Ungeliebte Spirituose Trio will Korn wieder salonfähig machen

Bäuerlich, muffig, angestaubt und meist billig: Das ist das Image des Weizenkorns, wie es zwei Bremer und eine Hamburgerin empfinden. Um das zu ändern, haben sie das Getränk "Nork" auf den Markt gebracht.
01.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Trio will Korn wieder salonfähig machen
Von Pascal Faltermann

Das Herrengedeck, der Cola-Korn, der Korn zum Bier – wer den Schnaps in einer städtischen Szene-Bar ordert, bekommt sofort einen Stempel aufgedrückt: Landei, Bauer oder Schützenfest-Besucher – Korntrinker werden in eine provinzielle Schublade gepackt. Das Image des Weizenkorns ist bäuerlich, muffig, angestaubt und meist billig. So empfinden es zumindest zwei Bremer und eine Hamburgerin, die das ändern wollen. Ann-Katrin Dallmeyer, Lars Mehlhop-Lange und Johann Dallmeyer gehen gegen diese Vorurteile vor. Sie wollen die Spirituose wieder salonfähig machen.

An den Straßenecken entstehen jede Menge Gin-Bars. Tanqueray, Bombay Sapphire oder Gordon’s – gefühlt jede Woche kommt ein neuer Wacholderschnaps auf den Markt. Mindestens genauso beliebt ist der Rum, der dem Whisky am Tresen den Rang abläuft. Die Schnaps-Industrie entwickelt sich fast zu einem Mode-Business.

Cocktails bekommen immer längere Namen und haben immer zahlreichere und außergewöhnlichere Inhalte. Die Welt der Spirituosen wird moderner und spezieller. Rum, Gin und Whiskey sind populär und cool. Nur der Korn nicht. Den gibt es in der Wahrnehmung der drei jungen Gründer an 80. Geburtstagen oder auf der Kohltour – aber nicht in den Kult-Kneipen und Cocktail-Bars.

Wodka-Trinker soll überzeugt werden

So kam es wie es kommen musste: „Im Dunst einer besonders langen Nacht wuchs die Erkenntnis, dass diese traditionsreiche Spirituose Besseres verdient, als bis in alle Ewigkeit das Dasein des hässlichen Entleins zu fristen und nur noch in der Kombination mit Fanta die Dorfjugend zu beglücken“, erklärt Johann Dallmeyer.

Die drei Freunde machten gemeinsam die Erfahrung, dass es nicht nur schlechten, günstigen Korn gibt, sondern auch hochwertigeren, geschmackvolleren. „Wir haben diesen unterschätzten Underdog gleich ins Herz geschlossen“, sagt Lars Mehlhop-Lange mit einem Lachen. Das Ziel des Trios: Sie wollen den Wodka-Trinker überzeugen, der das Gesicht verzieht und die Nase rümpft, wenn er „Korn“ hört.

Ohne großartige Vorerfahrung was die Herstellung oder den Vertrieb von Spirituosen angeht, mussten die Jungunternehmer in den vergangenen Wochen und Monaten sich erst einmal Wissen aneignen und viel lernen. Ein Name war schnell gefunden: „Nork“, ein Anagramm von Korn. Die Geschwister Dallmeyer und Mehlhop-Lange erarbeiteten ein Konzept, einen Plan, wie sie ihr Projekt umsetzen wollen. Da alle in Vollzeit arbeiten, legten sie Nachtschichten ein. Ann-Katrin Dallmeyer ist studierte Grafikerin mit Schwerpunkt Kommunikationsdesign, Bruder Johann im Projektmanagement im öffentlichen Dienst tätig und Lars Mehlhop-Lange ist Texter. Da waren die Aufgaben schnell verteilt.

Kornbrennerei aus Scheeßel setzt Idee um

Mit der traditionellen Kornbrennerei Hanschen Harm aus Scheeßel fanden sie einen Partner, der den Korn nach ihren Vorstellungen herstellt: „Er soll hochwertiger, weiterhin klassisch und am Geschmack einer städtischen Zielgruppe orientiert sein", erklärt Johann Dallmeyer. Ein Doppelkorn, der vor allem in Longdrinks und Cocktails verwendet werden soll. Brennerei-Eigentümer Harm Grobrügge ließ sich von der Idee begeistern. Herausgekommen ist laut Angaben der Macher ein Korn mit einer präsenten Getreidenote im reinen Weizendestillat. Er soll eine leicht malzige Alkoholsüße haben und recht mild sein.

Die Lage der Brennerei zwischen Bremen und Hamburg passte dem Unternehmer-Trio gut ins Konzept. Sie wollen die meist scherzhaft gemeinte Rivalität zwischen den beiden Hansestädten durchbrechen. Im Produkt spiegelt sich die Koproduktion wider: Das Wasser, mit dem „Nork“ auf 39 Prozent gesetzt wird, besteht zu gleichen Teilen aus Hamburger und Bremer Quell- und Trinkwasser.

Eine einfache Flasche sollte es auch nicht sein, das Team fand das Wunschexemplar bei einer französischen Glashütte. Für die Etiketten auf der Flasche wählten sie nicht gerade die günstigste Variante und holten sich das Team der Steintorpresse aus dem Bremer Viertel ins Boot, die mit Hand betriebenen Druckmaschinen die Flaschenaufkleber im Letterpress-Verfahren druckt.

Projekt läuft dank Crowdfunding

Da die Eigenmittel nicht ausreichten und die Gründer auf große Investoren keine Lust hatten, musste ein anderer Weg eingeschlagen werden. Um die Finanzierungslücke für das Projekt zu decken, startete das Dreierteam eine Crowdfunding-Aktion, um die erste, klein gewählte Auflage von 300 Hand-nummerierten Flaschen auf den Markt zu bringen. Innerhalb von nur drei Tagen sammelten die „Nork“-Macher über die Plattform Startnext den fehlenden Geldbetrag ein.

Für die Initiatoren kam das selbst überraschend. Es gebe ihnen aber den Antrieb weiterzumachen. Die Crowdfunding-Campagne läuft weiterhin. Interessierte können das Projekt noch mehr als 20 Tage unter der Internetadresse www.startnext.de/nork unterstützen. Wer einen finanziellen Beitrag leistet, bekommt dem Betrag angepasste Dankeschöns – vom Schluck bis zur Flasche Korn oder einem Bar-Starterset.

Schnaps-Projekt unterstützt Flüchtlinge

Aufgefallen ist die Idee in Bremen bereits. Im Wettbewerb „Campusideen“ der Hochschulinitiative Bridge von der Universität sowie den Hochschulen im Land Bremen ist das Schnaps-Projekt unter den Finalisten. Mit dem Preis werden Studierende und junge Wissenschaftler für Ideen und Konzepte ausgezeichnet.

Den Machern ist bewusst, dass das Thema Alkohol natürlich ein zweischneidiges Schwert ist. Aus diesem Grund überlegten sie sich etwas mit nachhaltigerem Wert. „Von jeder verkauften Flasche geht ein Euro direkt an die Initiative Refugees Welcome Karoviertel“, sagt Dallmeyer.

Weitere Informationen gibt es unter https://www.facebook.com/thisisnork , http://www.thisisnork.com und http://www.startnext.com/nork

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