Turnen, Olympia, Breitensport

Pioniere des Frauensports

Frauen haben ihre Rechte erkämpft, auch im Sport. Wir stellen drei Menschen vor, die den Weg für den Frauensport in Bremen geebnet haben.
07.02.2021, 05:00
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Pioniere des Frauensports
Von Lisa Urlbauer

Tokio wird das erste Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele sein, dass nahezu gleich viele Frauen und Männer an der Sportveranstaltung teilnehmen. Im Bemühen um Gleichberechtigung erlaubt das Internationale Olympische Komitee außerdem erstmals zwei Personen pro Land, die die Fahnen tragen – einen Mann und eine Frau. Vor 125 Jahren, bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, sind Frauen noch kategorisch ausgeschlossen gewesen. Um das zu verändern, brauchte es Menschen, die sich trotz Widrigkeiten dafür einsetzten. Drei Bremerinnen und Bremer, die genau das gemacht haben, stellen wir vor.

Beginn des Frauensports

Der Wegbereiter des Bremer Frauensports, wie sollte es auch anders gewesen sein, war ein Mann. Abgesehen von Gesellschaftstänzen schickt es sich für die Frau des 19. Jahrhunderts nicht, körperlich aktiv zu sein. Konservative Männer sehen Scham, Sittsamkeit und Anstand von Frauen im Geräteturnen verletzt. Ärzte kritisieren das Vorhaben, Frauen Spreiz- und Grätschübungen machen zu lassen.

Doch mit der aufkommenden Frauenbewegung werden die Forderungen lauter, Frauen aus den starren gesellschaftlichen Vorstellungen zu lösen. Mehr Bewegungsfreiheit, weniger Korsettzwang. Diesem Gedanken folgt auch Arno Kunath – und führt 1892 im Allgemeinen Bremer Turnverein (ABTV), heute Bremen 1860, das Frauen- und Mädchenturnen ein. Damit ist der ABTV der erste Verein in Bremen und im gesamten norddeutschen Raum, der das Frauenturnen erlaubt. Zuvor hat der Pädagoge und Turnlehrer bereits in Leipzig Deutschlands erste Damenriege im Sport gegründet.

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„Das war eine wahnsinnige Pionierarbeit, die er geleistet hat“, sagt Regina Contzen vom Bremer Frauenmuseum. „Das konnte damals nur ein Mann machen, Frauen hatten gar keinen Stellenwert.“ Contzen hat die Bedeutung von Kunaths Wirken für den Frauensport recherchiert. Sein Einfluss ist enorm, in Bremen und deutschlandweit: Kunath schreibt mehrere Turnbücher, über die sich seine Ideen im ganzen Land verbreiten. Nicht nur zum Frauensport: Kunath gilt als Schöpfer der deutschen Turnsprache und erfindet Strichmännchen zur Verdeutlichung der Übungen, die Vorläufer der Piktogramme. Übrigens ist auch seine Tochter eine Pionierin, und zwar in der Luftfahrt: Hanna Kunath, geboren 1909, wird Bremens erste Pilotin.

Erste Olympionikin

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts breitet sich der Frauensport weiter aus und erreicht den Wettkampf- und Spitzensport. Golf und Tennis sind die ersten olympischen Disziplinen, an denen Frauen 1900 teilnehmen dürfen. Bogenschießen folgt 1904, Eislaufen und Schwimmen in den Jahren danach. 1928 werden Frauenwettbewerbe in der Leichtathletik eingeführt, 101 Sportlerinnen aus 18 Nationen nehmen teil – darunter auch die Bremerin Leni Fischer-Schmidt.

Fischer-Schmidt, geboren 1906, tritt früh der Bremer Turnvereinigung von 1877 bei, spielt Schlagball und Handball. Dabei wächst ihr Interesse an der Leichtathletik. Auf den stadtbremischen Meisterschaften 1924 läuft sie die 100 Meter in 12,4 Sekunden – deutscher Rekord. Als solcher gewertet wird er allerdings nicht, weil ihr Verein nicht dem Leichtathletikverband angehört. Trotz herausragender Leistungen kann sie an den Olympischen Spielen 1924 in Paris nicht teilnehmen. Frauen sind in der Leichtathletik noch nicht zugelassen, außerdem ist Deutschland in Folge des Ersten Weltkriegs ausgeschlossen.

Mittlerweile Mitglied beim heutigen ATSV Bremen 1860, wird Fischer-Schmidt 1928 für Olympia nominiert. Die deutsche Frauenleichtathletik gehört zu dieser Zeit zu den leistungsstärksten der Welt. Bei den Olympischen Spielen in Amsterdam stellt Fischer-Schmidt mit 25,7 Sekunden auf der 200-Meter-Strecke einen deutschen Rekord auf. Mit ihren Teamkolleginnen gewinnt sie in der 4 x 100-Meter-Staffel die Bronzemedaille in 49 Sekunden hinter Kanada und den USA.

