Umbau der Bremer Innenstadt

Parken im Herzen der Stadt

Die Pläne des Unternehmers Kurt Zech, das Parkhaus Mitte in Bremen abzureißen und die Innenstadt umzugestalten, stoßen überwiegend auf positive Resonanz. Aber reicht der Parkraum dann noch aus?
09.07.2017, 18:46
Lesedauer: 6 Min
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Parken im Herzen der Stadt
Von Lisa Boekhoff
Parken im Herzen der Stadt

Der Bremer Dom, die Kirche Unser Lieben Frauen – und ein Parkdeck. Dieser Blick könnte bald Geschichte sein. Kurt Zech will das Parkhaus Mitte kaufen und abreißen.

Christina Kuhaupt

Zentraler geht‘s nicht. Das Parkhaus Mitte thront im Herzen der Bremer Innenstadt. Obernstraße und Sögestraße liegen gleich in der Nähe. Autofahrer steigen quasi direkt in der Fußgängerzone aus. Doch nach den Plänen des Unternehmers Kurt Zech könnte das in Zukunft vorbei sein. Er will das Parkhaus kaufen und abreißen. Statt der Parkdecks soll es neue Passagen geben, neue Wege für die Besucher der Innenstadt.

Auf eine solche Initiative haben Stadtplaner und Politiker nur gewartet. Denn der Bremer City fehlen Rundläufe und Verbindungen in umliegende Viertel. Die Begeisterung ist deshalb groß, dass ein privater Investor an dieser Stelle gestalten und ausdrücklich aufwerten möchte. Ob jedoch am Ende Parkplätze fehlen, wenn der Abriss tatsächlich kommt, ist eine andere Frage. 1060 Stellplätze hat das Parkhaus der Brepark – so viel wie keines ihrer anderen.

Weg vom Auto in der Stadt

Zur Auslastung der Parkhäuser will Erika Becker jedoch nichts sagen. „Das ist branchenüblich. Dazu geben wir keine Auskunft. Das entspricht nicht unserer Geschäftspolitik. Wir haben kein Monopol, sondern stehen in Konkurrenz zu anderen Wettbewerbern“, sagt die Geschäftsführerin der Brepark. Allerdings sei die Auslastung ja kein Geheimnis und für jeden transparent einzusehen. App, Homepage und die Anzeigetafeln in der Stadt zeigen genau an, wie viele Plätze wo belegt sind. Die Pläne für das Parkhaus Mitte will Becker zum jetzigen Zeitpunkt nicht kommentieren. Nun seien erst viele Gespräche notwendig, wie es weitergehen soll. Daran hängt die Frage, ob der Ausfall andernorts kompensiert wird.

Verkehrs- und Bausenator Joachim Lohse (Grüne) sieht das ähnlich: „Es ist zu früh, um jetzt schon sagen zu können, wo, wie viele und wie wir die wegfallenden Plätze des Parkhauses Mitte ersetzen.“ Doch klar ist für ihn schon jetzt, dass es nun gelte, die Bremer City für die kommenden Generationen neu zu denken und zu entwickeln. Das gelte auch in Bezug auf den Verkehr, Parkplätze und die Mobilität. „Wir sollten einen Fehler definitiv nicht machen: wieder eine autozentrierte City wie aus den 70er-Jahren des vergangenen Jahrtausends zu entwerfen.“ Um im Städtewettbewerb mitzuhalten und auch bei den Touristen erfolgreicher zu sein, müsse Bremen sich mit „den vibrierenden Fußgängerzonen anderer attraktiver Innenstädte messen und nicht nur an den Einheitseinkaufszentren mit ihren seelenlosen Großraumparkplätzen.“ Lohse will dagegen stärker auf den Umweltverbund setzen. Besucher sollen zu Fuß mit Rad, Bahn oder Bus in die Innenstadt kommen.

Parkhaus Mitte

"In Bremen gibt es ein überproportionales Parkplatzangebot", sagt Heiko Strohmann, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion - das Parkdeck in der Innenstadt trägt seinen Teil dazu bei.

