Erstmals in Bremen Neue Lehrgänge sollen Einsatz ausländischer Pflegekräfte erleichtern

Spezielle Lehrgänge sollen schnellere Integration ausländischer Fachkräfte in Kliniken erleichtern. Diese Lehrgänge gibt es nun erstmals in Bremen. Mo'ath Alnajjar aus Jordanien ist der erste Teilnehmer am RKK.
15.12.2019, 20:40
Lesedauer: 3 Min
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Neue Lehrgänge sollen Einsatz ausländischer Pflegekräfte erleichtern
Von Sabine Doll

Mo‘ath Alnajjar zeigt auf das Bremer Haus mit dem lila Anstrich. „Dort drüben ist die Wohngemeinschaft, in der ich zurzeit lebe.“ Nur knapp fünf Minuten sind es zu Fuß, bis der 32-Jährige an seinem Arbeitsplatz angekommen ist. Das ist Station 5b im Rotes-Kreuz-Krankenhaus (RKK) in der Neustadt. Die Klinik hat die WG, die fünf Bewohnern Platz bietet, eingerichtet. Und sie sucht derzeit nach weiteren Unterkünften für Pflegekräfte, die wie Mo‘ath Alnajjar aus Jordanien kommen und demnächst einen sogenannten Anpassungslehrgang in dem Krankenhaus absolvieren.

„Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass die Abschlüsse von Pflegekräften aus dem Ausland anerkannt werden und sie danach in ihrem Beruf auch bei uns arbeiten können“, sagt Barbara Scriba-Hermann, pflegerische Geschäftsführerin des Neustädter Krankenhauses. „Seit dem 1. November sind solche Lehrgänge für ausländische Pflegekräfte erstmals nun auch in Bremen möglich – die Gesundheitsbehörde hat dem RKK über die Bremische Schwesternschaft vom Roten Kreuz die Genehmigung dafür erteilt.“

Vorgaben für die Anerkennung

Mo‘ath Alnajjar kommt aus Jordaniens Hauptstadt Amman, der 32-Jährige ist der erste Teilnehmer dieses Lehrgangs. Weitere 30 Frauen und Männer, die in dem arabischen Land als Pflegekräfte ausgebildet wurden und dort gearbeitet haben, sollen im Laufe des kommenden Jahres folgen. Sie sind von der Schwesternschaft bei Bewerbungsgesprächen im Februar dieses Jahres in Jordanien angeworben worden.

Pflegeheime, ambulante Dienste und Krankenhäuser suchen händeringend Pflegekräfte – nicht nur in Bremen. Und der Bedarf wird laut Scriba-Hermann noch wachsen. „Die steigende Lebenserwartung einerseits und fehlender Nachwuchs in allen Bereichen der Pflege andererseits erfordern deshalb zusätzliche Konzepte, um die Versorgung sicherstellen zu können.“ Eines dieser Konzepte setzt auf die Rekrutierung ausgebildeter Pflegekräfte aus dem Ausland. Allerdings können sie nicht einfach in Kliniken, Heimen oder bei Pflegediensten eingesetzt werden.

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„Neben ausreichenden Sprachkenntnissen und einem Visum wird von den deutschen Behörden in jedem Einzelfall geprüft, ob die Kenntnisse für die Arbeit ausreichen beziehungsweise ob noch etwas fehlt für die Anerkennung der Abschlüsse“, so Scriba-Hermann. Die Behörden stellen nach der Überprüfung einen sogenannten Defizitbescheid aus, in dem der individuelle Schulungsbedarf festgelegt wird. Die Antragsteller können dann zwischen einer sogenannten Kenntnisprüfung oder einem Anpassungslehrgang wählen, um diese Defizite aufzuholen. Soweit die Theorie: Bis zum 1. November dieses Jahres gab es in Bremen allerdings nur die erste Option – die Kenntnisprüfung.

„Das hatte einige Nachteile: So ist die Anzahl der Plätze in den Kursen für die Prüfung limitiert, und die Kurse beginnen zu bestimmten Zeitpunkten, was Wartezeit bedeutet. Außerdem ist die Kenntnisprüfung vor allem auf den Nachweis des Fachwissens fokussiert“, so Scriba-Hermann. „In den Anpassungslehrgängen dagegen sind die Bewerber als ‚Gesundheits- und Krankenpfleger in Anerkennung‘ in der Klinik angestellt. Sie werden schrittweise in die Praxis eingeführt, lernen die Abläufe auf den Stationen, lernen das Team und die Patienten kennen.“ Parallel dazu erhalten sie täglich etwa eine Stunde Unterricht zu fachbezogenen Themen, um sprachlich und inhaltlich fit zu werden. „In der vergangenen Woche etwa hatte Moa‘th Alnajjar das Thema Übergabe von Patienten in diesen Unterricht mitgebracht“, nennt Ulrike Frers als Beispiel. Die Pflegepädagogin ist zuständig für diesen Unterricht.

Uni-Abschluss in Jordanien

Die Dauer der Anpassungslehrgänge ist unterschiedlich, sie wird von der Behörde festgelegt. „In der Regel sind es mehrere Monate, das kommt auf den festgestellten Bedarf an“, sagt die Pädagogin. Sechs Monate sind es bei Mo‘ath Alnajjar, am Ende des Lehrgangs folgt eine Prüfung, die in dem Krankenhaus abgenommen wird. Der 32-Jährige hat vier Jahre an einer Universität in Amman studiert und dort seinen Bachelor-Abschluss als examinierte Pflegekraft gemacht. „Danach habe ich fünf Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet. In Jordanien haben examinierte und studierte Pflegekräfte mehr Kompetenzen, sie übernehmen zum Beispiel auch einfachere ärztliche Tätigkeiten, wie das Legen von Infusionen“, erzählt der 32-Jährige. Andere Unterschiede, die dem Jordanier aufgefallen sind: „Die Bürokratie, also die Dokumentation, ist in deutschen Kliniken aufwendiger.“

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Die Bremische Schwesternschaft hat laut Scriba-Hermann das Konzept für die Anpassungslehrgänge gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde erarbeitet. „Damit stehen jetzt endlich neben der Kenntnisprüfung mehr Kapazitäten für die Gewinnung von Pflegefachkräften aus dem Ausland in Bremen zur Verfügung.“ Mo‘ath Alnajjar wird nach seiner Prüfung als anerkannter examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger an der Neustädter Klinik arbeiten. „Ich möchte in Bremen bleiben“, sagt der 32-Jährige. „Um mich in meinem Beruf weiter zu qualifizieren. Das ist noch nicht das Ende meiner Ausbildung.“

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