ein Rentner kam hier rein, der einkaufen wollte. Er sagte, so einen Laden kenne er von früher.“

Selfair: Vor dem Steintor 189 (Ecke St.-Jürgen-Straße und Lüneburger Straße), Eröffnung am Mittwoch, 5. Oktober, um 10 Uhr.
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