Craft-Bier-Boom in Bremen O’zupft is: 50 Freiwillige ernten Hopfen in der Überseestadt

Die Bremer Gemüsewerft machte Hopfenpflücken am Sonntag erstmals zum Gemeinschafts-Spektakel. 50 Freiwillige unterstützten die Braumanufaktur - und bekamen als Dank Freibier ausgeschenkt.
17.09.2017, 19:06
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O’zupft is: 50 Freiwillige ernten Hopfen in der Überseestadt
Von Klaas Mucke

Die Fingerspitzen riechen intensiv. Nach Zitrone, ein wenig nach Knoblauch, auch etwas herb: Sellerie vielleicht. Michael Scheer hält seine Finger unter die Nase und sagt: „Ananas“. Der Leiter der Gemüsewerft Bremen steht dabei auf einer Leiter und pflückt die letzten Ranken des Centennial-Hopfen ab. „Aber es riecht auch jeder etwas anderes.“

Auf der alten Industriebrache in der Überseestadt wächst allerlei Gemüse in großen Holzkisten. Rote Beete, Kohlrabi, Tomaten. Am Holzgestell ranken am Sonntagmorgen noch die Hopfenpflanzen in die Höhe. Die hat Scheer dort gemeinsam mit Markus Freybler angebaut, der den Hopfen für Biere seiner Bremer Braumanufaktur verwendet. Nun steht Scheer auf einer Leiter und schneidet die Triebe ab, an denen die Dolden wachsen. Denn Scheer und Freybler hatten am Sonntag zum ersten Mal zum gemeinschaftlichen Hopfenzupfen auf die Gemüsewerft eingeladen.

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Gut 200 Stunden lang hatten sie im vergangenen Jahr gezupft. Zu fünft. Da hatten sie in der Gemüsewerft in Gröpelingen und in der Überseestadt rund 200 Hopfenpflanzen stehen. Seither haben sie die Anbaufläche vergrößert, auf mehr als 400 Pflanzen. „Wir haben ein bisschen Angst, dass wir die Ernte nicht schnell genug einfahren können“, hatte Scheer im August gesagt. „Deswegen machen wir uns dieses Jahr einfach einen schönen Tag mit netten Leuten.“

Das erste Bier um 11 Uhr

Und diesmal geht es schnell mit dem Zupfen. Rund 50 Menschen sind gekommen, sitzen am Sonntag auf Holzbänken in der Mitte des Stadtgartens und trennen mit ihren Fingerspitzen die Dolden vom Stil, um sie in kleinen Kisten zu sammeln.

Die Wetterkarte hatte düster ausgesehen für diesen Tag: dunkle Wolken, Regentropfen, Blitze. Doch als die ersten Gäste bei der Gemüsewerft eintreffen, ist der Himmel blau. Die Sommersonne ist so warm, dass sich auf einigen Stühlen die Jacken türmen und um 11 Uhr die ersten kühlen Biere über den Tresen gehen. Ein Indian Pale Ale und ein Kräusen von Freyblers Braumanufaktur schenken sie hier für die Helfer aus. Einige Dolden zupfen, einen Schluck trinken, das Gesicht in die Sonne halten. So hatte Michael Scheer sich das vorgestellt. „Wir machen Bildungsurlaub: meditatives Hopfenzupfen“, sagt Silke Behring und lacht. Sie ist gemeinsam mit Christoph Hämmerling nach einer Radtour aus Walle gekommen. Markus Freybler hatte sie eingeladen, weil sie bei ihm im vergangenen Jahr in einem Brauseminar ihr eigenes Bier hergestellt hatten. „Jetzt wollen wir mal gucken, wie das so geht“, sagt Hämmerling.

Eineinhalb Kilogramm Hopfen für 100 Liter Bier

Es ist schnell gelernt: Die Dolden von der Ranke trennen. Ohne Stiel. Die Reste der Pflanze in die große Kiste: Kompost. Die Dolden in die kleine Kiste. Von dort geht es für sie zum Trocknen. In einem großen Überseecontainer haben Freybler und Scheer einen Trockenraum eingerichtet. Unter breite Holzrahmen haben sie feines Papier getackert, auf dem die frischen Hopfen flach lagern. Die Rahmen schieben sie wie Schubladen in ein großes Regal im Container. Etwa zehn, zwölf Tage trocknen sie dort. Um halb eins, nach eineinhalb Stunden zupfen, sind alle Centennial-Pflanzen gepflückt – mehr als zehn Kilogramm frischer Hopfen.

Beim Trocknen verlieren die Dolden gut 75 Prozent ihres Gewichtes, erklärt Freybler. Aus eineinhalb Kilogramm getrocknetem Hopfen könne man gut 100 Liter Bier brauen, sagt Freybler. Die Sorte Centennial wird er mit Cascade und Chinook mischen. Es sind die wichtigsten Hopfensorten der Craft-Bier-Szene. Was am Ende draus wird? „Ein Ale.“ Die fruchtigen Noten des Centennial-Hopfens, die noch an den Fingerspitzen der Hopfenzupfer zu riechen sind, werden dann in dem Bier zu schmecken sein.

Doch bevor sich die Helfer an die Chinook-Pflanzen machen, gibt es erst einmal Kürbissuppe aus dem Café der Gemüsewerft. „Alles eigene Zutaten“, sagt Michael Scheer. „Na gut, alles außer dem Ingwer.“

Helfer zupfen fast die gesamte Jahresernte

Neben all dem Gemüse hat sich der Hopfen inzwischen zum Aushängeschild der Gemüsewerft entwickelt und macht das urbane Landwirtschaftsprojekt auch über die Grenzen Bremens hinaus beliebt. „Northern Hallertau“ nennen sie nicht ganz ohne Augenzwinkern, aber selbstbewusst ihre Hopfenanbauflächen in Gröpelingen und der Überseestadt – in Anlehnung an die Hallertau in Bayern, das größte Hopfenanbaugebiet der Welt.

Denn inzwischen wachsen in den Gemüsekisten nicht nur Hopfenpflanzen für Freyblers Braukessel. Michael Scheer verkauft die Pflanzen an andere Urban-Gardening-Projekte. In einem Stadtgarten in Groningen wachsen Pflanzen aus Bremen. Bald in Berlin. Auch andere Projekte seien interessiert daran, Hopfen für lokale Craft-Bier-Anbieter wie Markus Freybler anzubauen.

Am Sonntag haben Scheer und Freybler gemeinsam mit den Helfern fast die gesamte Jahresernte gezupft. Zwar ist der Ertrag in diesem Jahr trotz der neuen Pflanzen nur so hoch wie im Vorjahr: der Sommer war zu nass und zu kalt. Aber Michael Scheer ist am Abend trotzdem zufrieden. „Ich bin begeistert, dass Leute das so interessant finden, dass sie ihren freien Sonntag damit verbringen“, sagt Scheer. Und die Helfer sahen das offenbar ähnlich. „Die haben alle gesagt: Bis nächstes Jahr.“

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