Foto: Christina Kuhaupt

Aus seiner Behörde heißt es außerdem, dass es bisher ein Überangebot an Parkplätzen in der Innenstadt gibt. Nur an bestimmten Wochenenden im Jahr, etwa in der Weihnachtszeit, gebe es eine Vollauslastung. Eine Studie zeigte vor wenigen Jahren, dass selbst zu Spitzenzeiten oft ein Drittel der Plätze leer steht.

Fünf Parkhäuser der Brepark sind unmittelbar an oder in der Innenstadt. Das Parkhaus Am Brill hat 950 Plätze, das Pressehaus 660. Deutlich weniger bieten die Parkhäuser Katharinen­klosterhof (350), Am Dom (404), Stephani (440), Ostertor/Kulturmeile (448) oder Überseestadt (249).

Auf der Bürgerweide gibt es zudem mehr als 2500 Plätze. Wer dort parkt, kann sein Ticket für Bus oder Bahn nutzen.

Jan-Peter Halves, Geschäftsführer der City-Initiative, findet die Entfernung allerdings zu groß. „Es ist wichtig, dass die Distanzen fußläufig zu erreichen sind. Kunden lassen sich nicht umerziehen. Sie sind sehr empfindlich.“

Er plädiert dafür, genau zu schauen, wo die Parkplätze für das Parkhaus in der Nähe ersetzt werden könnten – etwa, indem andernorts aufgestockt oder neu gebaut wird. „Wenn die Kunden nicht auf das Auto verzichten wollen, müssen Orte gefunden werden, wo sie untergebracht werden können.“ Das alte Parkraumkonzept müsse überholt werden. „Das ist so alt, das hat keine Wirksamkeit mehr.“ Die Pläne des Unternehmers sieht Halves jedoch als große Chance.

Heiko Strohmann (CDU): "Autos gehören an den Rand der Innenstadt"

Die Opposition teilt die Freude des Bremer Senats über die Pläne, ist wegen des Wegfalls der Parkplätze aber unterschiedlicher Ansicht. „Autos gehören an den Rand der Innenstadt“, sagt Heiko Strohmann, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Ohnehin: In Bremen gebe es ein überproportionales Parkplatzangebot. „Selbst wenn man das Parkhaus Mitte ersatzlos streichen würde, wäre das nicht dramatisch.“

„Wenn das Parkhaus Mitte mit seinen über 1000 Plätzen wegfällt, werden neue Stellplatzangebote benötigt“, kommentiert dagegen FDP-Fraktionschefin Lencke Steiner. „Die Menschen wollen bequem zum Shoppen – auch mit dem Auto. Nur so können wir wirklich mit den umliegenden Einkaufszentren konkurrieren.“ Sie fordert von der rot-grünen Regierung ebenfalls ein aktuelles Parkraumkonzept.

Das müsste derzeit noch mit einigen Fragezeichen operieren. Derzeit ist offen, wie sich der Lloydhof, das Bremer Carree und das Sparkassengebäude entwickeln. Geht es nach so manchem Planer, steht auch das Parkhaus Am Brill womöglich auf der Abschussliste. Vor dem Hauptbahnhof entsteht zugleich eine neue Tiefgarage. Kommt der Zentrale Omnibusbahnhofs (ZOB), ist auch in seiner Nähe ein Parkhaus geplant.

Robert Bücking, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Fraktion der Grünen, hofft wie sein Parteikollege Lohse auf eine zeitgemäße Organisation des Verkehrs. „Komfortable Mobilität und Erreichbarkeit der Innenstadt geht heute, ohne dass wir das Beste, was wir haben, mit Blech zustellen müssen.“

Das sagen die Besucher der Innenstadt:

Es ist viel los an diesem Vormittag in der Innenstadt. Im Parkhaus Mitte steht der Fahrstuhl kaum still. Manfred Wolters und seine Frau sind aus Osterholz zum Bummeln hergekommen. Nun soll es zusammen mit den Einkäufen zurück zum Auto gehen. Die beiden lösen ihr Ticket.

