Vorteil Stadtnähe

Bremen ist Spitzenreiter im Ökolandbau

Der Ökolandbau gewinnt immer mehr an Bedeutung. Bremen ist in puncto ökologischer Landwirtschaft sogar Spitzenreiter. Vorteil für die Bauern hier ist die Stadtnähe.
26.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Bremen ist Spitzenreiter im Ökolandbau

Bio-Landwirt Jan Geerken mit seinen Angus-Rindern. Ökolandbau gewinnt immer mehr an Bedeutung

Christina Kuhaupt

Die Auflagen klingen hart: Pestizide sind nicht erlaubt, auch kein Mineraldünger und Gentechnik sowieso nicht – wer als Landwirt Lebensmittel im Ökolandbau produziert, muss sich an strenge Bedingungen halten. Schon seit vielen Jahren dürfen nur Lebensmittel das Siegel „Öko“ oder „Bio“ tragen, die den EU-Rechtsvorschriften zum ökologischen Landbau entsprechen. Und die gesunden Lebensmittel, seien es Milch, Fleisch, Gemüse oder Obst, bringen für die Verbraucher höhere Preise mit sich.

Dennoch hat der Ökolandbau in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Nach den neuesten Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) ist Bremen im Ökolandbau inzwischen Spitzenreiter: Fast 25 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche werden von insgesamt 30 Bio-Betrieben bewirtschaftet – gegenüber bundesweit nur knapp zehn Prozent und in Niedersachsen sogar etwas weniger als fünf Prozent der Fläche, auf denen Ökolandbau betrieben wird. „Die Spitzenposition Bremens kommt allerdings auch dadurch zustande, dass es in Stadtstaaten nur vergleichsweise wenige Landwirtschaftsbetriebe gibt“, sagt Ralf Hagens, Präsident der Landwirtschaftskammer Bremen, „und die stadtnahe Lage der Betriebe begünstigt eine Direktvermarktung der Produkte.“

EU finanziert Biofleisch finanziell

Anfang Juni hat der 25-jährige Landwirt Jan Geerken aus Walle seinen Betrieb auf „Bio“ umgestellt: Er betreibt Mutterkuhhaltung mit 105 Tieren, von denen etwa 70 Tiere Angus-Rinder sind – eine Rasse, die besonders zartes Fleisch liefert und sich für eine ganzjährige Weidehaltung eignet. „Vorher habe ich gemolken, doch inzwischen verkaufe ich keine Milch mehr. Ich setze nun ganz auf Fleischproduktion und möchte das Fleisch direkt vermarkten“, sagt Geerken, der für sein Biofleisch finanzielle Unterstützung durch die EU erhält. „Meinen Kundenkreis muss ich mir allerdings erst noch aufbauen“, sagt der Landwirt, „doch da es in einem stadtnahen Betrieb wie im Blockland viel Laufkundschaft gibt, sehe ich darin keine großen Probleme.“

Um sein Fleisch an den Verbraucher zu bringen, musste Geerken bisher den Viehhändler dazwischen schalten, nun bleibt die Wertschöpfung weitgehend in seinem Betrieb. Allerdings sei damit auch der Vermarktungsaufwand erheblich höher. „Ich musste die Räume für Lager und Verpackung erst schaffen und den Stall entsprechend herrichten“, sagt er. Erst in etwa einem Jahr könne er damit rechnen, das Bio-Siegel zu erhalten.

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„Da meine Flächen in einem Gebiet liegen, das nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützt ist, hat sich gegenüber früher nicht viel verändert“, sagt Geerken. Grünland-Umbruch war schon vorher auf den Flächen nicht erlaubt. Bei einem Öko-Betrieb mit Grünlandbewirtschaftung muss er nun auch auf mineralischen Dünger verzichten. „Ich habe auch keine Möglichkeit mehr, Unkräuter wie das giftige Jakobs-Greiskraut anders als mit mechanischen Methoden zu bekämpfen“, sagt er. Die Grünlandpflege funktioniere nur noch über den Schnitt, der drei bis fünf Mal im Jahr erfolge. Arzneimittel würden den Tieren jedoch auch bei einem Bio-Betrieb weiterhin verabreicht. „Es ist eine Täuschung des Verbrauchers, wenn so getan wird, als würden Rinder aus Bio-Betrieben keine Medikamente erhalten“, sagt Geerken.

