Fußball Die unendliche Geschichte

Der Fußballverein SV Wilhelmshaven kämpft seit Jahren um die Wiederaufnahme in die Regionalliga. Jetzt wird auch am Landgericht Bremen darüber verhandelt.
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Die unendliche Geschichte
Von Patrick Reichelt

Harald Naraschewski musste vor dem Landgericht Bremen im Kampf gegen den Norddeutschen Fußballverband (NFV) ein paar herbe Schläge einstecken. „Wir haben vielleicht eine Runde verloren, doch den Kampf noch lange nicht“, sagte der Rechtsanwalt und Aufsichtsrat des Fußballvereins SV Wilhelmshaven. Der SVW, derzeit in der Bezirksliga, will zurück in die Regionalliga Nord. Dort spielten sie bis zur Saison 2013/14, bis sie durch den NFV zum Zwangsabstieg verdonnert wurden.

Um die ganze Geschichte zu verstehen, muss man lange in der Zeit zurückreisen, nämlich fast genau ein Jahrzehnt. 2007 verpflichtete der damalige Regionalligist einen Abwehrspieler aus Argentinien und sollte dafür eine Ausbildungsentschädigung von knapp 160 000 Euro an dessen vorherige Klubs zahlen. So ist es in den Statuten der Fifa geregelt. Aber nicht in denen des NFV. Deshalb verweigerte der SV Wilhelmshaven die Zahlung. Doch er sollte auf andere Weise zahlen. Denn die Fifa machte Druck auf den DFB, drohte sogar damit, Deutschland von der WM 2014 auszuschließen. Der DFB gab den Druck weiter an den NFV. Der zog dem SV Wilhelmshaven zuerst Punkte ab und beschloss dann zum Ende der Saison 2013/14 den Zwangsabstieg. Mit dramatischen Folgen für den SVW. Dem Klub gingen Sponsoren und die besten Spieler verloren. Mittlerweile sind die Wilhelmshavener noch weiter abgestürzt, bis in die Bezirksliga Weser-Ems. Dem SV Wilhelmshaven ist nach eigenen Angaben ein Schaden in Millionenhöhe entstanden. Durch den von der Fifa verordneten sportlichen Niedergang – und durch die Verfahren.

Der Fall landete schließlich vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe, begleitet von großer medialer Beachtung. Die Richter entschieden im September 2016 im Sinne des SV Wilhelmshaven und verwarfen den Zwangsabstieg, weil eine Ausbildungsentschädigung in den Regularien der Fifa und des DFB vorgesehen sein mag, in den Statuten des NFV aber nicht geregelt ist. Und nur den Regeln des NFV ist der Klub laut Bundesgerichtshof unterworfen. Fall abgeschlossen? Noch lange nicht.

Denn die Richter urteilten nur über die Vergangenheit, nicht über die Zukunft. Sie stellten zwar fest, dass der SV Wilhelmshaven zu Unrecht aus der Regionalliga verbannt worden war, ließen aber offen, was daraus zu folgen hat. Das Urteil besagt nicht, dass der Verein wieder in die Regionalliga aufgenommen werden müsse. Folglich weigern sich die Verbände, dies zu tun. Begründung: Der SV Wilhelmshaven hätte auch ohne den Zwangsabstieg die Liga verlassen müssen. Tatsächlich beendete der Klub die Spielzeit auf dem drittletzten Platz und wäre auch sportlich abgestiegen. Nach Auffassung von NFV und DFB haben die Wilhelmshavener deshalb keinen Anspruch auf die Wiederaufnahme in die Regionalliga und auch nicht auf Schadenersatz.

Nun also das Zivilverfahren vor dem Landgericht Bremen. Dort befand SVW-Mann Naraschewski: „Die Bekanntgabe des Zwangsabstiegs war Wettbewerbsverzerrung.“ Die Spieler wären danach so demotiviert gewesen, dass sie schlechter spielten und in der Folge auf einem Abstiegsplatz landeten. Die Kammer sieht das als schwer beweisbar an. Außerdem könne man einen Zeitraum nicht beliebig mit einem anderen Zeitraum vergleichen. Sprich: Die Wiederaufnahme in die Regionalliga bezöge sich auf die Saison 2014/15, der ersten Saison nach dem Zwangsabstieg. Und nicht auf eine beliebige Saison in der Zukunft. Anderweitige Schadenersatzforderungen blieben davon jedoch unberührt, so die Richter.

Gespräche über eine gütliche Einigung hat es bereits gegeben. Denkbar wäre laut NFV-Präsident Eugen Gehlenborg etwa die Veranstaltung eines Länderspiels oder Projekte in der Jugendförderung. „Millionenbeträge können wir jedoch nicht leisten“, so der NFV-Chef. Er wolle den Fall nun endlich aus der Welt schaffen, dafür müssten sich aber beide Parteien kompromissfähig zeigen. Vielleicht gelingt das ja schon im Januar. Dann wollen sich der SVW und der NFV noch einmal außergerichtlich treffen. Nach fast zehn Jahren Streit scheint eine Einigung jedoch unwahrscheinlich. Das Gericht wird dann am 8. März eine Entscheidung treffen. Naraschewski gab sich vor den zahlreichen Medienvertretern in Bremen noch einmal betont kämpferisch: „Am Ende muss man nur eine Instanz gewinnen – und das ist die letzte.“

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