Von den Abrissplänen des Unternehmers Kurt Zech haben sie gelesen. „Der Zulauf zur Innenstadt wird damit nicht gefördert“, ist das Ehepaar sich sicher, sollte es denn keine Alternative in der Nähe geben. Noch mehr Kunden könnten in Zukunft die Waterfront oder Dodenhof ansteuern wegen der kostenlosen Stellplätze dort.

"Der Weg ist sicher - gerade, wenn man nachts nach einer Feier zurückfährt"

Noch ist nicht bekannt, wie und womit Zech die Passagen genau gestalten möchte. Viele Besucher reagieren deshalb weniger euphorisch als die Politik, das Parkhaus abzureißen. Maria-Luca Hanisch und Denise Dahlke finden die zentrale Lage für das Auto praktisch. Der Weg sei zudem sicher – gerade, wenn man nachts nach einer Feier zurückfahre. „Es gibt nicht so viele Parkplätze hier. An diese Möglichkeit haben wir uns gewöhnt.“ Der Anblick des Umfelds um das Parkhaus stört die jungen Frauen indes nicht.

„Das finde ich grauenhaft“, entfährt es einer Frau, die auf dem Weg zum Auto in Eile ist. „Wo sollen wir dann parken?“ Das Parkhaus sei für Besucher aus dem Umland gut zu finden. „Total praktisch“, findet es Rainer Widder aus Hambergen. Die Nähe zur Innenstadt sei wegen der Einkäufe schön. Er hat etwas im Auto vergessen und will es rasch holen. Klar, die Ecke sei schon renovierungsbedürftig. Kai Flottemesch und Isabell Klose aus Vechta haben ihr Auto ebenfalls im Parkhaus Mitte stehen. Sie sind unterwegs in der Lloyd-Passage. Die zentrale Lage überzeugt sie. Etwas skeptisch gegenüber den Plänen ist eine andere Kundin des Parkhauses. „Man weiß noch nicht, was kommt“, sagt sie und wartet auf das Retourgeld des Parkscheinautomaten. „Vielleicht ist es sogar besser.“

"Schon unheimlich"

Während viele Autofahrer das Parkhaus nicht missen wollen, freuen sich andere schon auf den Umbruch. „Ich bin dem Zech so dankbar“, sagt eine Anwohnerin der Katharinenpassage. „Endlich passiert mal was. Wenn der Tag kommt, an dem das Parkhaus abgerissen wird, stelle ich mich mit einem Glas Sekt daneben und gucke zu.“ Gerade die Kleine Hundestraße ist dunkel, laut hallen die Motoren. Von hier verlassen die Autos das Parkhaus. Miriam Wilkens ist dort unterwegs. Sie habe sich an die Ecke gewöhnt. „Als ich vor zwölf Jahren hergezogen bin, fand ich sie aber schon unheimlich.“ Doch sie habe auch Verständnis für die Autofahrer. Gerade zu Weihnachten sei der Parkraum knapp. Anwohnerin Kerstin Kunz findet ebenfalls: „Schön ist es nicht.“ Zeina Sampa plädiert ebenfalls für den Abriss der Parkdecks: „Es ist gut, wenn das Parkhaus wegkommt. Das Zentrum ist zum Einkaufen da.“

Auf Facebook kommentieren viele User die Pläne kritisch, wenige begrüßen sie. „Großeinkauf mit Familie in der City ohne Parkmöglichkeit – die Center wird es freuen!“, schreibt Ralf Erdmann auf der Seite des WESER-KURIER. Maxi Pohl kommentiert: „Ist ok. Trifft diesmal wenigstens kein historisch wertvolles Gebäude, sondern nur das zentralste, größte Parkhaus in einer Stadt, in welcher man nicht parken kann.“ Rainar Haucke etwa merkt an: „Erst mal abwarten!“

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