1929 wird sie bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften Dritte im 200-Meter Lauf, ein Jahr später findet ihre sportliche Karriere ein plötzliches Ende: Bei einem Unfall mit einem verirrten Weitspringer zieht sich Fischer-Schmidt einen komplizierten Knöchelbruch zu.

Sport für alle

Es ist befriedigend, Wegbereiterin gewesen zu sein“, sagte Gisela Bentz einmal. Und eine Wegbereiterin, die war sie. Geboren 1920, bestimmt die Sportlehrerin und Professorin die Sportentwicklung der Nachkriegszeit wesentlich mit. Ihre Wirkstätte: der Breitensport. Vor allem Mädchen und Frauen möchte Bentz sportliche Aktivitäten schmackhaft machen. Nicht nur in Bremen nimmt sich Bentz des Themas an, sie treibt Bewegung für alle auch deutschlandweit und international voran.

In zahlreichen Publikationen befasst sie sich mit der pädagogischen Bedeutung des Sports. Auf Bundesebene ist sie in mehreren Ausschüssen tätig – Breitensport, Wissenschaft und Bildung sowie Frauensport. Von 1984 bis 1990 agiert sie als Vizepräsidentin des Landessportbundes Bremen. Ihr Sachverstand wird zwar geschätzt – dass sie eine Frau ist, aber weniger, wie sie später erzählt.

Unter dem Motto „Spiel mit – da spielt sich was ab!“ gründet Bentz am Muttertag 1980 den Spieltreff am Marcus-Brunnen im Bürgerpark. Von Mai bis September werden kostenlose Sportgeräte herausgegeben und sportliche Spiele für Kinder und Erwachsene organisiert, auch heute besuchen ihn jede Saison noch bis zu 8000 Personen.

Für ihr Engagement erhält Bentz viele Würdigungen – von der Bremer Senatsplakette hin zum Bundesverdienstkreuz und der Auszeichnung des internationalen Olympischen Komitees. Bentz hat sich ihr Leben lang dem Sport gewidmet, mit 88 Jahren leitet sie noch eine Turngruppe. Da lebt Bentz bereits im Seniorenheim, wo sie 2011 verstirbt. Anlässlich ihres 100. Geburtstags ist vom Bremer Bürgerparkverein in Kooperation mit dem Bremer Frauenmuseum im September eine Gedenktafel für Bentz eingerichtet worden – am Rande des Spieltreffs im Bürgerpark.

Info

Zur Sache

Versteckte Geschichte(n)

Frauen durften lange Zeit wenig - geleistet haben sie dennoch viel. Was genau, das erfahren Interessierte im Nachschlagewerk „Frauen Geschichte(n). Biografien und FrauenOrte aus Bremen und Bremerhaven." Das Bremer Frauenmuseum hat das Buch 2016 veröffentlicht. Darin werden mehr als 300 Bremerinnen und ihre Leistungen vorgestellt, darunter auch die Sportlerinnen Leni Fischer-Schmidt und Gisela Bentz.

„Das Leben und Wirken von Frauen wird nicht so deutlich wahrgenommen wie das von Männern“, sagt Regina Contzen. Sie ist Vorstandsmitglied des Frauenmuseums, das sich 1991 gegründet hat, um diese Lücke im öffentlichen Bewusstsein zu schließen. Neben Veröffentlichungen zu frauengeschichtlichen und -politischen Themen engagiert sich das Museum zum Beispiel auch dafür, dass die Leistungen von Frauen ebenso gewürdigt werden wie die von Männern. So wurde 2014 in den Wallanlagen ein Weg nach Annemarie Mevissen benannt, Bremens erster Bürgermeisterin. Ein Erfolg nach vielen Bemühungen, auch wenn es seitens der Museumsverantwortlichen heißt, dass ein Platz oder eine Straße angemessener gewesen wären.

Das Bremer Frauenmuseum wirkt seit 30 Jahren auf das öffentliche Leben im Land ein und kooperiert dafür zum Beispiel mit der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichstellung der Frau (ZGF). Eigene Räumlichkeiten gibt es aber nicht. Gespräche mit Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) habe das Museum geführt, sagt Contzen. „Die finanziellen Mittel reichen aber nicht.“

Nähere Informationen gibt es im Internet unter www.bremer-frauenmuseum.de

Weitere Informationen

Sport soll Menschen vereinen – ganz unabhängig vom Geschlecht. Doch wie weiblich ist der Sport wirklich? Und haben Frauen in Sportvereinen die gleichen Chancen wie Männer? Dieser und weiterer Fragen nimmt sich die neue Serie „Wir im Sport“ an, die in loser Reihenfolge im WESER-KURIER erscheint.

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