Kommentar über Hochhäuser in Bremen

Nach oben ist noch Luft

Die Stadt insgesamt kann wollen, dass in die Höhe gebaut wird, solange das eine kluge Wahl ist. Dann darf sie aber nicht bei lokalem Widerstand einknicken, meint Chefreporter Jürgen Hinrichs.
06.03.2019, 21:36
Lesedauer: 3 Min
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Nach oben ist noch Luft
Von Jürgen Hinrichs

Der Turmbau zu Bremen, so lässt sich knapp und griffig fassen, was von den Plänen für das Sparkassen-Gelände am Brill durchgesickert ist. Vier Türme, die der Architekt Daniel Libeskind wie die Orgelpfeifen aufstellen will. Das höchste Gebäude erreicht fast 100 Meter und kommt damit an den Dom heran. Ein fürwahr kühner Entwurf, dessen Details freilich noch nicht bekannt sind.

Die Geheimniskrämerei ist ein Ärgernis, denn so schießen die Spekulationen ins Kraut, und es entspinnt sich eine Diskussion, die mangels Grundlage nicht fruchtbar sein kann. Sie reduziert sich auf Höhe, weniger auf Anmutung, Architektur und Einbindung. Das aber sind die entscheidenden Kriterien. Höhe ist kein Selbstzweck, sondern idealerweise kluge Wahl, Ausdruck und Geste, Ästhetik, zuletzt auch Funktion. Sie muss in ihrer Umgebung nicht beherrschend wirken, darf das aber, wo es gewollt ist. Erst nach so einer differenzierten Betrachtung, die Ort, Form, Material und Inhalt einschließt, kann das Urteil profunde sein. Bauen oder bleiben lassen?

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Dass die Libeskind-Türme zunächst einmal mit Argwohn betrachtet werden, hat nicht nur damit zu tun, dass man sie im Grunde noch nicht kennt. Es ist auch dieses Geschmäckle, das den Plänen anhaftet. Die Investoren wollten plötzlich deutlich mehr Bauvolumen als mit der Stadt vereinbart. Sie pfiffen darauf, dass es seinen städtebaulichen Wettbewerb gegeben hat, aus dem ein Sieger hervorging, der jetzt eigentlich zum Zuge kommen müsste. Die Empörung war programmiert, und wie dämmt man sie ein? Mit einem Namen von Weltrang. Daniel Libeskind trat auf die Bühne und durfte dem Bremer Senat im Rathaus sogleich seine Aufwartung machen. Das ist ziemlich durchtrieben, am Ende aber auch durchsichtig.

Ein Furor, der jedes Maß verliert

Die Entwürfe des Architekten, so sie denn schon welche sind und sich nicht in Skizzen erschöpfen, müssen deswegen nicht schlecht sein. Libeskind baut extravagant, eine Note, die den Neubauten in Bremen fehlt. Die Stadt braucht an der einen oder anderen Stelle einen Solitär, einen Hingucker. Der kann hoch sein, breit, bunt oder schillernd, wie's eben passt und als spannend und anregend empfunden wird. Den Turmbau zu Bremen vorschnell als spinnert abzutun, wäre deshalb falsch. So wie es verkehrt wäre, ihn auf Höhe und Volumen zu reduzieren. Es kommt auf die Qualität an, und die steht noch in den Sternen.

Anders ist es mit den Plänen für die Gebäude auf dem ehemaligen Gelände der Deutschen Bundesbank. Sie sind ausgefeilt und können gut nachvollzogen werden. Ein Dreivierteljahr her, dass die Entwürfe öffentlich wurden, kaum jemand, der damals Kritik daran übte, im Gegenteil: Es gab Lob, speziell von der Senatsbaudirektorin.

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Nun wird aber doch noch mobilisiert, mit einem Furor, der im wahren Sinne des Wortes jedes Maß verliert. Die Gegner des Projekts sprechen von einer „Vergewaltigung des Viertels“ und erinnern allen Ernstes an die Mozarttrasse, eine breite Schneise mitten durch das Ostertor, die vor bald 50 Jahren auf so erbitterten Widerstand stieß, dass sie nie gebaut wurde.

Nicht die Pläne insgesamt werden verdammt, wie auch, verglichen mit dem Trumm der Bundesbank, der mit hohen Zäunen abgesperrt ist, können Gebäude mit weniger Masse und viel Grün drumherum nur ein Gewinn sein. Doch es gibt in dem Ensemble ja auch noch ein Hochhaus. Es soll 14 Etagen bekommen. Der Anfang vom Ende, meint die Bürgerinitiative. Ein Angriff auf die gewachsene Struktur des Viertels, schimpft sie. Eine Vergewaltigung.

Wacker für die Sache streiten

Das ist, mit Verlaub, barer Unsinn. Der Ort, um den es geht, ist nicht mitten im Viertel, er liegt am Rand, auf der Grenze zur Bahnhofsvorstadt. Das Hochhaus passt dort hin. Die Qualität stimmt, die Proportionen auch. Alles bestens. Mit der Höhe, das ist wahr, kommt Verdichtung, kommen mehr Menschen, die in dem Quartier wohnen. Ist es das, was stört?

Die Stadt insgesamt, die wachsende Stadt, wie der Senat stets proklamiert, muss ein Interesse daran haben, dort neue Wohnungen zu schaffen, wo in der unmittelbaren Umgebung bereits welche sind. Die Stadt insgesamt kann wollen, dass in die Höhe gebaut wird, solange das eine kluge Wahl ist. Die Stadt sollte wacker für ihre Sache streiten und nicht, wie es vor vier Jahren mit einem Hochhausprojekt an der Weser in Vegesack passiert ist, sofort einknicken, wenn Proteste laut werden. Die Stadt, das sind die Bürger, alle Bürger. Sie nehmen das Ganze in den Blick, nicht nur einen Teil, und setzen sich durch, wenn es nötig ist.

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