Findorffer zeigen mit der Aktion „Platz da“, wie sie sich einen echten Klima-Boulevard vorstellen

Schöner leben an der Münchener Straße

Regensburger Straße. Die Kanalbau- und Umgestaltungsmaßnahmen an der Münchener Straße biegen in die Zielgerade ein, bis zum Oktober sollen die letzten Bauarbeiten beendet werden. Dann soll aus der „Findorffer Autobahn“ eine Straße geworden sein, mit der sich besser leben lässt.
09.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Die Kanalbau- und Umgestaltungsmaßnahmen an der Münchener Straße biegen in die Zielgerade ein, bis zum Oktober sollen die letzten Bauarbeiten beendet werden. Dann soll aus der „Findorffer Autobahn“ eine Straße geworden sein, mit der sich besser leben lässt. So hatte man es sich in Findorff bereits seit Jahren gewünscht, und das ist auch alles gut und schön, fanden die Initiatoren der Aktion „Platz da“. Aber unter einem „Klimaboulevard“ hatten sie sich etwas ganz anderes vorgestellt. Sie wünschen sich, dass die Stadt mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität und mehr Bürgerengagement fördert – oder zumindest erlaubt.

Zurzeit ist es noch ziemlich ruhig an der Münchener Straße. Solange die Durchfahrt wegen der Baustelle blockiert ist, suchen sich Auswärtige andere Wege, und auch nach der Wiedereröffnung im Herbst soll der motorisierte Verkehr das Straßenbild nicht wie früher dominieren. Die Fahrbahnbreite wird um eineinhalb Meter reduziert und geteilt mit den Radfahrern auf ihren Schutzstreifen, das Parken ist platzsparend angeordnet. Umso mehr Freiraum ist jetzt auf den Gehwegen: All das ist auch im Sinne der Initiative „Leben in Findorff“, die am Freitag, 3. Juli, zum Aktionstag aufrief. Erwünscht waren Ideen, die die Straße beleben. Denn „lebendige und attraktive Straßen und Plätze gehören zu einer lebenswerten zukunftsfähigen Stadt dazu“, finden die Organisatoren.

Zentrum des Geschehens war der neu gestaltete Kreuzungsbereich Münchener / Augsburger Straße. Dort hatten zeitweise mehr als 50 Menschen jedes Alters reichlich Platz, und dazu diverse Pavillons, Sitzgruppen und Liegestühle. Die fünfjährige Marlene hatte sich mit ihrem Flohmarktstand ausgebreitet und ihrem Sortiment an Büchern und Spielsachen. Vater Peter Holz hatte im STADTTEIL-KURIER von der Aktion erfahren und fand, dass sie eine gute Sache sei. Für Ideen, die das Leben „bunt gestalten“, habe er immer einen Sinn, erklärt der Findorffer Maler und Autor. Klaus Prietzel freute sich besonders über das hitzige Ambiente und den selbst gemachten Espresso: Der Bremer BUND-Vorsitzende hatte einen spektakulären „Solarkocher“ mitgebracht und erklärte, dass die nachhaltige Erfindung Göttinger Studenten bereits hunderttausendfach in Afrika und Südasien gute Dienste leistet. Sven Punke und Michael Pelster zimmerten derweil im Schweiße ihres Angesichts Lounge-Möbel aus ausgedienten Paletten, die sofort von Sonnenanbetern in Besitz genommen wurden. Das Café Knubke und der Bio-Laden „Flotte Karotte“ versorgten die Gäste mit Kaffee und Kuchen, Sitzgelegenheiten und Schattenspendern.

Nur zum Spaß war die Aktion allerdings nicht gedacht, erklärte Sven Punke von „Leben in Findorff“. Es sei unbestritten, dass die bauliche Umgestaltung der Straße ein Gewinn sei. Doch die Lebensqualität sei nicht mitgeplant worden. „Es wurde viel zu viel Fläche versiegelt, es gibt kaum Grün und keine einzige Bank“, sagt der Findorffer Architekt. Mehr Natur in der Stadt zu verwurzeln, das ist auch der Wunsch von Rike Fischer, die mit der Initiative „Bremen im Wandel“ der Einladung gefolgt war. Sie hatte sich auf dem Findorffmarkt mit Storchenschnabel, Eisenkraut und Glockenblumen eingedeckt und bepflanzte gemeinsam mit Angelika Punke Maurerkübel. Seit drei Jahren entwickeln die Mitglieder von „Bremen im Wandel“ Ideen für ein nachhaltiges Leben in der Stadt, seit einigen Monaten treffen sie sich dafür regelmäßig in der „Leuchtturmfabrik“ an der Münchener Straße 58. Und die „Betonwüste“, die sie dort vor Augen haben, gefällt ihnen nicht, sagt Rike Fischer. Sie sei „entsetzt“, dass die Fußwege derartig zugepflastert seien. „Das soll eine Klimastraße sein?“, fragt sich die Grafikdesignerin und Dozentin. Marco Schöling aus dem Verein „Leuchtturmfabrik“ sieht das ähnlich. Auf dem Gehweg vor seinem Ladenlokal ist die Fußgängerzone nun so großzügig, dass sie auch immer öfter von Radfahrern genutzt werde. „So war das ja wohl nicht gedacht“, sagt der Findorffer.

Vor genau einem Jahr begannen die Baumaßnahmen in der Münchener Straße. Seitdem wird der Kanal Stück für Stück saniert und der Straßenraum neu geordnet. Außerdem ist die Hauptverkehrsstraße das Bremer Pilotprojekt für das Bund-Programm „Klima-Anpassungs-Strategie“ (KLAS). Extra-große Bauminseln, versickerungsfähiges Pflaster und tiefer liegende Parkstreifen sollen dafür sorgen, dass Regenwasser besser aufgenommen wird. Die Stadt will sich damit auf Starkregen-Ereignisse einstellen, mit denen in Zeiten des Klimawandels häufiger zu rechnen ist.

Von Natur ist allerdings bislang noch nicht viel zu sehen. Die fast 50 jungen Feldahorn-Bäume, die im Rahmen der Maßnahme gepflanzt werden, brauchen noch viele Jahreszeiten, bis sie wirklich ins Auge fallen. Eine gute Idee wäre es, einzelne Flächen zu entsiegeln und zu bepflanzen, schlägt Sven Punke vor. Er ist sich sicher, dass sich genügend freiwillige Gärtner finden ließen, die sich als Pflege-Paten um die Beetinseln kümmern würden. Ein Vorbild sei das Projekt „Bremen blüht auf“ des BUND Bremen, über das in der Stadt Blühstreifen angelegt wurden: Nicht nur Augenweiden, sondern auch Lebensraum für wilde Pflanzen, Bienen und Schmetterlinge.

Die Dinge so einfach selbst in die Hand nehmen, das sei natürlich nicht erlaubt, weiß Punke. Die Initiative habe sich daher vorgenommen, den Findorffer Beirat mit ins Boot zu holen. Die benachbarten Anwohner und Geschäftsleute hätten die Aktion mit viel Wohlwollen begrüßt: „Viele kamen vorbei, um Blumen oder Geld für Pflanzen zu spenden“, erzählt der Findorffer. Und politisch hat er bereits einen Grünstreifen am Horizont entdeckt: „Im neuen Koalitionsvertrag steht eindeutig, dass „Urban Gardening“-Projekte gefördert werden sollen.“

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