Nachhaltige Ressourcennutzung steht im Vordergrund

Von Bremer Seite erfahre er genügend Unterstützung, nicht zuletzt durch die Umweltsenatorin. Insgesamt aber stünde die Landwirtschaft derzeit zu Unrecht in der Kritik. Ökolandbau könne helfen, das Ansehen von Landwirten in der Bevölkerung zu verbessern. Denn die nachhaltige Nutzung der Ressourcen stehe im Vordergrund, wobei möglichst in geschlossenen Kreisläufen gearbeitet werde. Im Idealfall würden Ackerbau und Viehzucht kombiniert. Doch viele Betriebe setzten weiter auf reine Grünlandwirtschaft oder auf die Produktion von Kulturpflanzen auf Feldern.

„Wir tragen den Vormarsch des Ökolandbaus in Bremen mit“, sagt Ralf Hagens, Präsident der Landwirtschaftskammer, „und wegen der stadtnahen Lage der Betriebe können diese die Direktvermarktung gut nutzen.“ Ob eine Umstellung auf Öko möglich sei, hänge jedoch von den betriebseigenen Möglichkeiten ab, sagt er: Habe ich als Landwirt einen Nachfolger, so dass sich die teuren Investitionen überhaupt lohnen? Und beides, Verbraucher- wie Erzeugerseite, müssten zusammenpassen, damit der Ökolandbau funktioniere. Nur bei einer entsprechenden Nachfrage habe er Chancen, die derzeit allerdings nicht schlecht seien: „Der Wunsch der Menschen, sich gesund zu ernähren, ist deutlich größer geworden“, sagt Ralf Hagens.

Und auch Jan Geerken blickt optimistisch in die Zukunft: „Ich habe nach der Betriebsumstellung keine großen Ängste, denn die Nachfrage nach Biofleisch ist groß.“

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Ökologischer Spitzenreiter

24,3 Prozent und damit rund ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche im Land Bremen wird ökologisch bewirtschaftet. Damit ist das Bundesland bundesweit Spitzenreiter vor Berlin mit 22,3 Prozent und dem Saarland mit 18,1 Prozent Ökolandbau. Bundesweit liegt die Quote lediglich bei 9,7 Prozent. Das geht aus den Zahlen der Strukturdaten vom Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung hervor. Seit fünf Jahren ist Bremen bereits Bio-Stadt – mit dem Ziel, eine gesunde und ökologische Ernährung für alle Menschen der Stadt zu ermöglichen. Der Aktionsplan 2025 sieht vor, das Essen in städtischen Schulen, Kitas und Krankenhäusern auf regionale Bioprodukte umzustellen. „Bremen geht mit gutem Beispiel voran“, freut sich Yuki Henselek, Geschäftsführerin des Bioland Landesverbandes Niedersachsen/Bremen. „Jetzt müssen aber auch die anderen Bundesländer schleunigst nachziehen, wenn wir bundesweit das von der Bundesregierung gesetzte Ziel ‚25 Prozent Ökolandbau bis 2030‘ erreichen wollen.“ Rückenwind bekommt der Ökolandbau derzeit durch eine enorme Nachfrage der Verbraucher. „Gerade in der Corona-Krise haben viele Menschen ihr Konsumverhalten umgestellt und begonnen, mehr Bio-Lebensmittel zu kaufen“, sagt Henselek, „besonders die Direktvermarkter bekommen die gestiegene Nachfrage zu spüren und haben alle Hände voll zu tun.“ „Ich freue mich, dass wir jetzt deutschlandweit eine Vorreiterrolle einnehmen“, sagt auch Ulli Vey, der mit seiner Frau Carola seit 1993 in Bremen-Blumenthal Angusrinder züchtet und damit zu den ersten Bioland-Pionieren der Stadt gehörte. Sein Biolandhof Blumenthal ist ein vom Landwirtschaftsministerium ernannter Demonstrationsbetrieb.

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